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Interview mit Bjarne Riis : „Jan Ullrich fehlt die Angriffslust“

  • Aktualisiert am

Bjarne Riis: „Du gewinnst nicht nur mit den Beinen” Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Bjarne Riis spricht im Interview mit der Sonntagszeitung über die falsche Selbstzufriedenheit des Deutschen, den unglaublichen Willen Armstrongs und die Chancen von CSC-Kapitän Basso bei der Tour de France.

          3 Min.

          Teammanager Bjarne Riis spricht im Interview mit der Sonntagszeitung über die falsche Selbstzufriedenheit des Deutschen, den unglaublichen Willen Armstrongs und die Chancen von CSC-Kapitän Basso bei der Tour de France (Siehe auch: Tour 2005: Etappen, Ergebnisse, Live-Ticker).

          Riis hat 1996 dem Team Telekom den ersten Tour-Sieg beschert und ein Jahr später seinem jungen Kollegen Jan Ullrich zum großen Triumph verholfen. Der 41Jahre alte Däne geht mit seinem Rennstall CSC neue Wege und hat mit dem Italiener Ivan Basso einen Mitfavoriten im Team. Jan Ullrich war einst auch ein Kandidat für das Team von Bjarne Riis.


          Ist die Tour schon entschieden?

          Ach nein. Wir werden attackieren und Druck machen, aber wenn Lance Armstrong auf den ersten beiden schweren Bergetappen weiter diese Power zeigt, dann wird es ganz schwer. Aber wir alle müssen angreifen, auch T-Mobile und Phonak.

          Eine Allianz gegen Armstrong?

          Es geht nicht darum, mit vereinten Kräften den Sieg von Armstrong zu verhindern, das wäre Lance gegenüber auch unfair. Es geht darum, das Bestmögliche bei der Tour für uns herauszuholen. Aber natürlich haben wir derzeit die gleichen Interessen wie T-Mobile und Phonak.

          Sie gehen mit Ihrem Team CSC ungewöhnliche Wege, legen großen Wert auf Corporate Identity. Was steckt dahinter?

          Wir haben eine Philosophie, wir glauben an Werte wie Vertrauen, Respekt, Offenheit und Ehrlichkeit. Ich möchte meinen Leuten etwas fürs Leben mitgeben. Teamgeist, Teamwork, das ist für mich sehr wichtig. Meine Fahrer sollen Verantwortung übernehmen. Es hat zwar eine Weile gedauert, aber die Mannschaft funktioniert als Mannschaft.

          Würde so ein Typ wie Armstrong in Ihre Team-Philosophie passen?

          Ja, weil er keine Angst hat und Entscheidungen trifft. Offenbar die richtigen, denn er hat in seiner Karriere bislang kaum Fehler gemacht. Und wenn, haben die anderen sie nicht ausgenutzt.

          Was hat Armstrong, was andere nicht haben? Es kann ja kein Zufall sein, wenn einer sechsmal in Serie die Tour gewinnt.

          Er ist ein Superathlet, er ist selbstbewußt, er hat einen Willen, er ist ein Kämpfer. Er hat ein Auge für die Situation, er kann seine Gegner genau analysieren. Und alles, was er macht, ist zu hundert Prozent organisiert. Aber er hat auch Glück.

          Wieso Glück?

          Als er Fehler gemacht hat, wie 2003, war Jan Ullrich nicht bereit. Er hat keine Verantwortung übernommen und keine Entscheidungen getroffen, und dann war es zu spät. Wäre er damals mit Sastre mitgegangen, hätte er an dem Tag in Gelb fahren können.

          Ein Champion muß also mehr sein als ein mit Talent gesegneter Radfahrer?

          Du gewinnst nicht nur mit den Beinen, sondern auch mit dem Kopf.

          Hat Ullrich da Defizite?

          Sicher.

          Welche denn?

          Ich sage das nicht gerne, aber er fährt einfach nur mit. Er konzentriert sich nur auf sich selbst und schaut nicht, was um ihn herum läuft. Er guckt sich Armstrong nicht an und fragt sich: Wie sieht der aus? Er achtet auf keine Details. Er glaubt, er muß nur hundert Prozent fahren, dann geht das schon. Der Rest interessiert ihn nicht.

          Geht ihm dieses psychologisch-strategische Moment völlig ab?

          Das lernt man nur durch ständige Analyse. Und man muß es einfach auch probieren und keine Angst haben.

          Stimmt der Eindruck, daß Jan Ullrich viel zu selten die Initiative ergreift?

          Ja, und wenn er es tut, dann ist das nicht entschlossen genug. Nach dem Motto: So Lance, jetzt fahre ich los, fährst du auch? Was er letztes Jahr bei seiner Attacke gegen Armstrong gemacht hat, war vielleicht nicht das Intelligenteste, aber das war zumindest ein sehr guter Versuch. Die Idee, daß T-Mobile was machen mußte, war richtig.

          Wenn Armstrong nach der Tour abtritt, kann Ullrich sein Nachfolger werden?

          Ich weiß es nicht. Sein Problem ist, daß ihm diese Angriffslust fehlt.

          Hat Ivan Basso, Ihr Kapitän, eher das Zeug zum Champion?

          Ich glaube schon. Ivan ist noch jung und hat noch eine Menge zu lernen, aber er ist sehr offen und lernbegierig. Er hat sich schon am Berg verbessert.

          Vor allem aber im Zeitfahren...

          Von seiner Statur her war mir immer klar, daß er einfach ein guter Zeitfahrer sein muß. Er hat diese Power, den großen Dieselmotor dazu. Und jetzt hat er auch die nötige Konzentration.

          Und Ullrich?

          Ullrich ist zufrieden. Als er 1997 ins Gelbe Trikot gefahren ist, ist er am Berg abgezischt wie jetzt Armstrong. Aber das schafft er nicht mehr. Er ist zu schwerfällig geworden. Er ist durch die vielen Kilometer langsamer geworden. Und wenn man wirklich etwas werden will, dann muß man auch an seinen Schwächen arbeiten. Das macht Basso.

          Würden Sie sich zutrauen, Ullrich noch einmal zum Tour-Sieger zu machen?

          Ich kann nicht nein sagen, aber es wird nicht einfach werden für ihn. Vorne mitfahren kann er immer. Das hat er jedes Jahr bewiesen. Aber um zu gewinnen, muß er nicht nur schnell zeitfahren, sondern den Unterschied am Berg machen können. Das kann er im Moment wohl nicht.

          Aber er ist ja gerade im Einzelzeitfahren von Armstrong eingeholt worden. Hat Sie das überrascht?

          Nein. Es war taktisch ein großer Fehler und vollkommen unnötig, Ullrich nach seinem Trainingssturz direkt vor Armstrong starten zu lassen. Der hat das voll ausgenutzt. Es ist psychologisch schwer zu verkraften, wenn man eingeholt wird.

          Es gibt mehrere Strategien, um ein Unternehmen Tour-Sieg anzugehen. Was halten Sie von der sogenannten Doppelspitze, mit der T-Mobile antritt?

          Alexander Winokurow ist sehr stark, ich glaube, stärker als Jan. Der kann in den Bergen richtig gefährlich werden. Das kann Jan nicht. Für mich gibt es fünf, sechs Fahrer, die das unter sich ausmachen könnten: Armstrong, Winokurow, Basso, Landis, Heras.

          Da fehlt doch einer?

          Jan. Der gehört auch dazu. Aber er hängt für mich ein bißchen hintendran.

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