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THW Kiel : Am Ende der Dürre?

  • -Aktualisiert am

Abwurfbereit: Kiels Marko Vujin im Testspiel gegen Barcelona Bild: dpa

Der THW Kiel will endlich wieder Vorreiter sein: Mit modernen Strukturen und dem künftigen Trainer als Assistenten auf der Bank.

          Eine enge Zusammenarbeit mit täglichen, langen Gesprächen und Telefonaten zwischen den beiden Kieler Protagonisten ist es nicht erst seit Mitte Juli, wie Alfred Gislason am Dienstagmittag bei der traditionellen Saisoneröffnungsshow des THW Kiel am Tag vor dem Testspiel gegen Hannover Burgdorf am Mittwoch (19 Uhr) verriet: „Ich habe Filip schon vor neun Monaten angerufen und ihm gesagt, dass ich mit unserer 6:0-Deckung nicht zufrieden bin. Ich habe ihm gesagt, er soll sich mal Gedanken machen, wie unsere Abwehr wieder aggressiver spielt.“ Das war mehr Befehl als Frage. Jicha konnte kaum ablehnen.

          Damals war zumindest noch nicht verkündet, dass Filip Jicha in dieser Saison Gislasons Assistent und von der Spielzeit 2019/2020 an Cheftrainer sein würde – intern war es da aber längst schon geklärt, wie man an der Anekdote sieht, die Gislason zum Besten gab. Gelöst und locker wirkte der 58 Jahre alte Isländer vor seiner elften und letzten Saison für den THW. „Nach 27 Jahren Bundesliga ist es im nächsten Sommer dann gut“, sagte er breit grinsend.

          Spielplan der Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark

          Jicha übernimmt also den deutschen Handball-Rekordmeister als Coach, und das nach nur einem Jahr Lehrzeit – als allzu großes Risiko empfindet der langjährige THW-Profi das nicht: „Ich habe die ganze Zeit in Kiel alles gegeben für diesen Verein, und jetzt kommt etwas zurück. Ich nehme es so, wie es kommt, und werde jetzt ein neues Kapitel aufschlagen.“

          Eine andere Karriereplanung, mit Stationen als Trainer bei kleineren Klubs etwa, sei für ihn nicht in Frage gekommen, sagte Jicha, der 36 Jahre alte Tscheche. „Ich werde ihm viel Verantwortung übertragen und seine Meinung hören. Wir haben lange als Trainer und Spieler zusammengearbeitet, und damals, als ich vor zehn Jahren nach Kiel kam und es nicht einfach war, hier reinzukommen, haben mir die erfahrenen Spieler wie Filip, Stefan Lövgren oder Marcus Ahlm sehr geholfen“, sagte Gislason und fügte halb im Spaß, halb im Ernst an: „Wir verjüngen uns, das ist der natürliche Weg der Dinge. Filip als mein Assistent und unser Sportchef Viktor Szilagyi sind ja deutlich jünger als ich und bringen mich wieder in die Gänge.“

          Gruselige Vorsaison

          Das ist auch dringend nötig, denn der Krösus aus dem Norden hat eine gruselige Saison hinter sich – und die beiden davor waren auch nicht viel besser. Mehr als zehn Millionen Euro gibt die Gesellschaft auch in diesem Jahr wieder für Handball aus; dafür brauchte es aber eine Aufstockung der Gesellschafteranteile um eine Million Euro. Erhebliche Verluste wird es in der Serie 2018/2019 nämlich geben, weil der THW mit seiner Millionentruppe die Champions League verpasste. Das war mehr als peinlich, und ob die Kieler Zuschauer ihren Lieblingen auch in der zweitklassigen EHF-Liga zuschauen werden, gilt als fraglich.

          Vom Spielmacher zum Trainerlehrling: Der THW baut Filip Jicha auf

          Es hat weh getan, wie erst zweimal die Rhein-Neckar Löwen vorbeizogen und dann im vergangenen Juni auch noch die SG Flensburg-Handewitt – die Gislason übrigens in bekannter Understatement-Manier zum Meisterschaftsfavoriten machte. Die Konkurrenz sieht das ganz anders und stempelt die Kieler nach Jahren der Dürre zum Anwärter Nummer eins.

          Während das Team mehr oder weniger das gleiche ist und sich mit dem Mannheimer Abwehrspieler Hendrik Pekeler verstärkt haben dürfte, ist vor allem das Kieler Umfeld zu üppiger Größe gewachsen. Mit Sponsoring-Chef Thorsten Storm, dem Sport-Geschäftsführer Szilagyi und dem neuen Assistenten Jicha hat der THW drei Posten prominent besetzt. Wichtig könnte auch die Anstellung Mattias Anderssons als Torwart-Trainer sein; er wird nach Beendigung seiner aktiven Karriere als Teilzeitkraft für die Kieler arbeiten.

          Trainer auf der Abschiedsrunde: Alfred Gislason (rechts, mit Barcelonas Trainer Xavier Pascual)

          Andere Spitzenklubs sind beim Team um das Team längst nicht so gut bestückt, aber es ist klar, dass die Kieler Vorreiter sein werden: Die Zeiten, als ein General-Manager im Handball die Sponsorengespräche führte, Spieler verpflichtete und sich am besten auch noch um den Hallenbau kümmerte, sind endgültig vorbei – in Kiel ist man überzeugt, dass man die Anforderungen der Gegenwart und Zukunft nur mit mehr Professionalisierung bewältigen wird. „Wir wollen nicht reduzieren und runterfahren, sondern wir greifen an, und dafür müssen wir uns modern aufstellen“, sagte Storm, dessen Vertrag im nächsten Sommer ausläuft. Wie zu hören ist, wird der Manager aber beim THW bleiben und womöglich eine Art Finanzvorstand werden.

          Keine ausgeprägte Nähe zum Team

          Auch der Kader des THW ist gewohnt groß, mit drei starken Linkshändern im Rückraum etwa. Wenn das Verletzungspech wieder so arg zuschlägt wie zuletzt, wird Gislason die ganze Breite seiner Gruppe auch nutzen müssen. Dabei sorgt er sich vor allem um Mannschaftskapitän Domagoj Duvnjak, der nach seiner Knieoperation vor einem Jahr und einer Anschlussverletzung bei der EM in Kroatien die Form sucht. „Ich bin noch nicht bei hundert Prozent“, vermeldete Duvnjak am Dienstag.

          Über seinen ehemaligen Mitspieler Jicha wird auch die Nähe des Trainerteams zur Mannschaft wieder ausgeprägter sein, wobei Jicha sagte: „Nur, weil ich bei Instagram bin und Alfred nicht, ist das kein großer Unterschied. Ich lerne jeden Tag von Alfred. Er ist noch lange kein Oldschool-Trainer.“ Jedenfalls fühlt sich der THW Kiel mit dem „alten“ Gislason und dem „jungen“ Jicha sehr bereit für die neue Spielzeit.

          Entschlossen: THW-Torwart Andreas Wolff

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