https://www.faz.net/-gtl-uasc

Jan Ullrich : Blut und Lügen

Das war Jan Ullrich: Die Demontage eines Idols Bild:

Nun ist der Beweis erbracht, dass Dopingdoktor Fuentes Blut aus dem begnadeten Körper des ersten und einzigen deutschen Tour-de-France-Siegers in seiner Tiefkühltruhe lagerte. Jan Ullrich hat also gelogen - ob er gedopt hat, steht noch nicht fest. Ein Kommentar von Michael Reinsch.

          2 Min.

          Ach, der gebeutelte Jan Ullrich. Nun ist also der Beweis erbracht, dass der Dopingdoktor Eufemiano Fuentes Blut aus dem begnadeten Körper des ersten und einzigen deutschen Tour-de-France-Siegers in seiner Tiefkühltruhe gelagert hatte. Eine Überraschung ist das nicht mehr. Warum hätte der spanische Hochleistungsarzt sonst auf die Beutel mit dem ganz besonderen Saft „Jan“ oder, offenbar in Anspielung auf dessen Betreuer Pevenage, „Rudis Sohn“ schreiben sollen? Vermutlich handelt es sich bei den Gaben nicht um Blutspenden Ullrichs. Doch der Beweis, dass das Blut angereichert zurückgeführt werden sollte oder dass Ullrich auf diese Art und Weise schon früher gedopt wurde, ist damit rechtlich nicht erbracht.

          Bleibt es also dabei, dass es eine innere Stimme war, die Ullrich riet, nach seinem Ausschluss von der Tour vor dem Start im vergangenen Sommer, nach seinem Rauswurf aus dem Team T-Mobile und nach der Strafanzeige wegen Betruges Schluss zu machen mit dem Sport? Im besten Alter für einen Radprofi? Waren es nicht eher seine Berater, die erkannten, dass ein Athlet wie Ullrich buchstäblich nicht mehr vermittelbar ist?

          Fragen verboten, Herzen verloren

          Das Publikum ist nicht auf die Unschuldsvermutung verpflichtet. Es verschenkt sein Herz, wie es will. Und es verweigert seine Zuneigung, wo es nicht mehr folgen will. Gerade im Sport mit seiner Massenproduktion von Triumphen und Wundern ist der Erfolg eine heikle Gratwanderung. Jan Ullrich, der sich im Sommer vor zehn Jahren auf dem Weg hinauf nach Andorra in das Gelbe Trikot schwang, wurde mit dem Gewinn jener Tour de France zu einem scheinbar unsterblichen Liebling der Nation.

          1993: Straßen-Weltmeister der Amateure
          1993: Straßen-Weltmeister der Amateure : Bild: dpa

          Respekt erwarb er sich später: durch seine mannhaft durchgestandenen Niederlagen gegen Marco Pantani, das wohl berühmteste Dopingopfer der Welt, und gegen den unersättlichen Lance Armstrong, der auf wundersame Art und Weise den Krebs überwand und die Tour als Erster und wohl Einziger sieben Mal gewann. Der eine wurde des Dopings überführt und zerbrach daran; der andere wird Zeit seines Lebens unter dem Verdacht stehen, skrupelloser und erfolgreicher als andere gedopt zu haben.

          Mit den Händen an der Keksdose

          Ullrich, trotz einer Dopingsperre wegen Amphetaminmissbrauchs in einer Rehabilitationsphase, stand bis zum Sommer vergleichsweise gut da. Dann trafen ihn die Nachrichten vom Dopingring aus Spanien und den Folgen der Razzien. Dass er seinen Abschied kürzlich mit einer Pressekonferenz gab, auf der Fragen verboten waren, und mit einem Talkshow-Auftritt, in dem er mehr als alles andere schwitzte und stammelte, das ruinierte sein Ansehen vollends.

          Ohne es zu wollen, machte Ullrich deutlich, dass er, der große Radrennfahrer, nur ein kleines Rädchen im großen Getriebe des Sports war. Aus dem Gesicht der Tour de France 1997, vielleicht sogar dem Antlitz des deutschen Sports überhaupt damals, ist die Fratze eines Verstockten geworden, hinter der sich dreiste Machenschaften verbergen. Die meisten der Herzen, die ihm einst zugeflogen waren, hat Ullrich längst verloren.

          Tiefpunkt eines gebeutelten Sports

          Für den Entzug von Zuneigung wie von Vertrauen bedarf es, da hilft keine Juristerei, keiner Beweise. Ullrich steht mit seinen Blutbeuteln nicht besser da als der freche Junge mit den Händen an der Keksdose: ertappt. Ullrichs Beteuerung, er habe niemanden betrogen, versteht indes jeder. Der Zweifel an jeder hervorragenden sportlichen Leistung, an jedem Rekord, ist noch weiter verbreitet als Doping selbst. Besser macht das die Sache nicht. Jan Ullrich verkörpert auf dem Tiefpunkt auch dies: einen gebeutelten Sport.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Totales Debakel für Inter Mailand

          Champions League : Totales Debakel für Inter Mailand

          Gegen Real Madrid verliert der italienische Spitzenklub nicht nur das Spiel und Profi Arturo Vidal nach einem Platzverweis – auch die Chance auf das Achtelfinale ist in der Gladbach-Gruppe fast dahin. Liverpool ist ebenfalls bedient.

          Topmeldungen

          Die Bundeskanzlerin am Mittwoch vor der Pressekonferenz im Kanzleramt.

          Verlängerter Teil-Lockdown : Wo ist der rote Faden?

          Merkel und die Ministerpräsidenten stehen immer im Verdacht, selbst wenn sie noch so ausgewogen handeln, doch relativ wahllos zu entscheiden. Das mehrt die Unzufriedenheit – ist aber der goldene Mittelweg.

          Zum Tod von Diego Maradona : In den Händen Gottes

          Bei der WM 1986 wurde er in Argentinien zum Heiligen. Er war einer, der es nach ganz oben schaffte. Nun muss die Fußball-Welt sich von einem ihrer größten Spieler verabschieden: Im Alter von nur 60 Jahren ist Diego Armando Maradona gestorben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.