https://www.faz.net/-gtl-8ynsp

Meisterschaft im Reiten : Sprünge in die Parallelwelt

  • -Aktualisiert am

Ist in Balve nicht am Start: Luder Beerbaum. Bild: Imago

In Balve wird zurzeit um deutsche Meistertitel geritten. Allerdings entzieht die Global Champions Tour der Reiter dem olympischen System die Energie – für das sie irgendwann kaum mehr Zeit haben.

          Vor einer Woche war Breido zu Rantzau im Wiesbadener Schlosspark unterwegs. An diesem Wochenende gibt sich der Graf im Park des Wasserschlosses Wocklum im Sauerland die Ehre. Das mag ein bisschen sehr adelig und nicht unbedingt nach Basis klingen. Ist es aber doch. In Wiesbaden fand das traditionelle, von einer eingeschworenen Truppe aus Ehrenamtlichen gemanagte Pfingstturnier statt. In Balve, im Zuhause des verstorbenen Reiterpräsidenten Dieter Graf Landsberg-Velen, wird zurzeit um deutsche Meistertitel geritten. Breido Graf Rantzau ist der aktuelle Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, ein bodenständiger Holsteiner, der aus der Praxis kommt und sich freut, dass Turnier-Deutschland an diesen traditionellen Orten noch in Ordnung ist. „Das sind doch einfach tolle Turniere“, sagt er. „Und die brauchen wir.“

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Für diese Basis will Graf Rantzau kämpfen, und das muss er auch. Denn das große Geld stört mehr und mehr die Balance. Die hochprofessionelle und ökonomisch ausgerichtete Global Champions Tour des niederländischen Pferdehändlers Jan Tops, zusammen mit dem seit dem vergangenen Jahr daran angeschlossenen Mannschaftswettbewerb, genannt Global Champions League, steigern zwar die Gewinnmöglichkeiten. Und zu üppigen Preisgeldern sagt kein Springreiter nein – und auch kein Züchter und Händler zu steigenden Pferdepreisen. Aber diese Serie saugt die Kapazitäten der Top-Reiterei in sich auf. Die Verpflichtungen der besten Springreiter bei der Global Champions League drohen überhandzunehmen. Für das alte System, das immerhin die Olympischen Spiele als Höhepunkt hat, haben sie irgendwann kaum mehr Zeit.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          In Balve etwa sind die Stars nicht am Start. Ludger Beerbaum, Christian Ahlmann, Marcus Ehning und Daniel Deusser jagen zeitgleich mit ihren besten Pferden in Cannes dem Geld hinterher. Das ist in diesem Jahr nicht so schlimm, weil die deutsche Bronze-Equipe von Rio ohnehin zerfallen ist. Becker will in Balve Nachwuchsleute und aufstrebende Paare für das nächste Championat sichten, die Europameisterschaften im August in Göteborg. Doch seine Jahresplanung ist äußerst knifflig. „Eine Herkulesaufgabe“, sagt Becker, besonders im ereignisreichen Hochsommer, mit den Nationenpreisen in Aachen, Falsterbo und Hickstead. Um Mannschaften für die oft parallel zur Global Champions Tour stattfindenden klassischen Nationenpreise, das eigentliche Olympia-Format, zu bilden, muss er tüfteln und verhandeln. „Ich versuche, vernünftig zu planen“, sagt er. „Ich habe es bisher nicht auf die Spitze getrieben.“ Nur so ist es ihm gelungen, Kollisionen zu umgehen.

          Doch die Schlinge wird sich noch weiter zuziehen. In diesem Jahr finden 16 Turniere der Global Champions Tour statt, im nächsten sind 18 geplant und im übernächsten Jahr bereits 20. Eine Parallelwelt zum olympischen System wird immer wahrscheinlicher. Zumal die Turniere der Global Champions Tour bezüglich der Startmöglichkeit die olympische Tugend der Chancengleichheit ausblenden. Bis zu 60 Prozent des Starterfeldes kann von den Organisatoren eingeladen werden. Was bedeutet, dass Reiche für einen Startplatz zahlen. Und sich am besten noch ein Millionenpferd aus dem Handelsstall Tops kaufen. So wird aus dem Geschehen ein Geschäft: Das Preisgeld wird aus den Startgebühren geschöpft.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Immerhin gibt es pro Turnier 300. 000 Euro für die Einzelspringen. Beim Finale werden für die Gesamtwertung noch einmal 950.000 Euro ausgeschüttet. In der Global Champions League, deren Mannschaften eine Einschreibegebühr entrichten, geht es für die 18 Teams um 10,5 Millionen Euro. Es handelt sich also um eine große Geld-Umverteilungsmaschine. Und ein besonders exklusives Tourismus-Unternehmen für wagemutige Reiche und Profis, die für Reiche reiten. Und das an den schönsten Spots der Welt in London, Paris, Monte Carlo. Auch Hamburg gehört dazu und im Juli zum ersten Mal Berlin. An vielen Etappen-Orten sind Zuschauer bereits entbehrlich. „Was bringt es uns, wenn Frauen im Bikini, die nichts vom Sport kennen, vorbeikommen?“, fragt Rantzau. In Miami ist tatsächlich eine Seite des Turnierplatzes zum Beach hin geöffnet.

          Will der Weltverband FEI das Heft in der Hand behalten, muss er handeln. Ohnehin hat er das Format Global Champions League nur nach harten Verhandlungen genehmigt – und weil Jan Tops mit erheblichen Erfolgschancen bei der belgischen Kartellbehörde geklagt hatte. Die FEI wird die Nationenpreis-Serie stärken müssen. Dazu müsste sie erst einmal wieder einen starken Sponsor finden. Es wird auch erwogen, in Nationenpreisen deutlich mehr Weltranglistenpunkte als früher zu vergeben – auch das Einladungssystem von Tops gründet sich auf dieses Ranking. Falls nichts geschieht, droht die traditionelle Basis des Reitsports zum Zulieferer einer verwöhnten Minderheit zu schrumpfen.

          Weitere Themen

          Fortuna fit trotz Verletzungen Video-Seite öffnen

          Rheinderby gegen Gladbach : Fortuna fit trotz Verletzungen

          Im Rheinderby treffen die Düsseldorfer am Sonntag auf Borussia Mönchengladbach, die am Donnerstag in der Europa League eine 0:4-Heimniederlage verkraften mussten. Trotz Verletzungspech freut sich Trainer Funkel auf das Spiel.

          Wachstum mit Gefahren

          FAZ Plus Artikel: Rugby-WM : Wachstum mit Gefahren

          Rugby treibt seine Entwicklung voran – und will mit der Weltmeisterschaft in Japan neue Märkte erobern. Auch das Spiel hat sich verändert. Die Aktiven sollen nun besser geschützt werden.

          Topmeldungen

          Vorwürfe im Vorwahlkampf : Trumps zwielichtiges Telefonat

          Donald Trump soll den ukrainischen Präsidenten aufgefordert haben, Ermittlungen gegen den Sohn seines möglichen Konkurrenten Joe Biden anzuschieben. Ging es auch um die Erpressung mit amerikanischen Finanzhilfen?
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.