https://www.faz.net/-gtl-u8ja

Jan Ullrich tritt zurück : Das Rennen ist vorbei

  • -Aktualisiert am

Viele Repräsentanten des Profi-Radsports haben sich von ihm abgewandt Bild: REUTERS

Jan Ullrich war viele Sommer lang der Schrittmacher des deutschen Radsports. Nun hört er auf und wird Berater eines zweitklassigen Teams in Österreich. Einen 45-minütigen Monolog nutzte er zu einer Generalabrechnung - das Wort „Doping“ nahm er nicht in den Mund. Von Rainer Seele.

          4 Min.

          Auftritt Jan Ullrich, elf Uhr. Pünktlich erscheint der einstige Radstar, um zu verkünden, was erwartet worden ist: Rücktritt als Profi, das Rennen ist vorbei, endgültig. Ullrich sitzt auf einem Podium im Ballsaal eines Hamburger Hotels, es ist ein trister, ein regnerischer Tag. Hinter ihm ist ein großes Bild zu sehen: Ullrich im Gelben Trikot von 1997, ein lachender, ein strahlender Held. Gelb, eine Farbe, die lange sein Leben, sein Streben bestimmte. Doch in der Gegenwart dominieren dunklere Töne.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Ullrich trägt am Montag blaue Jeans, ein graues Jackett. Er redet lange, fast 45 Minuten, eine halbe Stunde sollte ursprünglich sein Vortrag dauern. Vor ihm liegt eine Sammlung von Blättern, manchmal liest Ullrich von ihnen ab, bisweilen spricht er frei mit Blick in das Auditorium. Mitunter verhaspelt er sich, aber der Rostocker war ja noch nie ein großer Redner. Immerhin, Ullrich wirkt in der Stunde des Abschieds gefestigt, er geht in die Offensive - mit harschen Attacken gegen seine Kritiker.

          „Ich habe mir nichts vorzuwerfen“

          Aber er weicht auch aus: Der Verdächtigte umgeht das Wort Doping, sehr bewusst offensichtlich. Er sagt auch nicht explizit, dass er unschuldig sei. Er behauptet nur lapidar: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen.“ Niemanden habe er betrogen, niemanden geschädigt, sagt Ullrich, der im vergangenen Jahr vor der Tour de France von seinem Rennstall T-Mobile suspendiert wurde. Später erhielt er die Kündigung von den Bonnern, weil er in das spanische Dopingnetzwerk um den Arzt Eufemiano Fuentes verstrickt sein soll.

          Jan Ullrich : Video: Ullrich steigt für immer aus dem Sattel

          Am Montagmittag flankiert ihn nur ein Mann, sein PR-Berater. Doch Ullrich legt Wert auf die Feststellung, dass ihm seine Stellungnahme nicht diktiert worden sei. Er betont: „Das sind meine Gedanken, meine Gefühle.“ Nach der Hälfte seiner Ausführungen erklärt er offiziell seinen Rückzug, sein Ende jedenfalls als Profi. Obwohl er doch fit sei, wie er beteuert. Obwohl er doch Angebote von sieben Mannschaften habe, darunter ProTour-Teams. „Ich könnte sofort eine Lizenz haben“, sagt Ullrich. Aber am großen Rad möchte er nicht mehr drehen, und vielleicht hätte er dies - trotz der angeblichen Offerten - auch nicht mehr machen können. Die Anschuldigungen gegen ihn wiegen schließlich schwer, die Ermittlungen laufen weiter, ungeachtet seiner Demission.

          Viele Jahre Schrittmacher des deutschen Radsports

          „Jetzt weiß ich, was ich will“, sagt Ullrich in Hamburg. Er will dabei einer inneren Stimme gefolgt sein. Schluss mit der Strampelei, die ohnehin seit längerem nicht mehr sein Dasein bestimmt. Seit Juni 2006 bestritt Ullrich, der Tour-Sieger von 1997, kein Rennen mehr. Dem Radsport möchte er jedoch weiterhin verbunden bleiben, „ohne ihn kann ich nicht leben“. Er spricht von Liebe, von Leidenschaft, und scheint es tatsächlich ernst zu meinen.

          Der Raum, in dem er sich offenbart, ohne allzu viel zu sagen, ist dekoriert mit einigen Rennrädern; seit einiger Zeit lässt Ullrich solche Maschinen unter seinem Namen entwerfen. Der Saal ist auch mit einigen Trikots geschmückt, die seine Laufbahn prägten. Weltmeister, Olympiasieger, der Tour-Triumph: Ullrich ist Schrittmacher für den deutschen Radsport gewesen, er hat viele Sommer lang die Nation bewegt, er hat Hoffnungen erfüllt - und auch enttäuscht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Franziska Giffey: Möchte die Berliner mit dem Thema Innere Sicherheit überzeugen.

          Parteitag der Berliner SPD : Giffey will es wissen

          Auf dem ersten hybriden Parteitag der Berliner SPD wirbt die Bundesfamilienministerin für ihre Führungsrolle in der Hauptstadt. Zu ihrer Doktorarbeit sagt sie nichts. Nun kommt es darauf an, wie stark ihre Partei sie machen will.
          Ein AfD-Mitglied beim Landesparteitag der AfD Rheinland-Pfalz am vergangenen Wochenende

          Vor dem Parteitag : Die AfD trifft sich im Wunderland

          Rund 600 Delegierte wollen auf dem Gelände des einstigen Kernkraftwerks in Kalkar über ein Rentenkonzept debattieren – unter strikter Einhaltung der Maskenpflicht, sonst droht ein Abbruch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.