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Interview : "Der Weltrekord ist nicht in Stein gemeißelt"

  • Aktualisiert am

In WM-Form: Lars Riedel Bild: dpa/dpaweb

Im Frühjahr gab es keine guten Nachrichten: Trennung von der Familie, Verletzung, Trainingsrückstand. Sogar das Karriereende schien gekommen. Jetzt ist der Diskus-Weltmeister wieder Spitze.

          4 Min.

          Lars Riedel wurde bereits fünfmal Weltmeister im Diskuswerfen. Sollte er in Paris seinen sechsten Titel gewinnen, würde er mit dem ukrainischen Stabhochspringer Sergej Bubka gleichziehen.

          Im Frühjahr gab es keine guten Nachrichten von Ihnen: Trennung von der Familie, Verletzung, Trainingsrückstand. Sogar das Karriereende schien gekommen...

          ... Sie sehen ja, daß es nicht gekommen ist.

          Also hat sich alles in Wohlgefallen aufgelöst?

          Ich weiß zwar nicht so richtig, wer solche Spekulationen in Umlauf bringt und warum, und ich habe mich gewundert, wie viele sich davon haben anstecken lassen. Im Grunde ist das ja ein Thema, das nur denjenigen selbst etwas angeht.

          Sie meinen die Geschichte mit Ihrer Familie und Ihrer Freundin?

          Ja, aber auch die Verletzung. Das spielt zwar in den Sport hinein, aber es sind doch Dinge, die eigentlich nur dich und deine unmittelbare Umgebung betreffen. Die möchtest du nicht breitgetreten sehen.

          Das mit der Familie und der Freundin, okay. Aber wenn ein Olympiasieger und fünfmaliger Weltmeister in der WM-Saison aufzuhören droht, dann interessieren sich eben nicht nur die Klatschkolumnisten, sondern auch, zum Beispiel, der Deutsche Leichtathletik-Verband dafür. So viele erfolgreiche Sportler hat der ja nicht.

          Die Neugierde kann ich verstehen. Aber ich muß sie ja nicht befriedigen. Zur privaten Sache möchte ich eigentlich nichts sagen.

          Früher haben Sie gesagt, daß Sie ihre sportliche Leistung auch deshalb bringen, weil Sie ein Familienmensch sind, der den ruhigen Rückhalt braucht.

          Ich lebe zur Zeit getrennt, mit meinem Kleenen ist alles in Ordnung. Man kann und muß sich als Mensch eben auch auf neue Situationen einstellen. Ob man aus Krisen wirklich gestärkt hervorgeht, das wird sich noch zeigen. Ich konzentriere mich jetzt erst mal auf den Sport und freue mich, daß ich wieder gesund bin.

          Was hat Sie im vergangenen Jahr geplagt?

          Ich hatte ein Engpaßsyndrom mit einer ständigen Sehnenreizung in der rechten Schulter, und da hat mir der Volker Müller in Bayrischzell, der Heilpraktiker vom Markus Wasmeier, sehr geholfen. Dieser ganzheitliche Ansatz, die Probleme aufzuspüren und anzugehen, der hat es gebracht.

          Und jetzt stehen Sie mit 69,50 Metern auf Platz zwei der aktuellen Weltrangliste...

          ... nu' ja, es war ein Superwetter in Halle.

          Gutes Wetter in Paris vorausgesetzt - fühlen Sie sich in Form für den sechsten WM-Titel?

          Mit solchen Überlegungen habe ich mich eigentlich nie vor einer Weltmeisterschaft abgegeben. Das Trainingslager in Portugal war gut, ein Teil der Zubringerwerte auch. Ich habe mir gesagt: die Saison verletzungsfrei durchkommen, wieder mit dabeisein und sehen, was der Körper noch so bringt.

          Was will der Körper eines Seriensiegers denn noch so bringen, womit motivieren Sie sich vor großen Wettkämpfen immer wieder?

          Ich sage mir eigentlich gar nicht so ausdrücklich: Nu' haste fünf, jetzt willste auch noch den sechsten Titel. Es ist ja jedes Mal wieder was Neues. Du hast ein großes Ziel im Jahr, das ist das Wunderschöne. Wo gibt es das im Job?

          Aber darin steckt natürlich auch ein großes Risiko, das macht Druck.

          Natürlich ist das ein Risiko. Aber ich arbeite auf diesen Tag hin, und dann freue ich mich. Ich habe vor dem Zürcher Meeting meine letzte Krafteinheit gemacht. Dann legst du die schwere Hantel ab, du klatschst dich mit dem Trainer ab und sagst: So, die Arbeit ist getan, jetzt kommt das Vergnügen.

          Ein Spaß schienen Weltmeisterschaften für Sie aber nicht immer zu sein, wenn man an das Zittern in der Qualifikation denkt.

