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Belarussische Leichtathletin : „Unser Präsident versteht uns nicht“

Elwira Herman,wurde 2019 in Berlin Europameisterin über 100 Meter Hürden. Bild: Picture-Alliance

Während in Minsk die Menschen auf den Straßen protestieren, muss Hürden-Sprinterin Elwira Herman weiterhin den Fokus auf den Sport richten. Doch die Gedanken der Athletin schweifen in Richtung ihrer Heimat ab.

          1 Min.

          Sie sind in Dessau am Dienstagabend das letzte Rennen Ihrer Saison gelaufen, mit einem Sieg in 12,85 Sekunden. Konnten Sie sich, während das Volk in Ihrer Heimatstadt Minsk auf den Straßen protestiert, darauf konzentrieren?

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Das war nicht leicht. Mein Körper ist hier, meine Gedanken sind in meinem Land. Die politische Situation ist schlecht, und alle Menschen dort sind aufgebracht. Ich vertrete mein Land. Ich zeige meine Flagge, denn ich bin stolz auf mein Land. Die Situation ist schwierig. Ich hoffe, dass alles so wird, wie die Menschen es wollen. Wir sind friedlich. Wir wollen, dass unser Präsident uns hört. Wir versuchen, ihn zu erreichen. Er versteht uns nicht. Deswegen gehen wir auf die Straße.

          Mehr als hundert Sportlerinnen und Sportler haben in einem offenen Brief die Annullierung der Wahlergebnisse gefordert, ein Ende der Gewalt durch die Polizei und anderer Gruppen sowie die Freilassung politischer Gefangener.

          Selbstverständlich habe auch ich unterschrieben. Ich will, dass sich etwas ändert in unserem Land.

          Lukaschenka ist auch Präsident des Nationalen Olympischen Komitees . . .

          Er mag Sport, er hat sehr viel für den Sport getan. Aber er will andere Menschen nicht verstehen. Für uns tut er etwas, für normale Menschen nicht. Ich kenne Sportlerinnen und Sportler, die ihn deshalb unterstützen. Ich verstehe sie nicht. Der Präsident hat am 9. August einen schweren Fehler gemacht.

          Sie meinen die Fälschungen, die zu angeblich 80 Prozent der Stimmen für ihn führten?

          Ich glaube nicht an dieses Wahlergebnis.

          Sie waren auf Reisen, als am Sonntag in Minsk die Oppositionspolitikerin Marija Kolesnikowa entführt wurde. Haben Sie die Nachrichten verfolgt?

          Das hat mich sehr beschäftigt. Ich bin sehr stolz auf Marija Kolesnikowa, dass sie ihren Pass zerrissen hat, um nicht abgeschoben zu werden. Sie ist eine Patriotin. Sie liebt ihr Land und will bei ihrem Volk sein.

          Fürchten Sie um ihr Leben?

          Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand sie umbringt. Wenn das passierte, würde es eine gewaltige Reaktion der Öffentlichkeit geben. Deshalb war es unmöglich. Aber ich kann mir vorstellen, dass der Präsident und seine Leute sie foltern lassen, um sie einzuschüchtern. Sie ist eine starke Frau und hat keine Angst.

          Kann und soll die für Mai geplante Eishockey-Weltmeisterschaft in Minsk stattfinden oder soll sie abgesagt werden?

          Vielleicht ändert sich etwas in Belarus. Dann wäre es schön, die Weltmeisterschaft zu haben.

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