https://www.faz.net/-gtl-rg1v

Interview : „Wahnsinn - das war mein Leben“

  • Aktualisiert am

„Es gibt keinen Tag, den ich bereue” Bild: dpa/dpaweb

Es ist ein trauriger Rücktritt. Der abgetretene Eisschnellauf-Star Gunda Niemann-Stirnemann spricht im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über einen letzten großen Kampf.

          3 Min.

          Gunda Niemann-Stirnemann, die am Donnerstag in Berlin ihren Rücktritt erklärt hat, gilt als die erfolgreichste Eisschnelläuferin in der Geschichte dieser Sportart. Die 39 Jahre alte Erfurterin gewann bei Olympia acht Goldmedaillen, wurde neunzehnmal Weltmeisterin und achtmal Europameisterin, sie stellte 19 Weltrekorde auf und gewann 98 Weltcuprennen. 1999 wurde die Erfurterin bei einer internationalen Umfrage unter Fachleuten zur „Eisschnelläuferin des Jahrhunderts“ gewählt.

          Hätten Sie nicht einen würdigeren Abschied verdient als hier in einem nüchternen Konferenzraum eines Hotels im Osten von Berlin?

          Es hat sich so ergeben. Ich hatte bis zuletzt darum gekämpft, bei den Einzelstreckenmeisterschaften an diesem Wochenende laufen zu können. Wir haben noch mal Tests gemacht, aber die Schmerzen waren einfach zu stark. Es ging nicht mehr.

          Innerhalb der Szene heißt es, Ihr Rücktritt habe sich seit Wochen abgezeichnet.

          Nein. Ich habe im Sommer hart für mein Comeback gearbeitet. Ich habe sehr, sehr gut trainiert und hatte sehr gute Ausdauerwerte. Ich habe alles probiert, alles investiert. Ich war auf einem guten Weg. Doch vor ein paar Wochen habe ich bei einer Sprintübung einen Schlag verspürt. Meine alte Rückenverletzung, eine Entzündung an der Lendenwirbelsäule, brach wieder auf. Ich habe bis zuletzt gehofft, das wieder in den Griff zu bekommen. Ich habe sehr hohe Ansprüche an mich, ich habe gesagt: Ich komme nur zurück, wenn ich wieder in der Weltspitze mitlaufen kann. Aber so ist das nicht mehr möglich.

          Wegen dieser Rückenverletzung hatten Sie schon vor einem Jahr die komplette Saison aussetzen müssen. Hat sich die Mühsal gelohnt, noch einmal zurückkommen zu wollen, mit 39 Jahren?

          Natürlich hat es sich gelohnt. Es gibt keinen Tag, den ich bereue.

          Was hat sich gelohnt?

          Ich genieße es, zu trainieren, im Team zu laufen, zu kämpfen. Das alles hat mich erfüllt.

          Wäre es nicht der richtige Zeitpunkt für Ihren Abschied gewesen, als Sie vor vier Jahren wegen Ihrer Schwangerschaft nicht an den Olympischen Spielen von Salt Lake City teilnehmen konnten?

          Ich war noch nicht bereit für den Rücktritt.

          Aber nach der Babypause sind die großen Erfolge ausgeblieben.

          Ich habe das trotzdem gerne gemacht und die Auftritte genossen. Wenn man die Anerkennung des Publikums spürt, wenn einem Tausende zujubeln wie in Heerenveen, das sind die Momente, für die sich die Arbeit lohnt.
          Sie haben bei der Rücktrittserklärung erstaunlich gefaßt gewirkt.

          Hat Sie das nicht mitgenommen?

          Doch. In mir drin sind Riesen-Emotionen. Hinter mir liegen 25 Jahre Leistungssport. Wahnsinn - das war mein Leben. Aber jetzt ist es raus. Der Augenblick ist da. Es ist Schluß.

          Spüren Sie auch Erleichterung?

          Nein, keine richtige Erleichterung. Ich habe so lange gekämpft.

          Haben Sie Angst vor dem Leben danach?

