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Behindertensport im Fernsehen : Angst vor dem Verschwinden

Was passiert mit dem paralympischen Sport, wenn ARD und ZDF die Scheinwerfer ausstellen? Bild: dpa

Die Vergabe der Übertragungsrechte für die Olympischen Spiele an den Discovery-Konzern wühlt auch den Behindertensport auf. Ist etwa die TV-Präsenz der Paralympics in Gefahr?

          Daniela Schulte konnte die letzten Tage so richtig genießen. Eine angenehme Abwechslung, wie sie findet. Sonst nämlich musste sie bei großen Meisterschaften oft selbst noch ins Becken, wenn die anderen es sich schon gemütlich machen konnten. In Glasgow, bei der paralympischen Schwimm-WM, hatte sie ihre Ausbeute schon bis Donnerstag ins Trockene gebracht: vier Medaillen, eine goldene und drei silberne, bei vier Starts – ein gutes Drittel der elf Medaillen also, die die deutsche Mannschaft insgesamt aus Schottland mitnahm und damit Rang 15 in der Nationenwertung belegte.

          „Sehr zufrieden“, sagt die Berlinerin, sei sie mit ihrem Ergebnis. Das an sich zwar nicht ungewöhnlich ist für die sehbehinderte Dreiunddreißigjährige, die schon reichlich paralympische und WM-Plaketten gesammelt hat. Es war aber eben eine etwas spezielle Saison, mit einem Trainerwechsel nur zweieinhalb Monate vor der WM und rätselhaften Beschwerden, die sich als chronische Nervenwurzelentzündung herausstellten. Deren Folge nicht nur starke Schmerzen waren, sondern auch ein „komplettes Taubheitsgefühl auf der rechten Seite“. Da tat es natürlich besonders gut, in Glasgow wieder - beinahe - zu alter Stärke gefunden zu haben. „Es war noch nicht ganz so wie früher“, sagt sie, „aber mehr, als ich mir erhofft habe.“

          Anderes Aufmerksamkeitsniveau

          Zum schottischen Wohlfühlklima trug für Daniela Schulte aber noch etwas anderes bei: eine angenehme mediale Präsenz aus Deutschland, vor allem von Seiten der öffentlich-rechtlichen Sender. Sportschau, Sportstudio, Sportreportage - Daniela Schulte zählt am Telefon aus der Ferne auf, was in der Heimat auf dem Programm stand an diesem Wochenende. Für sie ist es eine weitere Bestätigung, dass der paralympische Sport, beginnend mit den Spielen von Peking 2008, ein anderes Aufmerksamkeitsniveau erreicht hat. Das Publikum verstehe inzwischen auch, dass es „nicht nur Breitensport ist, sondern richtiger Hochleistungssport“, sagt sie: „Das macht einen schon ein bisschen stolz.“

          Das Problem ist: Es kann sein, dass es so nicht weitergeht. In der paralympischen Szene hat die Nachricht von der Vergabe der Olympia-Rechte an den Discovery-Konzern vor drei Wochen für noch größere Unruhe gesorgt als bei manchem kleineren olympischen Verband. Öffentlich-rechtliches Engagement, verbunden mit der entsprechenden medialen Präsenz, war schließlich die Basis, auf der das Pflänzchen Behindertensport überhaupt erst gedeihen konnte.

          Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands, witterte gleich die Gefahr und wandte sich mit einem ungewöhnlichen Appell an die Player: „Wir erwarten (...) unmissverständlich von den künftigen Vertragspartnern, dass sich alle ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung für eine frei zugängliche Berichterstattung über den paralympischen Sport bewusst sind.“

          Noch ist längst nicht klar, wie die Fernsehwirklichkeit von 2018 an aussehen wird, wenn der große olympische Deal greift. Zumal die paralympischen Rechte unabhängig davon verhandelt werden. Die Sorge aber, sie könnten im Zuge der großen medialen Neustrukturierung von der Bildfläche verschwinden, treibt die Behindertensportler um.

          Daniela Schulte

          „Natürlich“, sagt Daniela Schulte, „macht man sich Gedanken. Es war ja ein harter Kampf für uns.“ Ob sie selbst von dem „Schritt zurück“ betroffen wäre, von dem sie spricht, ist ungewiss; über eine Fortsetzung der Karriere bis 2020 will sie erst nach den Spielen von Rio im nächsten Jahr entscheiden.

          Für die Jüngeren im Team aber, die 18 Jahre alte Emely Telle zum Beispiel, steht viel auf dem Spiel. Glasgow war auch der erste große Wettbewerb ohne die im vergangenen Jahr zurückgetretene Kirsten Bruhn. Eine Karriere im Rampenlicht wie ihre müsste man erst mal hinkriegen, wenn ARD und ZDF nicht mehr die Scheinwerfer hinstellen.

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