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Ironman auf Hawaii : Mysteriöse Übelkeit am Tag der Leiden

  • -Aktualisiert am

Erfolg macht durstig: Ironman Chris McCormack Bild: AP

So schlecht wie diesmal schnitten Deutsche beim Ironman auf Hawaii seit Jahrzehnten nicht mehr ab: Faris Al-Sultan sagte ab, Norman Stadler musste aufgeben. Der Vorjahreszweite Chris McCormack siegte. Von Steffen Gerth.

          3 Min.

          Auf dem heißen Asphalt des Queen Kaahumanu Highway hatte das Leiden Gesicht und Namen: Katja Schumacher. Gekrümmt vor Schmerzen, kauerte sie am Straßenrand, jeder Magenkrampf stauchte ihren Körper furchtbar zusammen. Sie stammelte von plötzlicher Übelkeit, ihr Organismus hatte Mühe, einen Schluck Cola bei sich zu behalten.

          Katja Schumacher war die letzte Hoffnung der deutschen Triathleten auf einen Spitzenplatz bei der Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii: Bis zu ihrer Aufgabe lag sie auf der finalen Laufstrecke noch auf Platz vier - das Ziel in Kailua Kona erreichte die Frau aus Heidelberg mit Wohnort New York dann im Krankenwagen. So schlecht wie diesmal schnitten Deutsche auf Big Island seit Jahrzehnten nicht mehr ab. Mark Allen, amerikanischer Triathlongroßmeister und sechsfacher Sieger auf der Pazifikinsel, sagte, dass dieses Rennen den alten Hawaii-Mythos wiederbelebt hätte. Er meinte die fast vergessene Unberechenbarkeit dieser Hatz über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen.

          Mysteriöse Erkrankungen

          Diese Unberechenbarkeit traf die Deutschen mit Wucht, Favoritenträume starben. Merkwürdige Magen-Darm-Erkrankungen schüttelten die Athleten: Der Münchner Faris Al Sultan, Sieger des Jahres 2005, sagte eine Stunde vor Rennbeginn seinen Start ab. Normann Stadler, der Titelverteidiger aus Mannheim, trat immerhin an, litt aber fürchterlich. Immer wieder wurde er von Brechreiz geplagt, als er entkräftet frühzeitig vom Rad stieg, legte er sich auf eine Trage und rief nach einer Infusion.

          Erfolg macht durstig: Ironman Chris McCormack Bilderstrecke

          Später berichtete Stadler von Durchfall, der in der Nacht vor dem Rennen eingesetzt habe. Warum, wusste er auch nicht, „ganz normal“ mit Nudeln habe er sich ernährt, risikoreiche Meeresfrüchte „esse ich generell nicht“. Die Saison 2007 sollte Stadler Demut gelehrt haben: Erst das frühe Aus beim Ironman Frankfurt, verbunden mit despektierlichen Bemerkungen für die Gegner, nun das Debakel auf Big Island. Stadlers dröhnender Spitzname „Norminator“ hat vorerst an Gültigkeit verloren.

          Psychotricks und Mummenschanz

          Solch ein Tag der Leiden gebiert aber auch neue Champions. So einen Jubellauf wie von Chris McCormack hat Hawaii noch nicht erlebt. Bereits zwei Kilometer vor dem Ziel ergab sich der Australier seiner Freude. Nach einem famosen Marathon in 2:42 Stunden erfüllte er sich als Männersieger (8:15:34 Stunden Gesamtzeit) einen Traum, „den ich zwanzig Jahre lang geträumt habe. Die letzten 400 Meter auf dem Alii Drive waren so schön wie nichts in meiner bisherigen Karriere“.

          Im Vorjahr noch von Stadler geschlagen, hatte McCormack (Spitzname „Macca“) wie besessen für diesen Triumph gearbeitet - sogar mit Psychotricks: Zur üblichen Pressekonferenz vor dem Rennen war er als einziger geladener Profi nicht erschienen. Vielleicht hat ihm dieser Schachzug das geheimnisvolle Magen-Darm-Leiden der Konkurrenz erspart. Man könnte ihn danach fragen, wenn er aller Voraussicht nach 2008 beim Ironman in Frankfurt antreten wird. Am „besten Tag meines Lebens“ erlief sich McCormacks Landsmann Craig Alexander überraschend Platz zwei (8:19:04) vor dem Dänen Torbjörn Sindballe (8:21:30), der sich vor der selbst für hiesige Verhältnisse großen Hitze mit einem Mummenschanz mit langärmligem weißen T-Shirt und sogar Handschuhen schützen wollte.

          „Wenn es einfach wäre, würde es Fußball heißen“

          Dass die besten Deutschen Athleten waren, die als stille Stars gelten, spricht ebenso für die Unwägbarkeit von Hawaii. Denn der fast 41 Jahre alte Darmstädter Berufsschullehrer Frank Vytrisal auf Platz 14 (8:37:44) ist nicht einmal Vollprofi und wäre gewiss unter die besten zehn vorgestoßen, hätte ihm im Schwimm-Gewühl nicht ein Konkurrent in den Bauch getreten, was ihn den Kontakt zur Spitzengruppe gekostet hatte.

          Kathrin Petzold (Sindelfingen/9:50:38) holte sich ebenfalls mit Platz 14 den inoffiziellen Titel „Beste deutsche Frau“ in einem Rennen, das auch von Ausfällen und Überraschungen lebte. Der Sieg der Engländerin Chrissie Wellington (9:08:45) ist eine Sensation und ein Triumph für den Neuseeländer Brett Sutton, dem geheimnisvollsten Triathlontrainer der Welt. Wellingtons Freudentränen ließen kurzzeitig die Dramen ihrer Konkurrentinnen vergessen.

          So musste die sechsfache Siegerin Natascha Badmann von ihrem Trainer Toni Hassler sehr bestimmt davon überzeugt werden, dass man mit einem gebrochenen Schlüsselbein nicht mehr weitermacht. Die Schweizerin war auf dem Rad über ein Markierungshütchen auf der Strecke gestürzt, aufgestanden - und mit einem neuen Velo zunächst weitergefahren. Die australische Vorjahressiegerin Michellie Jones erwischte ebenfalls auf der Radstrecke diese mysteriöse Übelkeit, die Nicole Leder (im Ziel nur auf Rang 37) bereits nach dem Schwimmen im Körper spürte. Auch der Darmstädterin war das Rennen auf den Magen geschlagen, feste Nahrung verweigerte ihr Körper konsequent (Siehe auch: Die heimliche Chefin ).

          Es war ein Tag der Leiden für überdurchschnittlich viele Athleten, doch die zweitbeste Frau Samantha McGlone erinnerte alle daran, dass man sich damit auf Hawaii abfinden müsse: „Denn wenn es einfach wäre, würde es ja Fußball heißen.“

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