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Leichtathletik virtuell : Wettlauf mit Ortswechsel

Kontaktsport Leichtathletik: Die echten Sprinterinnen Riccarda Dietsche (rechts) und Ajla Del Ponte aus der Schweiz übergeben den Staffelstab vor Pappkameraden. Bild: AFP

Ein Weltrekord, der keiner war, und Ortswechsel im Sekundentakt – die Inspiration Games suchen hektisch ihr Publikum. Die Athleten sehnen das Wiedersehen herbei.

          3 Min.

          Omar McLeod hat seine beiden Hunde „Coco“ und „Fudge“ unter den rechten Arm geklemmt. Mit der anderen Hand streichelt er den beiden über den Kopf. Einige Sekunden später sprintet der Hürden-Olympiasieger auf der blauen Bahn in Bradenton über 100 Yards. Neben ihm der Franzose Jimmy Vicaut und der Kanadier Andre de Grasse. De Grasse verlängert seine Schritte auf den letzten Metern, schiebt seinen Oberkörper über die Ziellinie.

          Das wird bei den Inspiration Games der einzige Wettkampf bleiben, bei dem drei Athleten an einem Ort gegeneinander antreten. Bei dem neuen Format der Diamond League der Schweizer Ausrichter starteten 30 Athleten in acht Disziplinen auf zwei Kontinenten. Immer ein Trio gegeneinander. Das Schweizer Fernsehen macht daraus eine 90-minütige Show. Auch auf Youtube, im Livestream auf Facebook oder in anderen Ländern im Fernsehen konnten Zuschauer das Event verfolgen. Die Athleten, sie springen und laufen nicht nur in Bradenton in Florida, sondern zum Beispiel auch im niederländischen Ort Papendal oder in Karlstad in Schweden. Vor jeder Disziplin wird ein Sportler vorgestellt – wie McLeod und seine Hunde.

          Über 150 Meter sind die Läuferinnen in drei kleinen Kästen nebeneinander zu sehen. Allyson Felix in Walnut in Kalifornien, Shaunae Miller-Uibo in Florida, Mujinga Kambundji in Zürich. Kurz vor dem Start werden Porträts von ihnen eingeblendet, darüber der Ort, darunter der Name. Dieser Moment vor dem Start, bei dem Sprinter konzentriert kühl in die Kamera schauen, ihre Beine ausschütteln oder an ihrer Halskette zupfen, er fehlt. Schon laufen die Sprinterinnen jeweils in ihrem Kästchen auf dem Bildschirm, zwei rote Bahnen, eine blaue. Wer vorne liegt, ist schwer zu erkennen.

          Auch die Läuferinnen wissen das nicht. „Das war ein bisschen merkwürdig. Es ist schwierig, sich selbst herauszufordern“, sagt Allyson Felix, die zwölfmalige Weltmeisterin und sechsmalige Olympiasiegerin. Einige Sekunden nach dem Lauf erfährt sie: Sie hat gewonnen, mit 16,81 Sekunden, hinter ihr die Olympiasiegerin über 400 Meter, Shaunae Miller-Uibo, in 17,15 und Mujinga Kambundji in 17,28 Sekunden. Die Zehntelsekunden, die die Läuferinnen auseinanderliegen und die im Sprint so entscheidend sind, sie sind auf dem Bildschirm nicht zu sehen.

          Einsam in der Halle

          Ortswechsel: Florida, Stabhochsprung der Männer, Sam Kendricks fliegt bei 5,46 Metern mit viel Platz über die Latte – am Ende gewinnt er den Wettkampf mit einer Höhe von 5,81 Meter. Piotr Lisek in Karlstad schafft die 5,66 Meter beim zweiten Versuch. Bei Valentin Lavillenie hält in der Halle ein einsamer Wettkampfrichter die rote Fahne hoch. Lavillenie scheitert an der Anfangshöhe. Er sprang für seinen Bruder Renaud ein, der wegen einer Handverletzung pausieren musste.

