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Interview : „Doping lohnt sich, wenn man moralisch keine Bedenken hat"

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Hürdenläuferin Bolm: „Null Geld” Bild: dpa

Kirsten Bolm ist die einzige deutsche Läuferin mit Medaillenchancen bei der Leichtathletik-EM in Göteborg. Vor ihrem großen Auftritt über 100-Meter-Hürden spricht die 31jährige im F.A.Z.-Interview über Doping, Geld und Hüfthosen.

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          Kirsten Bolm ist die einzige deutsche Läuferin mit Medaillenchancen bei der Leichtathletik-EM in Göteborg. Am Freitag Abend hat sie ihren großen Auftritt im Finale über 100-Meter-Hürden. Die 31jährige spricht im F.A.Z.-Interview über hilfreiche Umwege, seltsame Konkurrentinnen und geruhsame Einkäufe sowie Doping, Geld und Hüfthosen.

          Sie waren vier Jahre in Amerika und haben dort allein trainiert. Fehlt deutschen Athleten die Selbständigkeit?

          Meine Empfehlung ist, daß Athleten mal rauskommen von zu Hause. Sie sollen lernen, alles selbst zu machen. Viele fahren sogar nur zu Wettkämpfen innerhalb Deutschlands. Ein großer Teil meiner Leistungsstärke kommt daher, daß ich nach meiner Rückkehr aus Amerika immer wieder im Ausland an den Start gegangen bin. Da ist man drei, vier Tage auf sich gestellt. Man kennt niemanden, manchmal sprechen sie nicht mal Englisch, aber man muß sich sagen: Mach deinen Job! Das härtet ab. Man muß seine Vorbereitung allein machen, seine Hürden aufstellen. Ich habe schon erlebt, daß Athleten durch den Wind waren, wenn sie statt auf Bahn drei auf Bahn fünf laufen mußten. Die sind mit Sicherheit überbetreut. Da bricht das ganze System zusammen, wenn mal etwas anders läuft als gewohnt. Wenn etwas schiefgeht, muß man es sofort noch mal machen. Meine ersten Meetings sind in die Hose gegangen. Ich habe mir gesagt, das machst du jetzt so lange, bis du mitlaufen kannst.

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          Für viele deutsche Sprinter ist es aber ein Problem, überhaupt Startplätze bei den Meetings zu bekommen.

          Ich halte das für eine Ausrede. Wir haben gute Manager in Deutschland, und es gibt viele kleine Veranstaltungen. Ich bin mit einer Bestzeit von 13,0 auch untergekommen. In die Golden League und die Grand Prix kommt man so nicht, aber selbst dort gibt es B- und C-Läufe. Aber man kann auch in Zagreb laufen oder in Luzern. Da trennt sich die Spreu vom Weizen.

          Ist es nicht ohnehin vorbei, sobald man auf die Konkurrenz aus Amerika und aus der Karibik trifft?

          Was die mir in Lausanne vor die Nase gehauen haben, war unschön. Ich bin eine 12,65 gelaufen, und die anderen...

          Michelle Perry, Damu Cherry und Brigitte Foster-Hylton...

          ...sind mir zwei Zehntel davongerannt. Das waren zwei Welten. Die drei Damen waren vom Start an weg. Ich habe mich gefragt: Was hast du für einen Mist gemacht, daß die schon so weit weg sind? Aber dann habe ich realisiert: Ich bin gar nicht schlecht, ich bin richtig schnell. Nur die anderen sind viel, viel schneller. Da war eine richtige Kluft zwischen uns. Im Ziel habe ich die Zeit gesehen und gewußt, daß ich richtig gut gelaufen war. Und ich war mir trotzdem so schlecht vorgekommen. Das war ein Aha-Erlebnis. Ich habe realisiert, daß sie, wenn sie wollen, meilenweit weg sind vom Normalo. Ich war so frustriert, ich hätte aufhören können. Aber ich werde mir weiter die Hürden um die Ohren hauen lassen.

          Lars Börgeling sagt, bei Olympia seien im Sprint-Finale mindestens fünf gedopt, vielleicht sogar alle acht. Wie ist das im Hürdensprint?

          Das ist heikel, nichts ist bewiesen. Ich gehe nicht davon aus, daß alle sauber sind. Aber ich kann auch nicht sagen, wer nicht sauber ist. Warum sollten Leute aus einem Land ehrlich und hart trainieren, in dem andere das nicht tun? Spüren Sie oder wissen Sie, wer clean ist und wer nicht? Wenn eine Damu Cherry zwei Jahre gesperrt war, von Dennis Mitchell trainiert wird und 12,44 läuft, dann werde ich mich nicht hinstellen und sagen: Sie ist bestimmt sauber. Die Katze läßt das Mausen nicht. Die beiden wissen vermutlich gar nicht, wie man ohne Doping trainiert.

          Sind Sie jemals mit einem Angebot konfrontiert worden, zu dopen?

          Nein. In Amerika war ich an einer sehr frommen Uni. Ich glaube, da kann niemand kommen und das einfach so anbieten. Auch hier passiert das nicht. Man hört manchmal Gerüchte, was das alles kostet. Aber ich wüßte gar nicht, was ich tun müßte, wenn ich dopen wollte.

          Das steht doch in der Zeitung, etwa beim Springstein-Prozeß.

          Stimmt, mit konkreten E-Mail-Adressen...

          ... mit Namen von Managern, Initialen von Athletinnen. Hansjörg Wirz, der Präsident des europäischen Verbandes, hat trotzdem gesagt, Doping sei ein amerikanisches Problem. Hat er recht?

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