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Interview : "Als Triathlon-Profis sitzen wir im Glashaus"

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Stadler: Ja, das ist absolut enttäuschend. Ich kann nichts gegen Schumacher sagen, ich bin selbst Motorsportfan, auch nichts gegen Sommerfeldt, aber schon bei Hambüchen habe ich ein Problem. Das ist ein junger, netter Kerl, aber er war einmal Siebter bei Olympia. Hambüchen hat auch von diesem tragischen Unfall von Ronny Ziesmer profitiert, auch dadurch kam Kunstturnen wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Ein echtes Problem habe ich damit, daß mit Wojtek Czyz ein Behinderter vor mir steht. Da wird viel aufgebauscht. Ich habe nichts gegen diese Sportler, aber es gibt auch normalen Sport, wir werden auch nicht bei denen mitgewertet. Man muß die Leistung honorieren. Ich habe mir siebzehn Jahre den Hintern aufgerieben, und dann kommt wegen irgendeiner Story ein behinderter Sportler, der das seit zwei Jahren macht, da vorne rein, weil er in Athen den Bundeskanzler umarmt hat. Er ist Paralympics-Sieger, alles schön und gut, aber seinen Sport machen halt nicht so viele wie unseren.

Vielleicht haben Sie Platz neun ja auch zum Teil Nina Kraft zu verdanken.

Stadler: Auf jeden Fall.

Hellriegel: Das glaube ich auch: Der Dopingfall Kraft war ein starker Negativeffekt, der auch bei dieser Wahl eine Rolle gespielt hat. Die Affäre Kraft war der Tiefpunkt in der Geschichte des Triathlons. Es wird Jahre dauern, bis wir das Image, das wir hatten, zurückgewinnen.

Lassen Sie uns über Hawaii reden. Herr Stadler, Sie hatten in Deutschland kaum ein gutes Rennen, auf Hawaii aber waren Sie meist gut unterwegs.

Stadler: ein Kopfproblem. Vor Hawaii, beim Start in Frankfurt, da war mein Akku schon im Wasser leer, ich war total unterkühlt, da hatte es wieder geheißen: Aha, der Stadler, er bringt's nicht mehr. Das hat mich wahnsining aufgeregt. Nach Frankfurt habe ich zu meiner Freundin gesagt: Sarah, ich höre auf. Ich habe mich zerfleischt, habe mich verrückt gemacht. Ich war eigentlich immer gut drauf; doch dann im Wettkampf: Blackout. Ich wußte, ich kann es, aber ich packe es trotzdem nicht. Ich war am Ende. Bei den Rennen in Deutschland war ich immer so nervös, ich war auch zu Hause so schlecht drauf, habe wegen Kleinigkeiten rumgeschrieen. Dann habe ich gemeinsam mit Sarah beschlossen: Okay, ich mache noch den Ironman in Zürich, und wenn es dort läuft, gehe ich noch einmal nach Hawaii, danach entscheiden wir, ob es weitergeht.

Sie haben dann in Zürich Ihre Bestzeit verbessert.

Stadler: Ja, und dann wußte ich: Du kannst es. Ich bin nach San Diego geflogen, um zu trainieren, dort ist mir dann noch Jürgen Zäck in den Rücken gefallen.

Zäck galt lange als Ihr väterlicher Freund und Förderer.

Stadler: Ich habe leider einmal fünfzehn Minuten zuhören müssen, wie er über mich abgelästert hat und er nicht wußte, daß ich draußen vor der Tür stehe. Und wenn ich dann höre, was für ein Arschloch ich doch sei, das nichts draufhat, dann ist es vorbei. Ich bin dann rein und habe ihm gesagt: Jürgen, morgen im Wettkampf trete ich dir so richtig in den Hintern.

Also war Wut der Treibstoff zum Sieg auf Hawaii?

Stadler: Ja, ich habe mir gesagt: heute oder nie. Auf dem Rad bin ich bis zum Ende durchgeballert, habe elf Minuten Vorsprung gehabt und dann beim Laufen bis zum Wendepunkt noch mal vier Minuten draufgepackt.

Hellriegel: Dann kann man den Sekt schon mal kalt stellen.

Wie lange wollen Sie noch weitermachen mit der Langstrecke?

Stadler: Ich habe noch viele Reserven, weil ich ein fauler Athlet bin. Ich habe immer erst vor Hawaii richtig angefangen mit dem Training. Ich muß das konsequente Training einfach mal das ganze Jahr durchziehen. Ich habe nicht immer so konsequent trainiert wie Thomas, der im Zweifel in Warendorf in der Sportförderkompanie geblieben ist, anstatt zu seiner Freundin heimzufahren.

Hellriegel: Die hat mich dann aber auch abgeschossen.

Stadler: Siehst du! Aber deshalb hast du Hawaii lange vor mir gewonnen.

Normann Stadler

Das erste Mal hatte der Pforzheimer 1994 auf sich aufmerksam gemacht. Stadler wurde Weltmeister im Duathlon, doch seine eigentliche Liebe galt dem Triathlon. Auf drei Siege bei Ironmanrennen hat es der heute 31 Jahre alte Profi bislang gebracht. Zweimal triumphierte der in Mannheim lebende Stadler in Australien, was ihm wegen seiner Siegerposen mit weit ausgebreiteten Armen den Spitznamen "Norminator" einbrachte.
Den Gipfel des Triathlons freilich erstürmte er im Oktober 2004, als er das Rennen von Hawaii in Kailua-Kona, die inoffizielle Ironman-Weltmeisterschaft, nach 8:33:29 Stunden für sich entschied. Als exzellenter Radfahrer legte Stadler auf der 180 Kilometer langen Teilstrecke den Grundstein für den größten Erfolg seiner Karriere.

Thomas Hellriegel

Sieben Jahre ist das nun schon her, doch von seinem historischen Zieleinlauf 1997 auf dem legendären Alii Drive zehrt Thomas Hellriegel noch immer. Der mittlerweile 33 Jahre alte Badener aus Büchenau bei Bruchsal hatte wahrlich Großes vollbracht, schaffte er doch als erster Deutscher den Sieg beim Ironman auf Hawaii. Und ebenso wie der aktuelle Hawaii-Champion Stadler fuhr auch Hellriegel auf Big Island seine Konkurrenten auf dem Rad in Grund und Boden. Schnell wurde Hellriegel zum "Hell on wheels" - und ist es bis heute geblieben.

Sechs Siege bei Ironmanrennen sind für den Profi, der als Bestzeit für die 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen eine Marke von 7:57 Stunden stehen hat, eine beeindruckende Bilanz.

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