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Weltreiterspiele in Tryon : Showdown an Hindernis 13

  • -Aktualisiert am

„Mein Pferd ist ein guter Springer“: Ingrid Klimke mit ihrem Wallach Hale Bob im Parcours in Tyron Bild: Imago

Am letzten Sprung verspielt Ingrid Klimke bei der Weltmeisterschaft der Vielseitigkeitsreiter die Goldmedaille. Dabei hätte der Titel der deutschen Mannschaft mehr als gut getan.

          Angespannte Stille im Stadion. An jedem Hindernis ein kollektives Stöhnen. Die letzten Vielseitigkeitsreiter sind im Parcours, es geht um die Medaillen und jeder weiß: Da sind keine Spezialisten am Werk, diese Pferde sind Konditionswunder, die hauptsächlich über feste Hindernisse jagen. Doch jetzt können die Stangen plötzlich aus ihren Halterungen fallen. Also Luft anhalten. Ingrid Klimke ist im Parcours mit ihrem Wallach Hale Bob, die nach herausragenden Leistungen bei den Weltreiterspielen in Tryon (North Carolina) in Dressur und Geländeritt in Führung liegt. An Sprung drei, einer Brückenmauer, passt die Distanz nicht, aber Hale Bob schafft es trotzdem durch einen langen Satz, das Hindernis fehlerlos zu überwinden. Irgendwie scheinen die beiden keinen Rhythmus zu finden. An Hindernis sechs, einem luftigen Steilsprung, Infarktgefahr im deutschen Lager: Hale Bob berührt die oberste Stange, die aber in die Auflage zurückfällt. Aufatmen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Und weiter. Alles geht gut, sie ist schon fast im Ziel, nur noch einer fehlt, der letzte Sprung, Hindernis Nummer dreizehn, ein Oxer – und das Glück ist aufgebraucht. Durch eine zarte Berührung mit der Hinterhand fällt eine Stange. Das deutsche Lager sackt in sich zusammen. Doch kein Weltmeistertitel für Ingrid Klimke, die so nah dran gewesen war. Ihr bleibt die Bronzemedaille. Das ist zwar die beste Platzierung, die sie je bei einer Weltmeisterschaft erreicht hat. Aber sie hatte mehr vor gehabt. Trotzdem bemühte sie sich um Haltung: „Ich bin trotzdem happy. Hauptsache, wir haben eine Medaille mit nach Hause gebracht.“  Weltmeisterin wurde die Britin Rosalind Canter mit Allstar B, Silber ging an den Iren Padraig McCarthy auf Mr. Chunky.

          Der Triumphzug der Mannschaft ist unterbrochen

          Das Titel-Highlight für die 50 Jahre alte Vielseitigkeitsreiterin aus Münster hätte der deutschen Mannschaft mehr als gut getan. Der Triumphzug der vergangenen Jahre ist zumindest unterbrochen, die Leistungen im Rest des Teams waren mittelmäßig, der fünfte Platz in der Mannschaftswertung eine Enttäuschung. Andreas Dibowski (Hamburg) mit der jungen Stute Corrida auf Rang 28, Kai Rüder (Fehmarn) mit dem soliden Colani Sunrise auf Rang 33 und Julia Krajewski mit Chipmunk, immerhin Siegerin des CHIO in Aachen, auf dem enttäuschenden Rang 39 erinnerten nicht gerade an den gewohnten Glanz. Julia Krajewski, die nach der Dressur geführt hatte, vertat sich im Gelände an einer Kombination und handelte sich eine folgenschwere Verweigerung ein. Im Springparcours unterliefen der bisher bei Championaten stets glücklosen Junioren-Bundestrainerin zwei Abwürfe.

          Punktlandung: Bei dem Geländeritt hatte Ingrid Klimke die Idealzeit von zehn Minuten auf die Sekunde genau getroffen.

          „Wir hatten uns mehr erhofft“, gab Bundestrainer Hans Melzer zu. Die Olympiaqualifikation für Tokio 2020 ist immerhin geschafft.  Aber nach Tryon war man als Titelverteidiger geflogen. Bei den Weltreiterspielen 2010 in Kentucky und  2014 in Caen gewannen deutsche Mannschaften die Goldmedaillen. In Kentucky wurde zudem Michael Jung Einzel-Weltmeister, dessen Leistung diesmal schmerzlich vermisst wurde, er fehlte weil sein Pferd Rocana sich verletzt hat. 2014 hatte Sandra Auffarth den Einzeltitel gewonnen, die diesmal als Einzelreiterin mit dem jungen Hengst Viamant du Matz einen Neuanfang machte und im Gelände nach zwei Verweigerungen an einem spektakulären Kaskaden-Hindernis aufgeben musste. Das Mannschaftsgold sicherten sich wie schon bei der letzten Europameisterschaft die starken Briten. Ihr Coach Chris Bartle hatte bis zum vergangenen Jahr noch die Deutschen als Honorartrainer betreut und galt zusammen mit Melzer als Vater der deutschen Erfolgssträhne. 

          „Mein Pferd ist ein guter Springer“

          Nach dem Geländeritt, bei dem sie die Idealzeit von zehn Minuten auf die Sekunde genau getroffen hatte, war Ingrid Klimke optimistisch gewesen. „Mein Pferd ist ein guter Springer“, sagte sie über ihren 14 Jahre alten Oldenburger. Und das hatte er im vergangenen Jahr bei den Europameisterschaften in Strzegom auch bewiesen, wo Ingrid Klimke den ersten großen Einzeltitel ihrer langen Karriere gewann. Damals war Kurt Gravemeier, der ehemalige Bundestrainer der Springreiter aus ihrer Heimatstadt Münster, noch schnell von einer Hochzeitsfeier ins Auto gesprungen und die Nacht durch nach Polen gefahren, um ihr über die letzten Sprünge zu helfen. Diesmal war der Weg zu weit. „Ich vermisse Kurt“, sagte sie in Tryon, bevor es in den Parcours ging. „Er vermittelt mir Sicherheit.“

          Das Parcoursspringen war wegen des Tropensturms Florence, der in östlicher gelegenen Teilen von North Carolina heftig wütete, von Sonntag auf Montag verlegt worden. In Tryon äußerte Florence sich vor allem in steifem Wind und langen, ergiebigen Regenfällen, die das Turniergelände vorübergehend aufweichten. Die Tribünen waren aufgrund der Verschiebung nicht voll besetzt. Die Reitplätze aber hatten keinen Schaden genommen.

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