          Wechsel: Stabhochsprung der Frauen, Angelica Bengtsson hat in Karlstad eine kleine Tribüne, auf der Fans in roten Shirts sitzen. Sie läuft daran vorbei, die Latte fällt beim dritten Versuch über 4,56. Sie steckt ihren Stab zurück in die Aufbewahrung. Palmen im Hintergrund, davor eine Stabhochsprunganlage, Sandi Morris läuft auf einem anderen Kontinent mit weiten Schritten an, biegt den Stab und arbeitet sich hoch. Sie schafft die 4,66 Meter im zweiten Versuch und gewinnt gegen die Olympiasiegerin von Rio, Katerina Stefanidi.

          300 Meter Hürden im Stadion in Zürich: Vereinzelt sind einige Zuschauer zwischen roten und grünen Pappkameraden zu finden. Dadurch ist das Stadion in Zürich sofort zu erkennen. Anders ist das bei anderen Austragungsorten, bei denen der Ort nur wenige Sekunden eingeblendet wird. Vor dem Hürdenlauf wird ein Trailer eingespielt: Léa Sprunger in ihrem Garten, lesend auf der Couch und beim Essen mit ihrer Familie. Die kurzen Clips geben einen vagen Eindruck, aber wirklich näher bringen sie einem die Athleten nicht. Es geht alles zu schnell, wie alles bei diesem Event.

          Allein auf zu kurzer Flur: Noah Lyles bei seinem vermeintlichen Weltrekord-Sprint über 185 Meter.
          Allein auf zu kurzer Flur: Noah Lyles bei seinem vermeintlichen Weltrekord-Sprint über 185 Meter. : Bild: AFP

          Nach dem Hürdenlauf fokussiert die Kamera die Siegerin Georganne Moline. Sie atmet laut – dass das zu hören ist, ist neu. „Ich bin dankbar, hier zu sein, ich habe die Wettkämpfe vermisst“, sagt Moline. Die Inspiration Games sind auch für Athleten, die es gewohnt sind, ihre Konkurrentinnen und die Zuschauer im Stadion um sich zu haben, ein besonderer Wettkampf. „Man ist sehr auf sich selbst fokussiert“, sagt Moline. Für Läufer ist das noch ungewöhnlicher als für Springer. Die sind es ohnehin gewohnt, niemanden neben sich zu haben. Der Dreisprung-Gewinner Pedro Pablo Pichardo wirkt zumindest zufrieden, als er, die portugiesische Flagge um die Hüften gebunden, nach dem Wettkampf zu seiner Tochter läuft und ihr die Hand auf die Schulter legt. Er sprang 14,70 Meter, Saisonbestweite.

          Falscher Weltrekord

          Über 200 Meter der Männer ging Christophe Lemaitre in Zürich an den Start, Noah Lyles in Bradenton in Florida und Churandy Martina in Papendal in den Niederlanden. Drei Männer, drei kleine Kästen, eine Überraschung. Noah Lyles, der in Doha über 200 Meter gewonnen hatte, kommt unglaublich früh aus der Kurve und läuft mit so viel Abstand zu den anderen, dass es selbst in den winzigen Kästen zu erkennen ist.

          18,90 Sekunden, Weltrekord? Den hält immer noch Usain Bolt mit 19,19 Sekunden, die er bei den Weltmeisterschaften in Berlin 2009 gelaufen war. Denn es stellte sich heraus: Lyles war die falsche Bahn zugewiesen worden, er lief 15 Meter zu wenig. Die letzte Disziplin war, wie es so oft bei Leichtathletik-Wettkämpfen ist, die Staffel der Frauen. Über dreimal hundert Meter gewann das Team aus den Vereinigten Staaten. Die Athletinnen liefen in Amerika, der Schweiz und den Niederlanden. Allyson Felix sagte: „Ich kann es kaum abwarten, bis wir uns alle wieder persönlich sehen.“

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