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Jan Ullrich : „Deutschland hat es in der Hand, ob es den Radsport kaputt macht“

  • Aktualisiert am

Ullrich wollte „mal wieder mit vielen Freunden Rad fahren” Bild: AP

Jan Ullrich ist für ein Benefiz-Rennen wieder auf das Rad gestiegen. „Ich kann hier keinen stören oder schädigen“, sagte der ehemalige Profi. Zu den Doping-Vorwürfen gegen ihn äußerte sich der 33-Jährige nicht.

          15 Monate nach seinem Ausschluss von der der Tour de France 2006 hat Jan Ullrich unter großem Medienrummel wieder an einem Radrennen teilgenommen. Der ehemalige Profi stieg am Mittwoch im schwäbischen Weil der Stadt bei einer Benefiz-Veranstaltung zu Gunsten von behinderten Kindern in den Sattel.

          „Deutschland hat es in der Hand, ob es den Radsport kaputt macht“, sagte der Tour-Sieger von 1997 zu den vielen Doping-Schlagzeilen der vergangenen Monate. Zu den Vorwürfen, vom spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes mit unerlaubten Mitteln versorgt worden zu sein, äußerte sich Ullrich nicht. Er hat die Verdächtigungen stets von sich gewiesen.

          „Ich kann hier keinen stören und schädigen“

          Als Ullrich bei dem Jedermann-Rennen als Fahrer im Team von Olympiasieger Gregor Braun vorgestellt wurde, jubelten mehrere hundert Zuschauer und Teilnehmer. Buhrufe gab es keine. Allerdings äußerten sich einige Besucher wie Kurt Nüssler aus Calw auch kritisch: „Dass Jan Ullrich hier mitfährt, finde ich nicht so gut, der zieht den Radsport runter. Mann kann erwarten, dass er sich endlich mal äußert.“

          Zuspruch in Magenta

          Der Auftritt des 33-Jährigen, der „mal wieder mit vielen Freunden Rad fahren“ wollte, wurde von einem großen Medienaufgebot begleitet. „Ich glaube, heute kann ich hier bei diesem Thema keinen stören und schädigen“, sagte Ullrich mit einem etwas angestrengten Lächeln. Unter den 700 Teilnehmern waren auch Weltmeisterin Hanka Kupfernagel, der WM-Dritte Stefan Schumacher und Ullrichs früherer T-Mobile-Teamkollege Andreas Klöden.

          „Wir wollen heute weniger politisch sein“

          Ullrich gab sich betont locker und meinte vor der 60 Kilometer langen Fahrt: „Wenn ich heute einen 33er Schnitt fahre, dann bin ich zufrieden.“ Dass er in der Gunst vieler Fans tief gefallen ist, nahm er mit einem Achselzucken hin: „Die Deutschen sind halt so, wie sie sind.“

          Der gebürtige Rostocker war am 30. Juli 2006 von der Frankreich-Rundfahrt ausgeschlossen worden, nachdem er in Verbindung mit Fuentes gebracht worden war. Seitdem hat er kein Rennen mehr bestritten. Am 26. Februar dieses Jahres hatte Ullrich sein Karriere-Ende bekannt gegeben. „Wir wollen heute weniger politisch sein“, meinte der ebenfalls teilnehmende Deutschland-Tour-Sieger Jens Voigt. „Wenn Ulle ein paar Gelder zusammenkriegt, dann ist er willkommen.“

          Voigt fragt: „Wer sind die 150 anderen?“

          Der Berliner vom Team CSC 78 reagierte jedoch genervt auf den Medienrummel („Warum muss ich jeden Tag immer aufs Neue alles wiederholen?“) und nahm seine unter Verdacht geratenen Kollegen indirekt in Schutz. „Auf der Fuentes-Liste sind 200 Sportler, 50 davon sind Radsportler“, sagte er an die Journalisten gewandt. „Wer sind die 150 anderen? Da muss man doch auch mal recherchieren.“

          Mitte September war bekannt geworden, dass der Staatsanwaltschaft Bonn Informationen über Konto-Bewegungen zwischen Ullrich und Fuentes in fünfstelliger Höhe vorliegen. Zuvor war bereits durch einen DNA-Abgleich bewiesen worden, dass 4,5 Liter Blut von Ullrich in neun Beuteln bei dem Doping-Mediziner lagerten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Olympia-Sieger von 2000 in Sydney wegen Betruges zum Nachteil seines ehemaligen Arbeitgebers T-Mobile. Ullrich lebt mit seiner Frau Sara und dem im August geborenen Sohn Max in Scherzingen in der Schweiz. „Ich komme ganz gut mit der etwas ruhigeren Phase zurecht“, sagte er.

          Unterdessen hat der siebenmalige Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong seinen früheren Edelhelfer Floyd Landis in Schutz genommen und die Dopingsperre gegen Landis kritisiert. Armstrong griff am Dienstag (Ortszeit) in New York das französische Labor an, bei dem die Proben von Landis von der Frankreich-Rundfahrt 2006
          analysiert worden waren. Die positiven Tests hatten auch dazu geführt, dass dem Amerikaner sein Tour-Sieg mit mehr als einjähriger Verzögerung aberkannt worden war.

          „Ich verstehe das Urteil nicht“

          „Wenn man jemand zum Tod verurteilt, was sie praktisch gemacht haben, kann man keine schäbige Arbeit tolerieren, die offensichtlich abgeliefert wurde. Ich verstehe das Urteil nicht“, sagte Armstrong während eines Werbetermins des amerikanischen Sportartikelkonzerns Nike. Zudem hätte ein amerikanisches Schwurgericht sicher zu Gunsten von Landis geurteilt, meinte Armstrong, der sich im Zusammenhang mit seinem ersten Tour-Sieg 1999 selbst Dopingvorwürfen ausgesetzt sah. „Ich habe Floyds Fall nicht so sehr verfolgt, aber wäre das ein Prozess in den USA gewesen, mit acht oder zehn oder zwölf unserer Landsleute, kommt man jedes Mal davon oder wird verteidigt.“

          Das mit dem Fall befasste amerikanische Schiedsgericht hatte Landis vor zwei Wochen wegen Testosteron-Dopings mit 2:1-Stimmen zu einer zweijährigen Sperre verurteilt und betont, die Mängel im Labor hätten nicht ausgereicht, um den positiven Test für ungültig erklären zu lassen.

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