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Isabell Werth beim Weltcup : Mutti gegen Mum

„Klar, dass alle warten, dass uns mal ein Fehler passiert“: Isabell Werth auf Weihegold Bild: EPA

Isabell Werth und Weihegold gegen Laura Graves mit Verdades: Beim Weltcup-Finale der Dressur nimmt die Amerikanerin den nächsten Anlauf. Hält das Imperium auch diesmal stand?

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Omaha 2017 war wie verzaubert. Isabell Werth ließ den Champagner schäumen und feierte sich selbst und ihre Stute Weihegold so fröhlich, dass das Publikum sie kaum mehr gehen lassen wollte. Ihre Gegenspielerin beim damaligen Weltcup-Finale der Dressurreiter, die Amerikanerin Laura Graves, die ihr zuvor mit ihrem imposanten Wallach Verdades den Kampf angesagt hatte, musste der Siegerin mit säuerlichem Lächeln gratulieren. Paris 2018 war ein Kampf. Laura Graves hatte sich und ihr Pferd ein gutes Stück weiterentwickelt und gewann diesmal die Aufwärmprüfung, den Grand Prix, Isabell Werth war Zweite. Doch am Finaltag: Wieder keine Chance für die Amerikanerin.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Und 2019 in Göteborg? Graves muss sich sputen: Inzwischen ist Verdades 17 Jahre alt, seine beste Zeit neigt sich dem Ende zu. Ob sie es diesmal schaffen wird? Ob Isabell Werth ihren dritten Weltcup in Serie gewinnen wird – den fünften insgesamt? Oder ob ein anderer den beiden das Duell versalzen wird?

          An diesem Freitag beginnt der Wettbewerb mit einem Grand Prix, am Samstag fällt die Entscheidung in der Kür zur Musik. Die Championesse aus Rheinberg gewann den Titel erstmals vor 27 Jahren, mit der Stute Fabienne, am gleichen Ort, im Scandinavium zu Göteborg. Dieses Jahr wird sie fünfzig Jahre alt, manchmal nennt sie sich selbst scherzhaft „Mutti“, und genießt einen einzigartigen Karriere-Herbst, wahrlich eine Zeit der Ernte.

          Rivalin von Isabell Werth: Laura Graves auf Verdades
          Rivalin von Isabell Werth: Laura Graves auf Verdades : Bild: Imago

          „Es ist klar, dass alle darauf warten, dass uns mal ein Fehltritt passiert“, sagt Isabell Werth. „Jeder kommt immer wieder mit der Frage: Wann kippt es denn?“ Solche Konstellationen seien es aber, die sie anstachelten. „Wenn es nicht mehr spannend wäre, müsste ich meine Karriere an den Nagel hängen.“ Laura Graves werde natürlich mit allem kämpfen, was sie zur Verfügung habe, sagt die sechsfache Olympiasiegerin. „Sie wird wieder mit den Hufen scharren.“ Aber natürlich ist Isabell Werth wie immer hoch motiviert, eine Herrscherin, die sich nicht so leicht vom Thron stürzen lässt. Fast hört es sich an, als wäre die erfahrene Deutsche der Amerikanerin sogar dankbar für den Adrenalin-Schub, den ihre Kampfansagen immer wieder bei ihr auslösen. „Es macht Spaß, zu sehen, ob wir das halten können.“

          Wie in Omaha und Paris wird Isabell Werth mit Olympia-Stute Weihegold am Start sein, obwohl sie in diesem Jahr gleich zwei Pferde qualifiziert hat – auch mit Emilio wäre sie startberechtigt, sie leistete sich ihn gewissermaßen als vierbeinigen Plan B. Mit dem Wallach belegte sie allerdings Mitte März bei der letzten Weltcup-Qualifikation in Den Bosch nur den ungewohnten dritten Platz. Das sensible Pferd hatte seine bisherige Kür an seine Stallkollegin Bella Rose abgeben müssen und musste sich verwirrt mit einer neuen Choreographie herumplagen. „Er kam nicht zur optimalen Entfaltung“, sagt seine Reiterin. Ohnehin habe sie eher mit Weihegold geplant, die auch für die Zucht gebraucht wird und nach dem Weltcup-Finale in eine Babypause geht. Die Stute Bella Rose wiederum, mit der sie im vergangenen Jahr Doppel-Weltmeisterin wurde, war seit November in Stuttgart nicht mehr am Start und ist für die Grüne Saison vorgesehen mit den Europameisterschaften im August in Rotterdam als Höhepunkt.

          Die Mum und ihr großer Liebling

          Während Isabell Werth ihre diversen Pferde auf das Jahr verteilt, konzentriert sich die Laufbahn der 31 Jahre alten Laura Graves auf einen, den großen Liebling: Verdades. Ihre Familie, die in Vermont eine Farm betreibt, kaufte dieses Pferd nur aufgrund eines Videos in den Niederlanden. Seitdem bestimmt „Diddy“, so sein Stallname, Laura Graves’ Leben. „Er weiß, dass ich seine Mum bin“, sagte sie einmal scherzhaft einem Lokalreporter in Vermont. Die Aufgabe, mit seinem überschießenden Temperament zurechtzukommen, war nicht leicht zu meistern.

          Bei einem Sturz vor zehn Jahren verletzte sie sich sogar so schwer am Rücken, dass sie beinahe ihre reiterliche Laufbahn hätte beenden müssen. Später wollte sie Verdades verkaufen – doch weil es so schwer ist, seine Energie zu kanalisieren, wollte ihn niemand nehmen. Schließlich gab sie für ihn ihren Beruf als Friseurin auf und zog 2012 nach Florida, wo sie in Geneva nahe Orlando einen eigenen Reitbetrieb aufbaute.

          Die Wege von Isabell Werth und Laura Graves kreuzen sich nicht oft. Aber in der Weltrangliste liegen sie nahe zusammen. Die Deutsche führt mit Weihegold die Liste an, die Amerikanerin belegt mit Verdades Rang zwei. Längst ist aus der belächelten Träumerin aus Amerika, die sich unerreichbar scheinende Ziele zu setzen schien, eine respektable Herausforderin für Isabell Werth geworden. Der offizielle Pressetext des Weltverbandes gibt zwar eine klare Prognose: „Die medaillenreichste Sportlerin in der Geschichte des Pferdesports wird sich strecken müssen“, heißt es da. „Aber wenn es jemals eine Lady gab, die etwas davon versteht, die Gelegenheit zu nutzen und sich zu steigern, wenn es wirklich nötig ist, dann ist es die Doyenne des Dressurreitens.“ Aber auch ein Star wie Isabell Werth kann vom Lebewesen Pferd zuweilen überrascht werden. Und wenn Laura Graves ihre Chance wittert, wird sie zuschlagen. Im nächsten Jahr ist Verdades schließlich schon 18, für die nächste Challenge wird es womöglich eng.

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