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Jan Ullrich bei Beckmann : Ich trau keiner Socke mehr über den Weg

Demonstrativ gutgelaunt: Ullrich bei Beckmann Bild: dpa

Wer nichts zu sagen hat und nichts sagen will, für den werden geschlagene achtzig Minuten vor laufender Kamera zur Tortur. Doch auch der langmütige Pädagoge Reinhold Beckmann biss sich an Jan Ullrich die Zähne aus. Von Hannes Hintermeier.

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          Bei der mittäglichen Pressekonferenz in Hamburg waren keine Fragen zugelassen, die sollte es nachts exklusiv bei „Beckmann“ geben. Gab es auch, aber wer sich nur je ein wenig mit dem einzigen Deutschen, der die Tour de France gewonnen hat, beschäftigt hat, wusste, dass dabei nichts herauskommen konnte. Zwar war Jan Ullrich von seinen Beratern und Anwälten so gut wie möglich vorbereitet worden, aber wer nichts zu sagen hat, für den werden geschlagene achtzig Minuten vor laufender Kamera dann doch zur Tortur.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Er sei Sportler geworden, kein Redner, sagte Ullrich gleich zu Anfang der Fragestunde - und man mochte ihm sogar glauben, dass dieser Rücktrittstag nicht der schwerste Tag seiner Laufbahn gewesen ist. Das war wohl jener 30. Juni 2006, als man ihn vor Beginn der Tour vom Rennen ausschloss und sein Rennstall T-Mobile ihm via Pressesprecher mitteilen ließ, er sei zu seinem eigenen Schutz suspendiert.

          Beckmann mühte sich redlich

          Seit acht Monaten mauert Ullrich nun also, lässt ab und zu spärlich-trotzige Unschulds- und Duchhalte-Erklärungen über seine Homepage verbreiten. Und nun der große Befreiungsschlag, der Rücktritt quasi als Geständnis? Warum die Speichelprobe so spät? Warum nicht sofort eine DNS-Probe? Beckmann mühte sich redlich, aber vergeblich, dem Radsportler irgendetwas Substantielles zu entlocken. Nein, seine Fans sähen das bestimmt nicht als Schuldeingeständnis; es gebe gar nichts zu gestehen, er habe nie jemanden betrogen und nie jemandem geschadet - Ullrich legt mit Hinweis auf die laufenden Verfahren, die ihn zum Schweigen zwängen, die gleiche Platte auf, die er immer auflegt und die er auch am Mittag in Hamburg abgespielt hatte.

          Wohin er denn die Speichelprobe hätte abgeben sollen, etwa „zu Dir“, fragt er den Interviewer und fiel damit zum ersten Mal ins offensichtlich vertraute „Du“. Beckmann: „Ich hätte sie weitergeleitet.“ Ullrich daraufhin dialektisch vertrackt: Er hätte eine Speichelprobe, wenn er sie abgegeben hätte, nirgendwo abgeben können. So wölkte das vor sich hin, und nach dem ersten zugespielten Film über die Historie des Falles blieb weiter reichlich Zeit, Nebelkerzen zu werfen und pauschale Anschuldigungen gegen die Presse und die Funktionäre des deutschen sowie des internationalen Radsportverbandes UCI zu zünden: Es passierten ja soviele Sauereien in Spanien. Schweigen sei „die einzigste Chance, die ich habe“.

          Das Zauberwort namens Doping

          Und dann versucht es der langmütige Pädagoge Reinhold Beckmann zum ersten Mal mit dem Zauberwort: Er fragte nach der Definition von Doping. Der Schüler Ullrich atmete erst lang und schwer durch - Doping, sprach er dann zögernd, sei, wenn man sich mit unfairen Mitteln einen Vorteil gegenüber seinen Gegnern verschaffen wolle.

          Gegeben, gesucht: Ist der ganze Radsport verseucht? „Das würde ich auch gerne wissen“, konterte Ullrich frech. Eigentlich funktioniere das System doch. Aber Eigenblutdoping könne man nicht nachweisen, setzte Beckmann nach. „Da weißt Du mehr wie ich.“ An dieser Stelle ging Jan Ullrich endgültig zum Du über, und vielleicht hätte der Interviewer - bei allem Respekt vor seiner professionellen Siezerei und Seriosität - sich darauf einlassen wollen, vielleicht hätte er den weniger über die Ratio als über die Emotio funktionierenden Ullrich besser in den Griff gekriegt. Denn der steht schließlich auf dem Scherbenhaufen seiner Karriere.

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