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Im Gespräch: Ruderer Hacker : „Ich brauche ein Team um mich herum“

  • Aktualisiert am

2012 will Hacker wieder alleine fahren, vorerst aber stiegt er in den Vierer Bild: AP

Einzelkämpfer auf Abwegen: Marcel Hacker verlässt nach vielen sportlichen Enttäuschungen seinen Einer, um in den Vierer zu steigen. Der Ruderer im Gespräch mit Michael Wittershagen über Hintergründe des Wechsels und den Wert von Veränderungen.

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          Der Ruderer Marcel Hacker steigt vorerst um: Er verlässt nach vielen sportlichen Enttäuschungen in den vergangenen Jahren sein angestammtes Einer-Boot, um künftig im Vierer zu rudern. Im Team will er sich verlorenes Selbstvertrauen wiederholen.

          Im FAZ.NET-Interview spricht er über die Hintergründe seines Wechsels und den Wert von Veränderungen.

          Sie lassen Ihre Haare wieder wachsen, tragen keine Glatze mehr. Ist dies Ausdruck Ihrer persönlichen Veränderung?

          Nach den Olympischen Spielen in Peking habe ich viel nachgedacht und bin dann zum Ergebnis gekommen, dass ich etwas Grundsätzliches verändern muss. Die Haare sind sicher Ausdruck von etwas Neuem. Ich fühle mich derzeit sehr wohl, die Haare haben eine vernünftige Länge, ich gehe alle drei Monate zum Friseur. Die Glatze war am Ende nur noch eine Facette, um noch unnahbarer zu erscheinen – so etwas wie ein Schutzwall. Nun bin ich in vielen Dingen ruhiger und ausgeglichener geworden.

          Ausstieg: Marcel Hacker fährt vorerst nicht mehr Einer, sondern rudert im Vierer

          Aber Sie haben doch mal gesagt: „Warum soll ich mich verändern? Ändern tut weh.“

          Ja, so ist es auch. Sich zu verändern, das tut richtig weh. Es ist nicht einfach, an der eigenen Persönlichkeit zu arbeiten. Aber es macht einen Menschen doch liebenswürdig, wenn er sich ändern kann. Ich habe begriffen, dass es im Leben um gemeinsame Lösungen geht. Sicherlich kann man auch mal seinen Willen durchsetzen, aber am Ende besteht die Welt aus Kompromissen.

          War es anstrengend, unnahbar zu sein?

          Nein, ich habe diese Rolle irgendwann perfekt gespielt. Das begann eigentlich schon beim Frühstück. Im letzten halben Jahr aber habe ich gelernt, wieder Mensch zu sein – und nicht mehr diese Maschine, die ich war.

          War es nur der Misserfolg – das Aus im Halbfinale – bei Olympia in Peking, der den Impuls zur Veränderung gegeben hat?

          Es hat schon vorher angefangen. Auch im privaten Bereich ist in dieser Zeit einiges passiert. Aber das soll keine Entschuldigung sein. Das, was ich in Peking im Halbfinale gezeigt habe, entspricht nicht meinem Leistungsniveau.

          Sie haben zwischenzeitlich überlegt, Ihre Karriere zu beenden. War dann die Liebe zum Rudern doch so groß, dass Sie nicht aufhören wollten?

          Natürlich. Wer seinen Sport nicht liebt, der kann ihn auch nicht voller Leidenschaft ausüben. Die Deutsche Bahn hat mich noch bis Ende 2010 freigestellt, unterstützt mich auch finanziell. Vielleicht geht die Unterstützung ja auch bis zu den Olympischen Spielen 2012 in London, wenn sich der Erfolg wieder einstellt.

          Sie haben jahrelang vollkommen losgelöst vom Deutschen Ruderverband trainiert, nun integrieren Sie sich wieder in diese Gemeinschaft. Wie schwer ist Ihnen das gefallen?

          Überhaupt nicht. Aber natürlich hatte ich ordentlich Schiss, bevor ich jetzt mit den Jungs ins Trainingslager gefahren bin. Man fragt sich natürlich schon, wie man aufgenommen wird. Ich kenne diese Leute ja nicht, wir sind zwar fünf Jahre lang oder noch länger eine Mannschaft gewesen, aber hatten kaum Berührungspunkte

          Bei Olympia in London wollen Sie im Einer starten, zur Vorbereitung aber werden Sie in dieser Saison in ein Mannschaftsboot wechseln, warum?

          Ich brauche ein Team um mich herum, und ich will mir ein Jahr Auszeit vom Einer nehmen. Körperlich ist es für einen allein nicht so schwierig, Wettkampf für Wettkampf die Leistung abzurufen. Es geht um den Kopf, der macht irgendwann nicht mehr mit. In dieser Saison will ich im Doppelvierer antreten, dort kann ich meine Erfahrung weitergeben und viel lernen. Sicherlich ist die Umstellung groß, die Bewegungsabläufe sind ganz anders, die Durchzugsgeschwindigkeit viel höher. Da muss ich mich anpassen.

          Hat Ihnen die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele eigentlich Spaß bereitet?

          Nicht wirklich. Es war pure Arbeit.

          Und jetzt?

          Die Freude ist zurück. Ich habe wieder richtig Lust am Rudern. Weil ich weiß, wofür ich es mache. Nicht für mich, sondern für die Mannschaft. Ich arbeite jetzt für ein Team. Das ist toll.

          Sie arbeiten inzwischen mit einer Psychologin zusammen.

          Ich kenne diese Frau schon seit fünf oder sechs Jahren, dass wir nun zusammen arbeiten, ist aus einer Kaffeelaune heraus entstanden. Ich merke erste Ergebnisse, denke mehr nach und ticke nicht mehr so schnell aus. Wenn es innerlich doch wieder in mir brodelt, rufe ich sie an, wir telefonieren eine halbe Stunde, und mir geht es wieder gut.

          Welche Rolle spielt die Rudergesellschaft Germania in Ihrem Leben?

          Eine sehr große, das ist mein Verein – und der hilft mir enorm. Die Germania übernimmt die Kosten für die Trainingslager, die Verbandsabgaben und so weiter. Und ich profitiere natürlich von diesem Netzwerk hier in Frankfurt.

          Können Sie sich einen Umzug aus Bayern nach Frankfurt vorstellen?

          Derzeit macht so etwas keinen Sinn. Aber sicher ist es eine Option für die Zukunft. Vielleicht werde ich schon nach der Weltmeisterschaft einen neuen Lebensabschnitt beginnen und nach Frankfurt ziehen. Während der Saison bin ich ständig unterwegs, das Auto ist da mein Zuhause. Ich habe für ein Dreivierteljahr Klamotten dabei, einen Anzug, Trainingssachen – ich bin total flexibel und muss erst einmal nicht zurück nach Oberschleißheim, nur weil ich vielleicht fünf Unterhosen vergessen habe. Ich bin auf alles vorbereitet.

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