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Interview : „Der moderne Deutsche kann Hamit oder Ahmet heißen“

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Es geht um das gezielte Ansprechen des Umfelds. Die Türkei bemüht sich aktiv um den Nachwuchs in Deutschland, die kennen jedes Talent. Es wäre wichtig für den DFB, Leute zu haben, die selbst einen Migrationshintergrund besitzen, wenn sie Spieler und ihre Familien auf die deutsche Nationalmannschaft ansprechen. Ich drücke dem DFB die Daumen. Ich bedauere es aber, daß man Jürgen Klinsmann, der dem deutschen Fußball nur guttun kann, da ein bißchen hängenläßt. Es reicht eben nicht nur ein Anruf. Man muß sich bemühen. Es fängt damit an, sich vor der türkischen Wohnung die Schuhe auszuziehen. Es geht weiter über den Tee, die Lockung mit türkischer Süßspeise bis zur Ansprache an die Eltern, in der man ihren Stolz anspricht und sagt, was ihr Sohn für Deutschland leisten kann. Ich hätte mir, als es um Sahin ging, genau dies gewünscht. Warum kam nicht einmal ein Minister vorbei und sagte: "Wir sind stolz darauf, daß Ihr Junge bei uns in Deutschland aufgewachsen ist und bei uns Fußball spielen gelernt hat - und wir wünschen uns, daß er in unserem gemeinsamen Land auch in der Nationalmannschaft spielt." Wir müssen den Kampf und die Auseinandersetzung aufnehmen, wofür sich türkische Jugendliche entscheiden. Es liegt eindeutig im deutschen, in unser aller Interesse, daß sie sich für Deutschland entscheiden. Die jungen Spieler haben doch eine inländische Identität. Wenn etwa Altintop vor dem Länderspiel für die Türkei gegen Deutschland erklärt, daß es für ihn etwas Besonderes sei, gegen sein Heimatland zu spielen, dann sagt das doch alles. Aber die Nichtreaktion der deutschen Bevölkerung zeigt, daß es eigentlich gar niemanden stört.

In der U-21-Nationalmannschaft sind schon über ein halbes Dutzend Einwandererkinder dabei. Wird damit nur eine gesellschaftliche Realität sportlich nachvollzogen, oder ist das schon ein Zeichen für gelingende Integration.

Es ist doch ganz einfach: Aus deutschstämmigen Jugendlichen, die sich für Beachvolleyball interessieren und FDP wählen, werden keine guten Fußballer. Gute Fußballer werden solche Leute, die darin auch Aufstiegschancen sehen. Der Beckenbauer von heute heißt eben Sahin - zumindest wenn man sich den biographischen Hintergrund anschaut.

Frankreich wurde 1998 mit einer multikulturellen Auswahl Weltmeister. Gegen den Rassismus im Fußball und als Aufbruchzeichen für die Gesellschaft hat der Erfolg aber dennoch nicht gewirkt.

Man darf den Fußball auch nicht überfordern und glauben, er könne alle Probleme lösen. Aber als Rollenmodell hat der Fußball trotzdem eine wichtige Funktion. Er zeigt den Jugendlichen: Ich kann hier etwas erreichen.

Was können künftige, türkischstämmige Nationalspieler in der deutschen Nationalelf bewirken - für Deutsche und Türken?

Sie können helfen, daß sich das Bild des Deutschen im In- und Ausland wandelt. Der moderne und erfolgreiche Deutsche des 21. Jahrhunderts kann Hamit oder Ahmet heißen - und ein guter Deutscher sein, ohne daß dabei einem Türkischstämmigen oder Deutschstämmigen ein Zacken aus der Krone fällt. In der Wirtschaft, in der Musik, beim Film und in der Politik haben wir das schon - nur im Fußball haben wir das noch nicht geschafft. Das ist angesichts der Fußballbegeisterung dieser Jugendlichen ein Witz.

Dann aber sollte die Türkei besser nicht Weltmeister in Deutschland werden?

Wenn sie gut spielt, habe ich nichts dagegen. Aber mein Herz schlägt für Klinsi. Schließlich ist er Schwabe.

Das Gespräch führte Michael Horeni.

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