          Ach, das ist doch Schublade, das wird immer wieder hervorgezogen, war aber nur 1991 in Tokio und 1993 in Stuttgart so. Da bist du ein junger Athlet, kommst hin, kriegst neue Geräte, da flatterst du. Das ist längst nicht mehr so.

          Mit dem Alter, mit dem Altern, kommt nicht nur die Erfahrung. Fällt Ihnen die Schinderei nicht immer schwerer?

          Das war früher auch so. Du hast es vielleicht nicht so gemerkt. Jetzt bist du in den wichtigen Dingen bewußter.

          Trainieren Sie besser anstatt mehr?

          Qualitativ besser, ja, das kann sein, weil du halt nicht mehr die brutalen Umfänge machen kannst.

          Gibt es etwas, das man im höheren Alter anders machen muß, um die Leistung zu halten?

          Normalerweise kannst du die Topleistung nicht mehr so oft bringen. Also, 25 Wettkämpfe im Jahr und alle über 66 Meter, das geht nicht mehr. Man muß sich auf Weniges mehr konzentrieren, auch mal eine Ruhephase einbauen, noch mehr auf den Körper hören. Nicht nur körperlich, auch psychisch. Wenn du zum Training gehst und denkst, eigentlich haste gar keenen Bock, dann mußt du auch sagen können, ich lass' es, es bringt heute nichts. In anderen Momenten mußt du dir dann aber auch sagen, okay, jetzt beiß' ich mich durch.

          Ihre Sportart gilt als besonders dopingverdächtig. Woher nehmen Sie Ihre Kraft?

          Ich bin in der Maximalkraft ja nicht so der Überhammer. Ich habe da Werte von anderen gehört, die beim Bankdrücken 260, 270 Kilo machen. Da bleibe ich 30 Kilo drunter. Außerdem reißen sie die Gewichte noch. Ich mache wegen meines Rückens schon seit 1992 keine Kniebeugen und seit 1994 kein Reißen mehr. Zu DDR-Zeiten hätte man mir da gesagt: Okay, nu' kannste langsam aufhören. Weil das die zwei wichtigsten Übungen sind.

          Und was machen Sie statt dessen?

          Ich mache alles im Liegen, auf dem Bauch und auf dem Rücken. Damit kompensiere ich das Reißen fast. Ich habe dann zwar nicht solche Beine wie die anderen...

          ...aber Sie gleichen das durch Ihre gute Wurftechnik aus?

          Die anderen bauen den Druck aus dem Oberschenkel auf. Ich meine, daß das Fußgelenk schnell sein muß und das Drehmoment über die Hüfte kommt. Die Maximalkraft allein macht's ja nicht, du mußt die Kraft in die spezielle Bewegung umsetzen können. Ich versuche das mehr über eine Schleuderbewegung zu schaffen - und Diskuswerfen ist nun mal Schleudern.

          In der Olympiasaison 2000 hätte Virgilius Alekna den Diskus beinahe auf Weltrekordweite geschleudert: 73,88 Meter, nur 20 Zentimeter weniger als Jürgen Schult. Wie erklären Sie eine solche Leistungsexplosion?

          Das kannste nicht erklären. Ich hatte 1996 ja auch so eine gigantische Saison, als ich hier in Zürich über 71 Meter geworfen habe, und ich habe 1997 meine Bestweite von 71,50 geschafft.

          Das waren aber immer noch fast zweieinhalb Meter weniger.

          Tja, der Alekna. Ich weiß nicht. Der drückt bestimmt so 270 Kilo. Und man weiß nicht genau, welche Windbedingungen damals herrschten, das ist ja enorm wichtig.

          Und was sonst noch so?

          Ich weiß, was Sie meinen. Das ist schwierig zu sagen. Ich habe keine Lust, irgend jemanden zu verdächtigen. Obwohl ich schon 1993 bei dem Niederländer, dem de Bruijn, gesagt habe: Wenn die alle genauso kontrolliert würden wie wir, dann wäre mir wohler. Drei Wochen später haben sie ihn erwischt. Aber wenn wir Athleten uns darüber ständig den Kopf zerbrechen, dann lenken wir uns nur ab.

          Um noch einmal auf den Weltrekord von Jürgen Schult zurückzukommen: War das für Sie mal eine Orientierung - oder ist es vielleicht noch?

          War. Als ich damals die 71,50 Meter in Wiesbaden geworfen habe. Da hatte ich vielleicht eine Form für 66 Meter, mehr nicht. Wenn dann irgendwann, als ich ein 69er oder 70er Niveau hatte, der richtige Wind geherrscht hätte, dann hätte ich Weltrekord geworfen. In Stein gemeißelt sind die 74,08 nicht. Der hat nie mehr einen solchen Wind gehabt und nie mehr eine solche Leistung gebracht. Das war im Grunde ein Riesenausrutscher, das weiß Jürgen auch.

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