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Interview : „Auch mentale Stärke muss man trainieren"

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Die Entscheidung fällt zwischen den Ohren Bild: dpa

Der Psychologe Michael Schmitz spricht im F.A.Z.-Interview über die Stärke der amerikanischen und die Schwäche der deutschen Schwimmer. „Wer Ängste abblockt, um sich keine Blöße zu geben, bleibt in ihnen hängen.“

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          Der promovierte Psychologe und Buchautor Michael Schmitz spricht im F.A.Z.-Interview über die Stärke der amerikanischen und die Schwäche der deutschen Schwimmer. Er kennt sich im Metier aus. Schmitz ist Stiefvater des österreichischen Schwimmers Markus Rogan.

          Es gibt Schwimmtrainer, die sagen: Der Unterschied zwischen amerikanischen und europäischen Schwimmern beträgt genau zehn Zentimeter: nämlich das, was zwischen den Ohren ist. Sehen Sie das auch so?

          Die amerikanischen Sportler haben da sicher Vorteile. Um erfolgreich zu sein, braucht man nicht nur die schwimmerische Technik. Man braucht auch die mentale Stärke, um seine optimale Leistung abrufen zu können, wenn es darauf ankommt. Diese Fähigkeit muss man genauso trainieren und entwickeln wie die Kondition und die Technik.

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          Was bedeutet das: mentale Stärke?

          Bei Wettkämpfen laufen vielfältige mentale Prozesse ab. Die Athleten müssen mit vielen Dingen fertig werden: mit dem Druck, den die eigene Erwartung erzeugt, und dem Druck, den Gegner oder Publikum erzeugen. Sie müssen auch mit Ängsten fertig werden. Wenn sie nicht damit fertig werden, kann das zu Blockaden führen. Aber man kann lernen, mit diesen Emotionen umzugehen. Und sie am besten so zu steuern, dass eine Schubumkehr entsteht, also dass man ihre Energien nutzt. Das hat nichts mit faulem Zauber zu tun. Dank der Neurowissenschaft ist alles belegt.

          Für Amerikaner und Australier ist es selbstverständlich, dass bei großen Wettkämpfen Psychologen und Mentaltrainer zum Team gehören. Warum tun sich die Deutschen damit so schwer?

          Es hängt vielleicht damit zusammen, wie sich die Psychologie präsentiert. Auch Vorurteile spielen eine Rolle. Die Amerikaner sind da weiter, auch in der Forschung ist bei ihnen viel passiert. Dort verstehen sich die Psychologen als Mentalcoaches, die sich nicht mit Störungen beschäftigen, sondern mit Potentialen. Es geht auch im Sport darum, normalen Menschen dabei zu helfen, ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern.

          Könnte es auch damit zu tun haben, dass es im deutschen Sport immer noch als Schwäche empfunden wird, Ängste zuzugeben?

          Ganz sicher. Gerade im Sport ist das für viele ein Tabu, es widerspricht dem Heldenmythos. Dabei ist Angst eine ganz normale Emotion. Für alle, die eine hohe Leistung bringen müssen, wie Sportler, Manager, Künstler, ist es wichtig zu wissen, dass sie diese Leistung nur deswegen bringen können, weil starke Emotionen im Spiel sind. Sie müssen registrieren, welche Emotionen eine Rolle spielen. Wenn man seine Emotionen unterdrückt oder ignoriert, sind sie deswegen nicht weg. Sie führen ein Eigenleben, und dann hat man keine Möglichkeit mehr, sie zu regulieren.

          Viele deutschen Schwimmer in Melbourne bleiben weit hinter ihrem Können zurück. Sportdirektor Örjan Madsen sagt, er könne es jetzt verstehen, dass die deutschen Schwimmer bei Olympia seit 1992 kein Gold mehr gewonnen haben. Was geht da vor sich?

          Offenbar fehlt ihnen das Zutrauen, das eigene Leistungspotential abrufen zu können. Es entstehen Prozesse zwischen Emotionshirn und Denkhirn, die dazu führen, was man äußerlich als Blockade wahrnimmt. Schauen Sie Britta Steffen an. Sie arbeitet ganz eng mit einer Psychologin zusammen und hat gelernt, ihre Emotionen in den Griff zu bekommen. Auch hier in Melbourne hat sie Kontakt mit ihr. Das Fatale ist, dass Leistungseinbrüche einzelner Sportler auf die Stimmung einer ganzen Mannschaft schlagen können, dass sich auch andere davon runterziehen lassen. Deswegen wäre es sinnvoll, Leute dabei zu haben, die einen darin unterstützen, solche Barrieren beiseite zuräumen.

          Wie kann man sie beiseite räumen?

          Da gibt es verschiedene Techniken, zum Beispiel das Visualisieren. Wichtig ist, dass man die Strategien individuell auf die Athleten abstimmt. Daher muss man sie gut kennen. Aber man darf sich nicht täuschen: Da geht es nicht um einen Guru, der die Hand auflegt. Emotionsmanagement muss gelernt werden, das ist ein langfristiger Prozess. Das ist wie mit einer sportlichen Technik: Je mehr man trainiert, umso besser sind auch die mentalen Techniken abrufbar.

          Was ist, wenn die Sportler nicht bereit sind, sich von Mentaltrainern unterstützen zu lassen?

          Diejenigen, die sich partout weigern, kriegt man nicht. Aber Schwimmer sind doch intelligente Menschen. Man muss ihnen klarmachen, dass man Empfindungen genauso wenig abschalten kann wie den Herzschlag oder die Verdauung. Wer Ängste abblockt, um sich keine Blöße zu geben, bleibt in ihnen hängen.

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