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Im Gespräch: Manfred Nerlinger : „Ich war nicht mehr tauglich“

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Nerlinger 1996 im olympischen Wettkampf von Atlanta Bild: picture-alliance / dpa

Vor 25 Jahren gewann der Gewichtheber Manfred Nerlinger seine erste olympische Medaille: Bronze in Los Angeles im Superschwergewicht. Es folgten Silber 1988 und Bronze 1992. Jetzt zahlt er die Rechnung für seine Karriere.

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          Vor 25 Jahren gewann der Gewichtheber Manfred Nerlinger seine erste olympische Medaille: Bronze in Los Angeles im Superschwergewicht. Es folgten Silber 1988 und Bronze 1992. Jetzt zahlt er die Rechnung für seine Karriere.

          Erinnern Sie sich noch, wie Sie in Los Angeles unter der Hantel lagen?

          Unter der Hantel? Ach ja, das war beim letzten Versuch im Stoßen. Ich hatte damals eine Knieverletzung, sonst wäre vielleicht mehr als Bronze möglich gewesen. Hauptsächlich erinnere ich mich aber an das Rundrum. Die Stadt, das Olympische Dorf. Damals waren die Spiele noch ganz offen. Die großen Sicherheitsvorkehrungen begannen erst 1988 in Seoul.

          „Es ist glimpflich abgelaufen”: Im Oktober 2008 hatte Nerlinger (Foto: im April 2009 mit dem ehemaligen Biathleten Fritz Fischer) einen leichten Schlaganfall
          „Es ist glimpflich abgelaufen”: Im Oktober 2008 hatte Nerlinger (Foto: im April 2009 mit dem ehemaligen Biathleten Fritz Fischer) einen leichten Schlaganfall : Bild: picture-alliance/ dpa

          Seitdem ist viel Zeit vergangen. Was machen Sie jetzt?

          Ich werde nächstes Jahr fünfzig. Ich habe Ende 1996 meine aktive Karriere beendet und 2000 meine Trainerausbildung in Köln abgeschlossen, alles im Zuge meines Dienstes in der Sportfördergruppe der Bundeswehr. Die Bundeswehr hat mich dann dem Bundesverband Deutscher Gewichtheber zur Verfügung gestellt, so dass ich als Trainer arbeiten konnte. Seitdem war es aus mit dem aktiven Sport für mich.

          Wieso?

          Ich habe nur noch als Trainer gearbeitet und nicht mehr groß selbst trainiert. Ich habe dann auch immer größere Probleme bekommen mit der Hüfte und dem Rücken, den Schultern, ich hatte eine Knieoperation und habe später eine neue Hüfte gebraucht.

          Sind Sie deshalb Ende 2007 beim Verband ausgeschieden?

          Es hat erhebliche Differenzen gegeben, mit dem Sportdirektor und dem Präsidium. Das hat sich hochgeschaukelt. Mein Bereich, die Jugend, war sehr erfolgreich. Die Männermannschaft aber nicht so sehr. Trotzdem hat man versucht, mir Vorschriften zu machen. Ich habe es auch gewagt, den Bereich des allmächtigen Sportdirektors Frank Mantek zu hinterfragen. Das wurde mir übelgenommen. Im Zuge dessen habe ich gesagt, ich hätte genug davon und ginge. Auch, weil ich meine Familie wegen des Sports vernachlässigen musste und meine gesundheitlichen Probleme zunahmen.

          Und dann?

          Ich hätte dann in der Sportfördergruppe der Bundeswehr eine Aufgabe in der Leitungsebene übernehmen können. Aber dann hat der Arzt gesagt, Mensch, mit Ihren Gebrechen, wenn Sie nun von heute auf morgen nicht mehr können . . . Für die Aufgaben eines Sportfeldwebels war ich nicht mehr tauglich. Am 1. August 2008 bin ich vorzeitig in Pension geschickt worden.