          Ohne den Sport, ohne den organisierten Tagesablauf, ohne die großen Momente? Angst? Nein! Ich bin neugierig. Ein Abschnitt ist zu Ende, einer neuer beginnt. Ich gehe ja nicht in Pension. Ich arbeite weiter als Kommentatorin für das Fernsehen, bleibe also immer in der Nähe. Das ist wichtig für mich. Und wenn es mich packt, nehme ich meine Schlittschuhe und gehe aufs Eis.

          Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an die vergangenen 20 Jahre auf dem Eisoval denken?

          Natürlich mein erster Olympiasieg, 1992 in Albertville. Olympia ist das Größte für jeden Sportler, aber man kann sich das gar nicht vorstellen, dort gewinnen zu können. Es ist wie ein riesiger Berg, vor dem man steht. Man glaubt, da kommt man nie rüber.

          Zwei Jahre später, bei den Spielen in Lillehammer, war dieser Berg tatsächlich zu hoch für Sie.

          Sie meinen den berühmten Sturz? Es war eine ganz andere Situation als noch in Albertville. Dort war ich der aufgehende Stern. Zwei Jahre später galt ich dagegen als große Favoritin, der Druck war wahnsinnig hoch. Als ich dann bei meinem ersten Wettkampf über 3000 Meter gestürzt bin, war ich plötzlich diejenige, die versagt hat. Diese Situation war völlig neu für mich. Diese Erfahrung hat mich mehr geprägt als meine erste Goldmedaille. Da muß man durch.

          Was fasziniert Sie am Eisschnellauf?

          Die Athletik, die tägliche Herausforderung, die Dynamik, das Streben nach dem perfekten Lauf. Das sind tolle Gefühle. Ich habe das bis zum Schluß ausgekostet. Und genau das möchte ich künftig als Trainerin an andere weitergeben.

          Wie konkret sind Ihre Pläne?

          Ich will im Frühjahr mit dem Trainerlehrgang an der Sporthochschule in Köln beginnen. Er dauert drei Jahre. Wir haben am Olympiastützpunkt zu Hause in Erfurt Gespräche geführt. Ich möchte dort als Trainerin arbeiten.

          Kommen auf den Eisschnellauf schwierige Jahre zu, wie es heißt?

          Die Situation ist nicht einfach. Einige von den erfolgreichen Athletinnen werden in den nächsten Jahren zurücktreten. Es ist ein extremes Leben, auf das man sich als Athlet einlassen muß. Deshalb muß man alles daransetzen, die Nachwuchsläufer zu motivieren, damit sie am Ball bleiben. Das ist eine große Aufgabe.

          Die Fragen stellte Gerd Schneider.

          Weitere Themen

          Abenteuer auf dem höchstgelegenen See Österreichs Video-Seite öffnen

          Wingfoiling : Abenteuer auf dem höchstgelegenen See Österreichs

          Bei Wingfoiling handelt es sich um eine Mischung aus Wind- und Kitesurfen. Eigentlich wären Max Matissek und Stefan Spiessberger auf Wettkämpfen unterwegs, aber durch Corona können sie sich zur Zeit neue Aufgaben setzen.

          Topmeldungen

          Die Polizei geht am Montag in Beirut gegen Demonstranten vor, die gegen die Regierung protestieren.

          Proteste gegen Regierung : Libanons skrupelloses Machtkartell

          Seit vielen Jahren plündert eine korrupte politische Klasse ungestört den Libanon aus. Auch der Rücktritt der derzeitigen Regierung wird daran nichts ändern. Selbst Todfeinde verbünden sich für den Machterhalt.

          Kabarettistin Lisa Eckhart : Bedrohung von innen

          Die Kabarettistin Lisa Eckhart wurde vom Hamburger Harbour Front Literaturfestival aus Furcht vor gewalttätiger Störung ausgeladen. Dann sollte sie doch teilnehmen. Dafür ist es nun zu spät.
          Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr Lauenau zapfen Löschwasser aus dem Tank eines ihrer Einsatzfahrzeuge.

          Wassernotstand : Muss der Pool leer bleiben?

          In einigen Gemeinden ist der Wassernotstand ausgebrochen. Gärten können nicht gewässert werden, ein Freibad musste schließen. Droht das im ganzen Land?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.