https://www.faz.net/-gtl-9y7eo

Denken wir an Sport (4) : Das Herz der „Blauen Saudis“

Innige Momente beim Hockey: Gespeichert ist nicht des Gefühl des Gewinnens oder des Verlierens, sondern des Sporttreibens als solchem. Bild: Imago

Wenn ich laufe oder mit den Kindern auf der Wiese spiele, spüre ich mit einem Mal wieder ganz genau, wie es vor vielen Jahren war. Gespeichert ist nicht des Gefühl des Gewinnens oder des Verlierens, sondern etwas anderes.

          2 Min.

          Denken wir an Sport ... an was denken wir dann? Und was macht das mit uns? Sieben Sportredakteure der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erzählen in einer Serie jeden Tag ihre ganz persönliche Geschichte.

          Denk ich an Sport, denke ich manchmal an die Geschichte von „Sonne“. Sonne war deutscher Meister im Zehnkampf, 1988, ein Olympia-Jahr, doch im September fuhr nicht Sonne nach Seoul, sondern der berühmte Jürgen Hingsen, der wegen einer Erkältung eine verspätete Qualifikationschance erhielt. Vor dem Fernseher sah Sonne dann, wie Hingsen ein, zwei, drei Fehlstarts über 100 Meter produzierte, Disqualifikation noch vor der ersten Disziplin. Sonne hat die Geschichte, so meine Erinnerung, im Frühsommer 1999 an einem der Montagabende auf der Hamburger Jahnkampfbahn erzählt. Es war mein Quereinstieg in den Leistungssport, Hockey-Bundesliga beim Harvestehuder THC, und Sonne war unser Athletiktrainer. Heute, wenn ich Laufen gehe, was in diesen Tagen öfter als sonst vorkommt, denke ich manchmal an Sonne und das, was diese Erfahrung einer verpassten Sport- und Lebenschance für ihn bedeutet haben könnte.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen

          Damals hatte ich meine eigene Lektion zu lernen. Dass es zwar ganz nett ist, bei Sonne vorne mitzulaufen, dass das auch nichts hilft, wenn man spielt, wie wenn man aus der Oberliga kommt. So war es halt. Es war also eine dieser berühmten Lehren fürs Leben, von denen im Sport so oft die Rede ist. Heute denke ich trotzdem oft und gern an diese Zeit zurück. Wenn nach zehn Minuten auf der Strecke die Gedanken abschweifen, der Geist sich gewissermaßen vom Körper löst und die Bilder und Erinnerungen kommen. Dann denke ich selten an Fußball, über den ich ja beruflich fast ausschließlich schreibe, ich denke an meine eigene Zeit an der Schwelle zwischen Freizeit- und Leistungssport. Ich staune dann immer auch, wie tief diese Erfahrungen in mir drinstecken. Und was für ein gutes Gefühl sie mir geben, auch wenn ich weiß, dass sich manches damals ganz anders angefühlt hat. Gelernt habe ich wirklich, dass man manchmal einen Schritt zurück machen muss, um dann wieder ein oder zwei nach vorn machen zu können.

          Ein Trigger des Glücks

          Vor allem aber habe ich über die Jahre erfahren, welches Glück, welche Kraft der Sport spenden kann, erst recht, wenn man ihn mit einem besonderen Team teilen kann. Und dabei rede ich über viel mehr als Momente von Sieg oder Niederlage. Genauso wenig, wie ich heute das Gefühl auf der Pressetribüne beschreiben kann, als Mario Götze das Siegtor im WM-Finale 2014 schoss, kann ich sagen, wie es sich angefühlt hat, als wir (mit unseren blauen Trikots) als „Blaue Saudis“ verspottet wurden, weil wir am Tag des deutschen 8:0-Siegs bei der Fußball-WM 2002 gegen Saudi-Arabien ähnlich hoch in Köln verloren. Oder wie es war, als die Blauen Saudis im Rückspiel die entscheidenden Punkte im Abstiegskampf holten (und nebenbei den Kölnern den sicher geglaubten Bundesliga-Aufstieg verdarben).

          Nein, gespeichert ist nicht des Gefühl des Gewinnens oder des Verlierens, sondern des Sporttreibens als solchem. Wenn ich laufe oder mit den Kindern auf der Wiese Fußball spiele und plötzlich, durch einen Gedanken oder einen bestimmten Hauch in der Luft, mit einem Mal wieder ganz genau spüre, wie es vor vielen Jahren war, auf dem Trainingsplatz, auf der Jahnkampfbahn, und mich dann freue, das alles erlebt zu haben und in mir zu tragen. Ein gutes Gefühl ist das immer, ein Trigger des Glücks – in diesen Tagen aber noch einmal besonders. Dann denk ich nicht nur an Sport, sondern auch an die Krise, und ich denke: Bring it on!

          Weitere Themen

          Rhein-Derby vor leeren Rängen Video-Seite öffnen

          Düsseldorf gegen Köln : Rhein-Derby vor leeren Rängen

          Am Wochenende trifft Fortuna Düsseldorf auf den 1. FC Köln. Doch auch das Rhein-Derby muss in dieser Saison ohne die Fans stattfinden. Doch auch als Geisterspiel sei das Aufeinandertreffen der beiden Vereine etwas Besonderes, wie beide Trainer beteuerten.

          Topmeldungen

          Altbundeskanzler Gerhard Schröder (r, SPD) mit Bela Anda, seinem früheren Regierungssprecher, in seiner Anwaltskanzlei bei der Aufzeichnung seines neuen Podcasts

          Liveblog zum Coronavirus : Schröder zu Protesten: „Idioten gab es immer“

          Bundesregierung und Lufthansa einigen sich auf milliardenschwere Staatshilfen +++ 147 Schlachthof-Mitarbeiter in den Niederlanden infiziert +++ RKI vermeldet 289 Neuinfektionen und 10 Tote in Deutschland +++ Amerika verhängt Einreisebeschränkungen gegen Brasilien +++ Alle Entwicklungen im Liveblog.

          BGH-Urteil : VW muss Diesel-Käufern Schadenersatz zahlen

          Volkswagen ist im Dieselskandal grundsätzlich zur Zahlung von Schadenersatz verpflichtet. Klagende Käufer, die das Geld zurückhaben wollen, müssen sich gefahrene Kilometer anrechnen lassen. 60.000 Verfahren sind betroffen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.