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Irland bei der Rugby-WM : Das grüne Monster

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Irlands Bester: Der „World Rugby Player of the Year“ Jonathan Sexton (Mitte) Bild: AFP

Noch nie hat Irland das Halbfinale einer Weltmeisterschaft erreicht – das soll sich ändern. Im Viertelfinale wartet auf die Iren niemand geringes als Weltmeister Neuseeland – und die „All Blacks“ scheinen nervös.

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          Normalerweise ist Ian Foster ein gemütlicher Typ. Als der Neuseeländer allerdings am Dienstag nach dem Training der All Blacks in Tokio auf einer Pressekonferenz auf seinen Kollegen Andy Farrell vom irischen Team angesprochen wurde, da schien ihm für einen kurzen Moment die gute Laune abhanden zu kommen. Wie es Farell gleich zweimal gelungen sei, den Turbomotor des Weltmeister abzuwürgen, wurde er gefragt. Fosters giftige Antwort: „Ich habe keine Ahnung, mein Freund. Frag doch Andy einfach selbst.“

          Am diesem Samstag treffen Irland und Neuseeland im Viertelfinale der Rugby-WM in Japan aufeinander (um 12.15 Uhr im Livestream auf ran.de). Normalerweise eine klare Sache für Weltmeister Neuseeland. Doch die ungewohnte Nervosität bei den All Blacks und konkret die Frage nach Andy Farell haben einen Grund: Das irische Rugby-Team war 111 Jahre lang ohne Sieg gegen Neuseeland geblieben. Doch dann gelangen der Mannschaft, die sowohl die Republik Irland als auch Nordirland repräsentiert, 2016 und 2018 gleich zwei unerwartete Erfolge. Der gemeinsame Nenner dieser Siege war der 2015 von England abgeworfene Verteidigungs-Trainer Andy Farrell, der nun wohl abermals den Sturz einer Mannschaft plant, die bei einer Rugby-Weltmeisterschaft zuletzt im Viertelfinale 2007 gegen Frankreich besiegt worden war.

          Der 44 Jahre alte Farell ist bei Irland ebenso für die Organisation der Verteidigung zuständig wie Ian Foster bei den All Blacks für die Attacke. Beide sind noch Assistenztrainer, sollen ihre Chefcoachs Steve Hansen und Joe Schmidt allerdings nach der WM in Japan beerben. Einer von vielen Hinweisen darauf, dass es jetzt zu einem Zusammenprall der Systeme kommt: Eines der besten Defensivteams (Irland) trifft auf die Könige des Angriffs-Rugby (Neuseeland). Und viele fragen sich nun, ob nach dem Festival des „Running Rugby“ in der Vorrunde jetzt nicht doch die Stunde der Konservativen in Grün geschlagen hat.

          Das wichtigste Spiel der irischen Rugby-Geschichte?

          Stuart Barnes, ehemaliger englischer Rugby-Spieler und nun Kolumnist und TV-Kommentator, schlug stellvertretend für alle Schöngeister schon mal die Hände über dem Kopf zusammen, als er schrieb: „Es ein riesiges grünes Monster, das in der Lage ist, jegliche Luft aus einem Rugby-Spiel zu saugen. Sie hämmern sich auf dem Feld Meter für Meter nach vorn und überlassen die schnelle Beinarbeit den anderen.“ Es sei kein Wunder gewesen, so Barnes, dass die Iren die All Blacks in ihrer jüngeren Geschichte zweimal besiegt haben. „Denn sie spielen ein Rugby, das dem ästhetischen Ehrgeiz der Neuseeländer völlig fremd ist.“ Eine These, die auch von den Statistiken gestützt wird. Während die All Blacks im Schnitt die meisten Punkte holten und auch bei Versuchen, bei gewonnen Metern, erzielten Breaks und überspielten Verteidigern die erfolgreichste Mannschaft waren, ließen die Iren die wenigsten Breaks zu und hatten die beste Erfolgsquote bei Tacklings.

          Die schwergewichtige Verteidigung könnte das eine Problem für die All Blacks werden. Das andere heißt Jonathan Sexton. Denn mit dem 34-Jährigen haben die Iren den „World Rugby Player of the Year“ und einen der wohl weltbesten Verbinder in ihren Reihen. Beim Rugby ist der Spieler auf dieser Position der Dreh- und Angelpunkt und trifft die meisten taktischen Entscheidungen. Wann immer die Iren zu einem ihrer seltenen Angriffe ansetzen, geht der Ball mit Sicherheit durch die Hände oder über die Füße ihres Kapitäns. Sextons außergewöhnliche Spielstärke war bereits ausschlaggebend für drei „Six-Nations-Titel“ in den vergangenen sechs Jahren. Dank ihm galt Irland schon bei der vergangenen Weltmeisterschaft als Geheimfavorit. Doch der ehemalige Poster-Boy der Iren verletzte sich im letzten Gruppenspiel gegen Frankreich und fiel fürs Viertelfinale aus. Sein Team war wenig später gegen Argentinien chancenlos und verpasste den Einzug ins Halbfinale – mal wieder. An diesem Samstag gegen Neuseeland stehen die Iren bereits zum siebten Mal in einem WM-Viertelfinale; eine Runde weiter kamen sie noch nie.

          Auch deshalb bezeichnete Sexton das Match gegen den Weltmeister nicht nur als das wichtigste seiner Laufbahn, sondern auch als das wichtigste für das irische Rugby überhaupt. Denn das Versäumnis, es bei einer WM nie ins Halbfinale geschafft zu haben, macht den Iren schwer zu schaffen. Um diesen Fluch endlich zu brechen, wurde 2013 Trainer Joe Schmidt verpflichtet. Der gebürtige Neuseeländer wurde schriftlich damit beauftragt, die Iren endlich in ein WM-Semifinale zu führen. Der 54-Jährige ist seit 2015 irischer Staatsbürger und hat sich auch ansonsten überaus verdient um das Rugby auf der grünen Insel gemacht; er gilt mittlerweile ohne Zweifel als der größte Trainer in der irischen Rugby-Geschichte überhaupt. Als er das Team übernahm, waren seine Spieler von einer 0:60-Niederlage gegen Neuseeland schwer angeknockt. Seitdem hat er nicht nur drei „Six-Nations-Titel“ geholt, sondern die kompletten Rugby-Strukturen reformiert. Er gilt neben Warren Gatland (Wales), Eddie Jones (England) und Steve Hansen (Neuseeland) als der Guru unter den modernen Rugby-Trainern. Es würde Schmidt endgültig Heldenstatus einbringen, sollte er Irland tatsächlich ins Halbfinale führen.

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