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Interview : "Ich bin einfach müde"

  • -Aktualisiert am

Franziska van Almsick hat sich rar gemacht in den vergangenen Monaten. Die 25 Jahre alte Starschwimmerin aus Berlin ließ die Weltmeisterschaft im Juli in Barcelona aus und arbeitet seit August hart für ihr - womöglich letztes - großes Ziel.

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          Franziska van Almsick - beim Interview direkt nach einer Trainingseinheit in Berlin waren ihr die Belastungen anzumerken. Sie mußte das Training wegen Schulterschmerzen abbrechen und war auch sonst in einer eher gedämpften Stimmung.

          Es heißt, viele deutsche Schwimmer hätten in den vergangenen drei Monaten, dem ersten Vorbereitungsblock für die Olympischen Spiele, so hart trainiert wie noch nie. Wie erging es Ihnen?

          Es war hart, vor allem die drei Wochen Höhentrainingslager in der Sierra Nevada. Aber davon abgesehen bin ich ganz entspannt. Ich habe gut trainiert, und, vor allem, ich war nicht krank.

          Die Schulterverletzung, die Ihnen im Sommer zu schaffen gemacht hat, ist auskuriert?

          Geht so. Aber wir haben es im Griff. Woher die Schmerzen kamen, weiß keiner ganz genau. Ich denke, es ist Verschleiß. Wenn man 15 Jahre schwimmt, wird man alt. Das sieht man vielleicht nicht, aber ich spüre es.

          Am Wochenende haben Sie in Gelsenkirchen Ihren ersten bedeutenderen Wettkampf seit Mai. Plötzlich interessiert sich sogar das Fernsehen für Kurzbahn-Meisterschaften.

          Man sollte nicht soviel erwarten. Ich stehe mitten im Training, es ist die kurze Bahn, die ich eigentlich gar nicht mag, da rechne ich mir nicht viel aus. Dabei ist es für mich schon ein Test, den ich ernst nehme. Ich will zeigen, was ich draufhabe. Aber wenn ich Dritte werde, bricht für mich keine Welt zusammen.

          Es besteht ja sogar die Gefahr, daß Sie sich für die Kurzbahn-Europameisterschaften in zwei Wochen in Dublin qualifizieren.

          Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal an einer Kurzbahn-EM teilgenommen habe. Das war irgendwann mal in Lissabon, aber fragen Sie mich nicht, in welchem Jahr. Ich weiß nur noch, daß ich damals eine einzige Disziplin bestritten habe, und die auch noch ganz schlecht. Wenn es mit der Qualifikation klappt, gut. Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm.

          Was haben Sie eigentlich gegen das Kurzbahn-Schwimmen?

          Ich konnte das ja auch mal, früher. Der Punkt ist: Ich mache die Sportart, weil ich schwimmen will. Auf der 25-Meter-Bahn springst du ins Wasser, und gerade wenn du in Fahrt kommst, mußt du dich schon wieder eindrehen für die Wende. Und meine Spezialität sind die Wenden nun mal nicht.

          Warum lassen Sie die Kurzbahn-Saison dann nicht ganz aus?

          Es ist noch mal eine Herausforderung. Deshalb nehme ich es auch nicht auf die leichte Schulter.

          Wie hält man sich im harten und eintönigen Schwimmer-Alltag über Wasser, wenn man monatelang keine Wettkämpfe bestreitet?

          Wie motiviert man sich? Am besten, einfach nicht darüber nachdenken. Man hat gute Tage, schlechte, mal verflucht man alles, mal freut man sich wahnsinnig. Aber es geht, wenn man ein Ziel vor Augen hat. Und ich habe ein ganz großes Ziel, das ich ja auch klar formuliert habe: Ich will die Goldmedaille in Athen.

          Wie sieht Ihr Alltag momentan aus?

          Training, Training, Training. Langsam merkt man, daß Olympia immer näher rückt. Man merkt das daran, daß bei der Vereinsmeisterschaft der SG Neukölln plötzlich RTL aktuell auftaucht und ein Interview will. Sonst war nie einer da.

          Würden Sie heute sagen, daß Ihre Entscheidung richtig war, die Weltmeisterschaft in Barcelona auszulassen?

          Sie war richtig.

          Haben Sie sich das Rennen über 200 Meter Freistil, Ihre Spezialdisziplin, im Fernsehen angeschaut?

          Dieses Mal schon. Das war ja wohl wieder typisch. Immer wenn ich nicht dabei bin, schwimmen die so langsam. Aber getrauert habe ich nicht. Es war meine Entscheidung, und deshalb hatte ich mit der WM abgeschlossen. Von dem ganzen Trubel habe ich in Athen ja genug.

          Womöglich wäre das für Sie die letzte Gelegenheit gewesen, nach 1994 noch mal Einzel-Weltmeisterin zu werden.

          Früher hatte ich mal das Ziel, möglichst viele Titel zu sammeln. Aber die Zeiten haben sich geändert. Ob ich jetzt zwei WM-Titel habe oder vier, das ist mir eigentlich egal. Das einzige, was mir noch fehlt, ist die Goldmedaille bei Olympischen Spielen.

          Alexander Popow hat im Sommer gesagt, Sie seien eine der begabtesten Schwimmerinnen der Welt - aber zwei Jahre keinen großen internationalen Wettkampf zu bestreiten, das könne nicht funktionieren.

          Es hat doch funktioniert. Nach den Olympischen Spielen von Sydney hatte ich auch zwei Jahre lang keinen großen Wettkampf bestritten, und dann kam die EM in Berlin (mit neuem Weltrekord über 200 Meter Freistil in 1:56,64 Minuten). Mir ist es auch egal, was Popow sagt. Es ist meine Entscheidung. Und der Punkt ist: Ich schaffe einfach nicht mehr beides, WM und Olympia innerhalb eines Jahres. Ich habe ja schon vor Sydney gesagt: Vielleicht sind das meine letzten Spiele. Ich bin einfach müde. Ich muß für das alles sehr hart arbeiten. So etwas wie bei der EM, das schüttel' auch ich mir nicht mehr aus dem Handgelenk.

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