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Interview : „Der moderne Deutsche kann Hamit oder Ahmet heißen“

  • Aktualisiert am

„Eine ganze Generation entscheidet sich gegen Deutschland” Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Der Grünen-Politiker und EU-Abgeordnete Cem Özdemir spricht im Interview mit der F.A.Z. über die Fußball-Weltmeisterschaft mit und ohne Türken, Beachvolleyballer, die FDP wählen, sowie jugendliche Migranten.

          Der Grünen-Politiker und EU-Abgeordnete Cem Özdemir spricht im Interview mit der F.A.Z. über die Fußball-Weltmeisterschaft mit und ohne Türken.

          Zittern Sie am Mittwoch mit der Türkei?

          Ich wünsche es der Türkei, daß sie sich qualifiziert. Und wenn sie es morgen schaffen sollte, ist in der Türkei und wohl auch hier die Hölle los. Da feiern Alt und Jung, Mann und Frau bis in die Puppen. Da werden alle auf den Straßen sein und sich in den Armen liegen. Ich kann jedem nur raten, dringende Erledigungen vor dem Spiel zu machen.

          Die Welt zu Gast bei Freunden - und die Türkei ist nicht dabei. Keine schöne Vorstellung für rund 2,5 Millionen türkischstämmige Menschen hierzulande?

          Mit Sicherheit nicht - und das gilt auch für rund 700.000 deutsche Staatsbürger türkischer Herkunft, in deren Brust zwei Seelen schlagen.

          Wenn die Türkei gegen die Schweiz scheitert, ist nicht einmal ein türkischstämmiger Spieler in der deutschen Nationalmannschaft bei der WM dabei: Kein großes Identifikationsangebot für türkische Fußballfans.

          Das schmerzt mich ganz besonders, weil es mir ohnehin weh tut, daß die zweite Generation, also meine eigene, und auch die folgende sich im Fußball gegen Deutschland entscheidet. Das gilt nicht nur für die Türken, bei Ivan Klasnic ist das ebenso. Ich wundere mich, daß dies in Deutschland achselzuckend hingenommen wird.

          Bedauern Sie dann nicht auch, daß sich der 17 Jahre alte, im Ruhrpott geborene Dortmunder Nuri Sahin wie so viele andere auch für die Nationalelf des Herkunftslandes seiner Eltern entschieden hat?

          Es wäre ein Grund für eine nationale Diskussion darüber, was eigentlich falsch läuft, wenn sich eine ganze Generation überwiegend gegen Deutschland entscheidet. Ich meine das gar nicht einseitig. Natürlich haben wir das Staatsbürgerschaftsrecht viel zu spät reformiert. Wir haben auch zu lange darüber diskutiert, ob wir ein Einwanderungsland sind oder nicht - und haben darüber vergessen, die praktischen Probleme zu lösen. Es geht aber auch darum, daß manche Spieler nicht ihrer Vorbildfunktion nachkommen. Wenn sich die ersten Spieler türkischer oder kroatischer Herkunft für die deutsche Nationalmannschaft entscheiden und dort erfolgreich spielen, hat das auch eine positive Signalwirkung in die deutsche Mehrheitsgesellschaft hinein. Man würde verstehen, daß die Menschen mit Migrationshintergrund etwas für Deutschland leisten. Und damit veränderten sie auch das Gesicht Deutschlands positiv. Es wäre eine Botschaft an Migranten-Jugendliche: Das ist auch euer Land, ihr gehört dazu.

          Warum ist die Integration in die Nationalmannschaft noch immer nicht gelungen? Oft entscheiden sich junge Spieler so, wie es ihre türkischen Familien wünschen.

          Fußball ist in der Türkei eine Familiensportart, und die Familie spielt bei der Entscheidung tatsächlich eine sehr wichtige Rolle. Aber es kommt erschwerend hinzu, daß dem Deutschen Fußball-Bund offensichtlich auch eine gewisse interkulturelle Kompetenz fehlt.

          Wie soll das praktisch gehen?

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