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Interview : „Eine neue Ära im Kampf gegen Betrüger“

  • Aktualisiert am

Entschlossener Kritiker: Dick Pound Bild: AP

Richard Pound, Vorsitzender der Welt-Anti-Doping-Agentur, über Victor Contes Enthüllungen, wachsende Angst unter den Betrügern und George W. Bushs Steilvorlage.

          5 Min.

          Der Kanadier Richard Pound ist kürzlich für weitere drei Jahre als Vorsitzender der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) bestätigt worden. Der 62 Jahre alte Anwalt aus Montreal, seit 26 Jahren Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), leitet die Agentur seit ihrer Gründung 1999.

          Laborleiter Victor Conte hat im amerikanischen Fernsehen die dreifache Olympiasiegerin Marion Jones des Dopings vor den Spielen 2000 in Sydney beschuldigt: Waren das für Sie gute oder schlechte Nachrichten?

          Es ist nie eine gute Nachricht, wenn man hört, daß ein Athlet möglicherweise betrogen hat. Aber Skandale helfen, die Aufmerksamkeit zu schärfen. Und mit dem Skandal um das Labor Balco sind diese Dinge stärker in den Blickpunkt gerückt, besonders in Amerika. Die Leute sagen jetzt: Genug, wir müssen das stoppen. Insofern ist es für uns Anti-Doping-Kämpfer eine gute Sache.

          Wenn Conte die Wahrheit sagt: Was zeigt uns das über die Effektivität des internationalen Anti-Doping-Systems, wie konnte Marion Jones durchschlüpfen, wo sie doch um die 160mal getestet worden sein soll?

          Falls die Aussagen von Conte stimmen, zeigt das, daß das Anti-Doping-System zu dieser Zeit nicht sauber funktioniert hat. Aber seitdem, seit dem Auftreten von unabhängigen Agenturen wie der Wada, haben wir deutliche Fortschritte gemacht. Das Netz ist deutlich enger geworden für Betrüger.

          Was wären dann die Konsequenzen für Marion Jones - und für die Wada?

          Die Usada (die Anti-Doping-Agentur der Vereinigten Staaten) untersucht den Fall, und das Internationale Olympische Komitee hat eine Disziplinarkommission eingesetzt, die sich mit Contes Anschuldigungen befaßt. Marion Jones wird sich möglicherweise auch den Justizbehörden stellen müssen, falls sie vor der Grand Jury gelogen hat. Die Wada selbst ist ja nicht direkt in den Fall verwickelt, aber sie wird sämtliche zuständigen Organisationen darin bestärken, Marion Jones und anderen Athleten ihre Medaillen abzuerkennen, sofern sie für schuldig befunden werden.

          Conte hat behauptet, Olympische Spiele seien generell von Korruption, Betrug und Doping geprägt. Hat der Mann recht?

          Noch einmal: Contes Anschuldigungen müssen erst noch überprüft werden. Ich glaube ja immer noch, daß nur eine Minderheit der Athleten betrügt. Und viel wichtiger ist, wie die Spiele in Athen bewiesen haben, daß wir deutlich besser darin geworden sind, die Betrüger zu fassen. Wir haben neue Tests eingeführt, das IOC hat mehr getestet als je zuvor. Wir haben gesagt: Wer betrügt, den erwischen wir. Einige Athleten haben wohl nicht zugehört und mußten den Preis bezahlen. Unsere Methoden verbessern sich ständig, und es gibt die Möglichkeit, eingelagerte Proben nachträglich zu untersuchen, wenn neue Methoden zur Verfügung stehen. Ich glaube, daß es da draußen einige Leute gibt, die wirklich Angst haben müssen.

          Aber die geständige und gesperrte Leichtathletin Kelli White hat vor kurzem gesagt, daß es da draußen auch Hunderte von Contes gibt. Wie werden Sie der Manipulateure hinter den Athleten habhaft?

          Der World-Anti-Doping-Code sagt ja, daß auch das Umfeld der Athleten bestraft werden kann. Aber was viel wichtiger ist: Gerade die staatlichen Stellen spielen eine entscheidende Rolle, was die Wissenschaftler hinter den Athleten angeht. Gerade der Fall Balco ist ein gutes Beispiel für die Kooperation zwischen Regierung, den Sportverbänden und den Anti-Doping-Agenturen. Die Wada unterstützt sie jetzt bei der Vorbereitung einer internationalen Übereinkunft gegen Doping unter dem Dach der Unesco. Wenn die steht, und zwar noch vor den Olympischen Spielen 2006, wird die Verantwortung der Regierungen in der Dopingbekämpfung formalisiert und damit noch klarer sein.

          Die Leichtathletin Michelle Collins ist gerade für acht Jahre gesperrt worden, ohne positiven Test und ohne Geständnis. Ist das nur eine einzelne willkürliche Entscheidung oder eine Wende im Kampf gegen Doping?

          Es ist die Entscheidung, die wir erwartet haben, und sie steht ja auch im Einklang mit dem Welt-Anti-Doping-Code. Athleten können auch bestraft werden, wenn andere Beweismittel vorliegen als Tests. Es hat ganz sicher eine neue Ära begonnen im Anti-Doping-Kampf.

          Das war nicht für jeden Olympiasieger ein gutes Jahr. War es ein gutes Jahr für die Wada?

          In aller Kürze: Wir sind anerkannt, wir machen Fortschritte in allen Bereichen, auch bei der Forschung. Was jetzt noch ansteht, ist die Annahme der internationalen Übereinkunft durch die Regierungen, um den World-Anti-Doping-Code als Teil der nationalen Gesetzgebung einzubeziehen.

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