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Im Gespräch: Ivano Balic : „Wenn ich mich für eine Diva hielte, dann wäre ich ein Idiot“

Handball-Star Ivano Balic spielt in Wetzlar: „Ich habe die Welt gesehen, ich habe tolle Menschen kennengelernt, mir geht es gut, und dafür bin ich sehr dankbar“ Bild: Fricke, Helmut

Ivano Balic war einmal ein Handball-Weltstar. Jetzt spielt der Olympiasieger und Weltmeister in der Bundesliga für Wetzlar. Wie gut ist er noch?

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          Sie wollen die Sporthalle in Dutenhofen künftig abschließen während des Trainings. Zu groß sei der Hype um die HSG Wetzlar in den vergangenen Tagen geworden. Die Verantwortlichen machen sich Sorgen, dass sich die Mannschaft nicht mehr auf das Wesentliche konzentrieren könne, wenn immer mehr Fans kommen, um diesen Mann zu sehen: Ivano Balic, 34 Jahre alt, Kroate. Er war Olympiasieger (2004), Weltmeister (2003) und Welthandballer (2003 und 2006). Nun ist er der Transfer dieses Sommers in der Handball-Bundesliga. Zum Interview kommt er eine Dreiviertelstunde zu spät. Im typischen Balic-Stil: Seine graue Trainingshose ist eine Nummer zu groß und hängt ein wenig zu tief; sein Bart wurde seit Tagen nicht geschnitten; sein Schritt wirkt träge und lustlos.

          Michael Wittershagen
          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Herr Balic, zählen Sie sich noch zu den besten Spielern der Welt?

          „Ich denke nicht in solchen Kategorien, das müssen andere entscheiden. Ich will einfach nur rausgehen auf das Spielfeld und meinen Spaß haben. Ich möchte die Zeit genießen, die ich noch als Profi habe. Deshalb bin ich nach Wetzlar gekommen. Wir können hier gemeinsam sehr viel Spaß haben und erfolgreich sein. Wir haben eine sehr junge Mannschaft, vielleicht kann ich sie mit meiner Erfahrung noch einmal um fünf oder zehn Prozent besser machen.“

          Warum wechseln Sie auf der Zielgeraden Ihrer Karriere ausgerechnet in die deutsche Provinz?

          „Ausgerechnet? Ich bin hier, um Handball zu spielen, und ich werde mein Bestes geben. Natürlich ist hier weniger los als zuletzt in Madrid, es gibt weniger Cafés und weniger Geschäfte. Aber das spielt keine Rolle.“

          Was war das entscheidende Argument für Wetzlar? Das Geld?

          „Ich hatte mehrere Optionen, aber ich wollte nur nach Wetzlar gehen. Das Geld ist mir inzwischen nicht mehr so wichtig, die Aufgabe reizt mich.“

          Und Sie können recht sicher sein, dass das Gehalt rechtzeitig auf dem Konto ist.

          „Genau.“

          Anfang Juli wurde Balic vereinslos. Sein ehemaliger Klub Atlético Madrid meldete Insolvenz an und stellte den gesamten Kader frei. Kurz zuvor hatte Balic noch in der Champions League gespielt, nun suchte sein Berater David Caballero nach neuen Vereinen für den Kroaten und bot ihn offenbar auch dem HSV Hamburg an. Doch in Domagoj Duvnjak, Kentin Mahé und Joan Cañellas haben die Norddeutschen schon drei Top-Stars auf der Spielmacher-Position. Vertreter der HSG Wetzlar stiegen ein in den Poker um Balic, vor knapp zwei Wochen unterschrieb er schließlich einen Einjahresvertrag. Bei der 26:28-Niederlage gegen den TBV Lemgo am Sonntag ist er von der Bank ins Spiel gekommen, war aber zwangsläufig noch von seiner Bestform entfernt. Trainer Kai Wandschneider zeigt sich dennoch zuversichtlich, dass Balic das Spiel seines Teams bereichern wird.

          Erstes Spiel im neuen Trikot: Balic konnte die Niederlage gegen Lemgo nicht verhindern
          Erstes Spiel im neuen Trikot: Balic konnte die Niederlage gegen Lemgo nicht verhindern : Bild: dpa

          Ist die Bundesliga wirklich die stärkste Liga der Welt?

          „Auf jeden Fall. Viele der besten Spieler überhaupt spielen hier, die Vereine sind professionell geführt, die Fans sollen unglaublich sein. Keine andere Liga ist so ausgeglichen. Wenn du auswärts spielst, dann tust du dich gegen jedes andere Team schwer.“

          Wer sind die Favoriten auf den Titel?

          “Kiel! Kiel ist in jedem Jahr der Favorit. Aber ich bin mir sicher, dass es ihnen Flensburg und Hamburg nicht so leicht machen werden wie zuletzt.“

          Sie haben im Sommer in Ihrer Heimatstadt Split lediglich mit einem persönlichen Fitnesstrainer zusammengearbeitet. Wie lange brauchen Sie, um Ihren Körper wieder auf Top-Niveau zu bringen?

          “Ich hoffe, dass ich in zwei oder drei Wochen so weit bin. Es gibt inzwischen Abende, an denen ich mein Alter spüre. Zwei Jahrzehnte als Profi - so etwas geht an niemandem spurlos vorbei. Unser Sport hat sich extrem verändert. Anfang dieses Jahrtausends war Handball ein langsames Spiel, du konntest vor jedem Angriff Luft holen, du konntest dir Zeit lassen, durchpusten und Kraft sammeln. Heute ist jeder stark und schnell, kann werfen und verteidigen. Handball lebt von seinem Tempo, von der Dynamik - wer da nicht mithalten kann, hat keine Chance mehr.“

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