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Deutschland-Tour : Die Erweckung des schlafenden Riesen

  • -Aktualisiert am

Der deutsche Radprofi Pascal Ackermann (Bora-hansgrohe) bei der Teamvorstellung in Koblenz Bild: dpa

Vier Tage, vier Etappen, Tour-Prominenz und eine große Hoffnung: Mit französischer Entwicklungshilfe nimmt die Deutschland-Tour nach zehn Jahren Pause wieder Fahrt auf.

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          Ist der Radsport hierzulande im Aufschwung, ist er vielleicht sogar größer, als man denkt? Oder kleiner als befürchtet? Von den vier Tagen von diesem Donnerstag (12.00 Uhr bei Eurosport) bis Sonntag erhofft man sich in der Szene ein Stück weit Auskunft, woran man ist. Mit dem neuaufgelegten Format Deutschland-Tour – vier Etappen, 737 Kilometer, diverse Stars am Start, verbunden mit großen Hoffnungen. Besonders bei der Amaury Sport Organisation (A.S.O.), die die Veranstaltung wiederbelebt hat, im Glauben daran, dass es sich lohnen wird, in einen angeblich schlafenden Radsport-Riesen zu investieren.

          Am Mittwochabend ist das Event in sommerlich heiterer Atmosphäre am Deutschen Eck in Koblenz mit der Präsentation der 22 teilnehmenden Teams – darunter elf aus der ersten, der World-Tour-Kategorie – eröffnet worden. Es wirkt, als ob die Protagonisten des Pelotons dem Projekt bestmögliche Starthilfe geben wollen. Neben der versammelten deutschen Radelite stehen mit dem Waliser Geraint Thomas, dem Niederländer Tom Dumoulin und dem Franzosen Romain Bardet der Erste, Zweite und Sechste der diesjährigen Tour de France am Start des ersten Teilstücks von Koblenz nach Bonn. An den folgenden Tagen mit den Zielorten Trier, Merzig und Stuttgart sind Fahrer gefragt, die sich auch bei schweren Eintagesrennen wohl fühlen.

          Die A.S.O., die auch die Frankreich-Rundfahrt veranstaltet, ist der größte Partner, den man im internationalen Räderwerk haben kann. Die Franzosen setzen nicht auf das Profifeld allein, sondern vermarkten die Deutschland-Tour als „Fahrrad-Festival“. Wohl im Wissen, dass die Skepsis gegenüber dem Radsport hierzulande noch ausgeprägt ist. So gibt es an den Start- und Zielorten Kinderparcours, Fahrrad-Expos, autofreie Zonen für Radler und am Sonntag zum Finale in Stuttgart auch ein Jedermannrennen mit 3500 Teilnehmern.

          „Wir wollen den deutschen Radsport von der Basis her fördern“

          „Wir wollen nicht nur ein Profirennen veranstalten, sondern den deutschen Radsport von der Basis her fördern. Wir wollen auch Leute begeistern, die mit dem Rennbetrieb bislang nichts zu tun hatten, sondern vielleicht nur regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit fahren“, sagt A.S.O.-Deutschlandchef Claude Rach. „Es soll eine Plattform sein, die Teams, Fans, Medien und Sponsoren zehn Jahre lang gefehlt hat.“ Jetzt müssen es die Zuschauer nur noch annehmen. Man wird jedenfalls ein sehr waches Auge haben auf die Fernsehquoten (ARD, ZDF und Eurosport berichten live), auf die Anzahl der Menschen am Streckenrand und die Stimmung.

          Claude Rach

          Dieses erstmals 1911 ausgetragene Rennen hat eine unstete Geschichte, kommt insgesamt nur auf 32 Ausgaben. Die jüngste Unterbrechung dauerte zehn Jahre. Im Jahr 2008 war die Deutschland-Tour untergegangen, wie so viele Rennen hierzulande: Bayern-, Hessen-, Thüringen-Rundfahrt. Zu viele hatten die Hoffnung aufgegeben, dass der Doping-Sumpf jemals trockengelegt werden könnte. Kein Fernsehen, keine Sponsoren, keine Rennen, keine Lust mehr – so stellte es sich damals dar. Nicht zuletzt dank der Erfolge deutscher Profis, die sich als saubere Sportsmänner geben, ist der Radsport in Deutschland wieder salonfähig geworden.

          Die A.S.O. hat sich viel vorgenommen, will sich um den hiesigen Radnachwuchs kümmern, Rennveranstalter unterstützen, Sponsoren akquirieren – will quasi als Entwicklungshelfer den Aufschwung befeuern, um dann daraus Kapital zu schlagen. Der Einstieg in den deutschen Markt – der größte in Europa bei Fahrradverkäufen – , auf dem die Franzosen großes, brachliegendes Potential wittern, ist von langer Hand geplant. Ihr Einfallstor war die Übernahme des Frankfurter Radklassikers am 1. Mai. Das dortige Organisationsteam wurde aufgestockt und auch mit der Organisation der Deutschland-Tour betraut. 2017 ließ die A.S.O. einen ultimativen Testballon steigen, um die Radsportbegeisterung der Deutschen zu messen: den „Grand Départ“ der Tour de France in Düsseldorf. Nach dem Motto: Geben wir den Deutschen das größte Pfund, das wir haben, und schauen mal, wie sie darauf reagieren. „Wir wollten eine Flamme entzünden“, sagt der Luxemburger Rach.

          Die Radteams stellen sich gerne gut mit dem Großveranstalter. Das Netzwerk und die möglichen Paketlösungen ermöglichen der A.S.O. einen leichteren Zugang zu Geldgebern und Fernsehsendern. Nur die Suche nach einer Strecke und Städten, die als Gastgeber der Deutschland-Tour auftreten wollten, gestaltete sich zunächst als schwierig. Nun sind es vier Tage Radsport im Westen und Südwesten der Republik geworden statt ehedem acht mit Abstecher etwa in die Alpen. Dies sei die „realistische Größe für den Beginn“, so Rach. „Wir bevorzugen eine natürliche Weiterentwicklung.“

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