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Interview : „Wir sehen Anzeichen, aber wir kriegen die Täter nicht“

  • Aktualisiert am

Alles echt, oder? Bild: picture-alliance/ dpa

Der schwedische Wissenschaftler Bengt Saltin spricht im Interview mit der F.A.Z. über den Gendoping-Verdacht gegen den Trainer Thomas Springstein, tödliche Risiken - und das Katz- und Maus-Spiel von Kontrolleuren und Athleten.

          6 Min.

          Der Schwede Bengt Saltin ist Vorsitzender der medizinischen Kommission des Internationalen Ski-Verbandes (FIS). Unter anderem 2002 mit dem olympischen Preis für Sportwissenschaft ausgezeichnet, ist der Siebzigjährige mit mehr als einem halben Dutzend Ehrendoktortitel dekoriert.

          Er ist noch aktiv als Professor und Leiter des Muskelforschungszentrums der Universität von Kopenhagen. Die F.A.Z. hat ihn konfrontiert mit dem Gendoping-Verdacht gegen Thomas Springstein (Siehe: FAZ.NET-Spezial: Das Zeitalter des Gendopings hat begonnen). Springstein ist in Magdeburg des Dopings Minderjähriger angeklagt.

          In einer E-Mail aus einem beschlagnahmten Computer des Leichtathletik-Trainers Springstein ist die Rede von der Substanz Repoxygen. Daraus kann man schließen, daß sie bereits auf dem Schwarzmarkt gehandelt und folglich auch im Leistungssport als Gendoping eingesetzt wird. Überrascht Sie das?

          Das sogenannte Epo-Gen wurde vor Jahren schon geklont. Das ist keine Überraschung. Es wurde an verschiedenen Tieren, darunter Affen, eingesetzt; man kann sagen, mit gewissem Erfolg: Es war nicht schwer, es in einen Muskel zu bekommen. Einerlei, in welchem Gewebe es steckt, produziert es, sobald es aktiviert ist, das Protein, das in den Blutstrom gelangt und das Knochenmark zur Produktion von Hämoglobin anregt. Aber was nicht gelöst ist: Wenn es erst einmal aktiviert ist, bleibt es aktiv. Man bekommt zu dickes Blut und wird an Thrombose sterben.

          Bengt Saltin: eine Kapazität in der Sportwissenschaft

          Das sagen Wissenschaftler seit Jahren und Monaten und schließen daraus, daß niemand das Risiko eingehen würde. Wenn Repoxygen aber auf dem Schwarzmarkt gehandelt wird, dürfte es doch wohl auch eingesetzt werden. Haben Sie daran Zweifel?

          Vielleicht bin ich naiv, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß es irgend jemand einsetzen würde. Was sie vielleicht versuchen könnten - und das basiert auf den Experimenten mit Affen -, ist, daß sie eine ganz, ganz geringe Menge einsetzen und hoffen, daß möglicherweise der Effekt auf den ganzen Körper nicht zu gering ist. Aber ich lehne es ab zu glauben, daß Repoxygen in Gebrauch ist. Der Schritt, der dieses Jahr in der Forschung unternommen wurde, war wichtig: zu versuchen, das Epo-Gen besser unter Kontrolle zu bekommen, es ein- und ausschalten zu können. Es gibt Fortschritt, aber noch keinen entscheidenden. Wenn er gelingt, wird das eine medizinische Sensation sein; Repoxygen wird ein sehr gutes Medikament für Nierenpatienten sein - und eine echte Bedrohung für den Sport. Aber noch beträgt das Risiko fast hundert Prozent. Wenn man es einsetzt, wird die Person sehr wahrscheinlich sterben. Statt das Gen im Muskel zu plazieren, gab es Experimente, es in Hautzellen zu verankern. Aber es gibt noch keine abschließenden Berichte, daß es wirkt.

          Sie scheinen sich auf Vernunft und Intelligenz von Athleten zu verlassen. Als Anfang der neunziger Jahre Erythropoietin (Epo) aufkam, starben viele Radrennfahrer. Es hat die anderen nicht davon abgehalten, es einzusetzen.

          Es gibt immer welche im Sport, die bereit sind, das Risiko einzugehen, ob es der Athlet selbst ist oder sein Umfeld. Was man sagen muß: Testosteron hat Nebenwirkungen und birgt Risiken und hat vermutlich auch Spätfolgen. Aber wenn man aufhört, es zu nehmen, ist es weg. Wenn man ein Gen einsetzt, ist das etwas für den Rest des Lebens. Das gibt Gendoping eine völlig andere Dimension im Vergleich zu dem, was jetzt läuft. Ich hoffe, daß das ein ausreichendes Argument für alle im Sport ist. Aber vielleicht haben Sie ja doch recht.

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