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Im Gespräch: Sportarzt Aschenbach : „Ich bin kein Gegner des Leistungssports“

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Hans-Georg Aschenbach: „Es entstand ein an Marketing- und Konsuminteressen orientiertes „System Sport“ Bild: picture alliance / dpa

Der einst aus der DDR geflohene Olympiasieger Hans-Georg Aschenbach setzt sich nach einer Zeit des Schweigens kritisch mit dem Leistungssport auseinander. Im Interview spricht er über Depressionen und seine ehemalige Sportart Skispringen.

          5 Min.

          Hans-Georg Aschenbach hat im Skispringen nahezu alles erreicht, was man in dieser Sportart erreichen kann. Er gewann in den siebziger Jahren im DDR-blauen Springeranzug olympisches Gold, die WM, die Skiflug-WM und die Vierschanzen-Tournee. Er studierte Sportwissenschaften und Medizin. 1988 nutzte er als Mannschaftsarzt der DDR-Springer um Jens Weißflog ein Trainingslager zur Flucht. Er war der ranghöchste Offizier, der je aus der DDR geflohen ist. Gesundheitliche Folgeschäden der Sportkarriere, Burn-out und Depressionen begleiten seit Jahrzehnten sein Leben. Vor rund einem Jahr hat er zu neuer Kraft gefunden. Seitdem erhebt er seine Stimme zu Problemen des Leistungssports. Der Sechzigjährige praktiziert in Freiburg als Sportmediziner.

          Sie kritisieren Fehlentwicklungen in der Wahrnehmung von sportlichen Leistungen und sehen dabei vor allem die Rolle des Fernsehens skeptisch. Sie fordern, mit einer "medialen Inquisition" von Athleten Schluss zu machen. Was meinen Sie genau?

          Das Problem der psycho-sozialen Überlastung von Sportlern durch Erwartungen von außen und öffentliche Beurteilungen ist Insidern seit Jahren offenkundig. Leider bedurfte es - so traurig das ist - erst prominenter Opfer, damit die Gesellschaft dem Phänomen mehr Aufmerksamkeit widmet.

          Sie spielen auf die vielen Fälle von Burn-out und Depressionen an?

          Ja. Und ich denke auch an das frische Beispiel der Biathletin Magdalena Neuner, die ihren Rücktritt zum Saisonende angekündigt hat. Ich freue mich, dass es ihr mit Unterstützung ihrer Familie und Freunden gelungen ist, sich dem "System Sport" rechtzeitig und selbstbestimmt zu entziehen. Aber das Rechtfertigungs- und Erklärungsszenario war schon bedrückend. Ich sehe in ihrer Entscheidung eine Signalwirkung: Andere Athleten nach ihr dürften es leichter haben, den Zeitpunkt ihres Rücktritts selbst zu bestimmen.

          Was verstehen Sie unter dem "System Sport"?

          Zu meiner aktiven Zeit entsprach die Instrumentalisierung des Sports dem politischen und gesellschaftlichen Selbstverständnis einer darstellungssüchtigen Funktionärsgilde. In der DDR folgte der Sport dem parteidiktatorischen Auftrag, die angebliche Überlegenheit des Sozialismus nach außen zu tragen. Der Sportler hatte zu funktionieren, wurde mit allen zur Verfügung stehenden Maßnahmen und Mitteln militärisch geführt, wissenschaftlich trainiert, körperlich benutzt und politisch indoktriniert. "Versüßt" wurde ihm seine Entmündigung mit Privilegien wie Auslandsreisen, freie Berufswahl oder vermeintliche Fürsorge.

          Und nach der Vereinigung?

          Mit dem Fall der Mauer verschwand zwar das Feindbild, doch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschärften sich im vereinten Deutschland. Aus meiner Sicht entstand ein an Marketing- und Konsuminteressen orientiertes "System Sport", das sich seiner Athleten bemächtigt. Es ist schwierig, sportliches Talent und Persönlichkeit in Ruhe zu entfalten. Wirtschaftliche Zwänge, berufliche Unsicherheiten und wegbrechende Fürsorge nach Karriereschluss erhöhen den psychischen und physischen Druck auf die Aktiven in Grenzbereiche. Von derartigen Erkrankungen und Schicksalen lesen wir immer öfter, die meisten aber bleiben noch im Verborgenen.

          Es geht ja dabei nicht nur um Spitzensportler, sondern auch um Trainer, Betreuer.

          Richtig. Wie der Burn-out von Fußballtrainer Ralf Rangnick im September gezeigt hat, sind von den psychosozialen Pressionen und Belastungen auch Trainer und - wie ich glaube - auch zunehmend Schiedsrichter und Ehrenamtliche betroffen. Sorgen mache ich mir zudem um einige Bundestrainer, deren Verträge nach sogenannten wirtschaftlich bedingten Umstrukturierungen nicht verlängert werden und die auf den Weg zu Harz IV geschickt werden.

          Was wäre Ihrer Meinung nach eine Lösung?

          Wir brauchen dringend ein seriöses Gremium zu diesem Thema, das mit Sachverstand und Prominenz besetzt ist und von dem eine nachhaltige Botschaft ausgeht.

          Sie selbst hielten ja augenscheinlich größten Belastungen stand. Sind Sie ein Beispiel des psychisch stabilen Sportlers?

          Wissen Sie, der Mensch Aschenbach wurde als Kind aus dem Schutz des Elternhauses gezogen, er wurde als Jugendlicher dem System unterworfen, sein Körper dazu befähigt, tausende Male seine Seele von den Schanzen dieser Welt mit in die Tiefe zu reißen. Er wurde in die Medizinische Kommission des Welt-Skiverbandes entsandt, daraus aber von der Stasi-Führung zurückgezogen, nachdem er 1987 während eines Ungarn-Urlaubes einem Nürnberger Kind, also aus dem Westen, in akuter Lebensgefahr half. Er wurde ein Jahr später, nach den Misserfolgen der DDR-Mannschaft bei den Olympischen Winterspielen in Calgary, zum Mannschaftsarzt der Skispringer bestimmt und mit der Erarbeitung sportartspezifischer Dopingpläne beauftragt.

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