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Das perfekte Spiel : Ist Gary Andersons Nine-Darter ein Kunstwerk?

Neun Pfeile für ein Halleluja: Gary Anderson ist in Blackpool das seltene Kunststück eines Nine-Darters gelungen Bild: Picture-Alliance

Neun Würfe sind mindestens nötig, um ein einzelnes Spiel im Darts zu beenden. Gary Anderson ist das nun gelungen. Das Kunststück ist seltener als ein Maximum Break im Snooker. Ist es deshalb auch die größere Leistung?

          2 Min.

          Gary Anderson gehört seit über einem Jahrzehnt zur Weltspitze des Darts. Der Weltmeister der Jahre 2015 und 2016 ist einer, dem die „180“, die Höchstpunktzahl in den drei Würfen einer Aufnahme, gelegentlich von der Hand gehen wie eine Selbstverständlichkeit. Dann sorgt der 47 Jahre alte Schotte für schwindelerregende Power Scores, wie Punktedurchschnitte von weit über 100 pro Aufnahme bezeichnet werden. Und ein Leg, bei dem er 501 Punkte auf 0 herunterspielen muss, endet unfassbar schnell. Das perfekte Leg indes, ein Leg in den mindestens benötigten neun Würfen, ist dem Pfeilewerfer am Donnerstagabend erst zum dritten Mal in einem Wettbewerb auf Profiebene gelungen, obgleich er schon zigtausende Legs auf der Profitour gespielt hat. Das legt den Schluss nahe, dass der Nine-Darter eben doch eine ganz enorm schwierige Angelegenheit ist.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und doch verwundert es, wenn man den Vergleich zum großen Bruder Maximum Break zieht, dem anderen Kunstwerk, das seinen Ursprung in einer Kneipe hat. 139 Maximum Breaks sind im Snooker im offiziellen Turnierbetrieb seit 1982 gezählt worden, es gelten wie bei der Nine-Dart-Finish-Zählung mit den Pfeilen nur im Fernsehen übertragene und somit nervlich besonders strapaziöse Spiele. Im Darts gab es das perfekte Spiel von John Lowes erstem Nine-Darter im Jahr 1982 bis zu Andersons Serie am Donnerstag lediglich 51 Mal, selbst bei Zählung der zwölf lediglich im Internet übertragenen perfekten Würfe sind es nur 63.

          Die perfekten Spiele in der Billard-Variante Snooker sind indes aus einigen Gründen erst einmal als schwieriger einzuschätzen, auch wenn 147 Punkte weniger sind als 501. Die Gesamtzahl an Legs, die im Darts gespielt wird, ist deutlich höher als die Zahl an Frames, was schlicht und ergreifend an der deutlich kürzeren Dauer für ein Darts-Leg im Vergleich zu einem Snooker-Frame liegt.

          Zudem ist die Zahl der Jagden nach der 147 dadurch begrenzt, dass der Gegner direkt Einfluss nimmt auf die Punktzahl des Gegners. Versenkt er nur eine rote Kugel, ist die 147 nicht mehr möglich. Im Darts ist ein perfektes Leg vom Gegner nur dadurch zu verhindern, indem er als Anwerfer mit neun Pfeilen die 501 herunterspielt.

          Ist das Meisterwerk eines Gary Anderson, eines Michael von Gerwen oder des selbstredend auch bei den Nine-Dartern als Rekordhalter geführten und in diesem Jahr abgetretenen Rekordweltmeisters Phil Taylor also doch besonderer als das Kunstwerk, das Ronnie O’Sullivan, Mark Selby, John Higgins, Judd Trump oder in alten Tagen Stephen Hendry auf den Snooker-Tisch zaubern, obgleich deren sportliche Wundertat auf 36 nahezu perfekten Stößen gründet, während die Pfeilewerfer „nur“ neunmal perfekt werfen müssen? Anderson musst beispielsweise nicht mal eine Minute lang perfekt agieren, um sich rund 50.000 Euro an Belohnung zu verdienen für den Nine-Darter.

          Den Druchblick bewahren: Ronnie O’Sullivan ist im Snooker der Mann für Maximum Breaks
          Den Druchblick bewahren: Ronnie O’Sullivan ist im Snooker der Mann für Maximum Breaks : Bild: AFP

          Sicherlich hat ein O’Sullivan auf seiner Jagd nach dem perfekten Frame gerade zu Beginn mit 15 roten Kugeln auf dem Tisch die ein oder andere Möglichkeit, kleinere Fehler zu korrigieren. Aber ab einem gewissen Zeitpunkt verzeiht der Angriff auf die 147 nicht mal mehr kleinste Abweichungen. Hinzu kommt, dass der für den Snooker-Spieler bis auf den Anstoß jeder Stoß eine neue, durch die Willkür der bis zu 22 Kugeln auf dem Tisch stets einmalige Spielsituation darstellt. Der siebenfache Wurf in die Dreifach-20, je ein Treffer in die Dreifach-19 oder das Checkout auf der 12,  der „normale“ Weg ins Nine-Dart-Glück, sind Standardsituationen. Die Taylors, van Gerwens oder Andersons können sie immer wieder üben. O’Sullivan muss sich hingegen bei jeder Jagd nach dem perfekten Frame immer neuen, nie zuvor in exakt dieser Konstellation gespielten Situation stellen und eine Lösung finden.

          Worüber gar kein Zweifel bleiben soll an dieser Stelle: Das gerne als Vergleichsgröße für die Leistung von Dart-Spielern und Snooker-Stars herangezogene Hole-in-One der Golfer kann natürlich nicht mithalten mit Maximum und Nine-Darter. Da können wir dann doch schon allein der Zahl Glauben schenken. 1 ist nun mal weniger als 147 und auch 501. Das Ass beim Golf ist ein Zufallstreffer. Das ist beim Darts und Snooker anders.

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