          Glauben Sie, dass Ihre körperlichen Probleme durch den Sport entstanden sind?

          Ja, der Sport war sicher mit dabei. Was die Hüfte angeht, so hatte ich von Kindheit an eine Dysplasie, die nicht so behandelt wurde, wie man das heutzutage macht. Mit dieser Hüfte und den Knien hatte ich eben mein Malheur, das der Leistungssport verstärkt hat.

          Haben Sie denn nach der aktiven Karriere viel abgenommen?

          Ich wollte schon. Aber das war schwierig. Ich hatte mal auf 140 Kilo abgenommen, mein Spitzengewicht war 165, dann habe ich wieder zugenommen bis 159. Dann kam die Hüfte, das Aufhören, der ganze Ärger, da habe ich dann gesagt, so, jetzt wird abgenommen. Ich habe mein Gewicht auf 123 bis 125 Kilo reduziert.

          Wieso ist Ihr Gewicht nicht automatisch zurückgegangen?

          Ich musste als Superschwergewichtler immer viel essen und trinken. Darum ist es zur Gewohnheit geworden. Es hat mir einfach immer geschmeckt. Aber nach der Trainerausbildung war kein Kalorienverbrauch mehr da.

          Bereuen Sie es, dass Sie diesen strapaziösen Sport betrieben haben?

          Nein. Vielleicht wenn ich fünf Jahre eher aufgehört hätte, ginge es meinen Knochen besser. Ich habe aber eine schöne Zeit gehabt und war erfolgreich. Ich sag mal: Andere haben auch kaputte Knie, haben aber immer im Büro gesessen.

          Eine Werbung für den Kraftsport sind Sie aber nicht gerade.

          So sollte das aber jetzt nicht rüberkommen. Superschwergewicht ist natürlich ein Extrem: extremes Körpergewicht, extreme Lasten. Es gibt ja auch genug Beispiele aus leichteren Klassen und ohne angeborene Probleme wie meine Hüfte, die keine Beschwerden haben.

          Und wie geht es Ihnen sonst?

          Kurz nach meiner Pensionierung, am 22. Oktober 2008, hat es mich in einem Autohaus aus heiterem Himmel umgehauen. In der Klinik haben sie festgestellt, dass es ein Schlaganfall ist. Ich wurde gleich richtig behandelt, und es ist nichts zurückgeblieben bis auf ein leichtes Taubheits- und Engegefühl in der rechten Schulter und hinunter zum Bauch. Aber das behindert mich nicht. Es ist glimpflich abgelaufen.

          Ist auch das eine Folge des Sports?

          Nein. Ich hatte eine Verletzung der Halsschlagader. Irgendwann muss ich den Kopf verrissen oder mich angeschlagen haben, ich weiß nicht genau. Bei der Heilung hat es wohl ein paar Blutplättchen hochgespült, die den Verschluss verursacht haben.

          Erinnern Sie sich daran?

          Das Gefühl wünsche ich keinem. Man kann eigentlich klar denken und versucht zu sprechen, aber alles ist wirr, und man versteht nicht, und Arme und Beine versagen, mal die linke, mal die rechte Seite.

          Man könnte auf die Idee kommen, dass der Schlaganfall mit Anabolika zusammenhängt.

          Nein. Ich habe immer sauberen Sport betrieben. Meine Organe und Adern sind ganz normal für mein Alter. In Deutschland das Gewichtheben mit Doping in Zusammenhang zu bringen ist totaler Quatsch. Bereits 1984 wurde hier mit Trainingskontrollen begonnen.

          Was arbeiten Sie jetzt?

          Ich habe schon seit 1995 zusammen mit meiner Frau eine Firma. Wir vertreiben Zusatznahrung und Artikel, die man für den Kraftsportbereich braucht. Gewichtheberschuhe, Hanteln, Trikots zum Beispiel. Ich arbeite auf 400-Euro-Basis mit.

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