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Im Gespräch: Eiskunstlauf-Trainer Steuer : „Meine Sportler haben wieder bei null angefangen“

  • Aktualisiert am

Ingo Steuer glaubt an sein Paar Savchenko/Szolkowy bei der Eiskunstlauf-WM in Moskau. Bild: dapd

Die Eiskunstlauf-WM wurde wegen der Erdbebenkatastrophe in Japan verschoben und nach Moskau verlegt – eine Umstellung, die auch Ingo Steuers Paar Savchenko/Szolkowy zu schaffen machte.

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          Eine Eiskunstlauf-WM einen Monat später als geplant, in Moskau statt in Tokio – das hört sich nicht so kompliziert an. Wie sind Sie dieses Umsteuerungsmanöver mit Ihrem Paar, den viermaligen Europa- und zweimaligen Weltmeistern Savchenko/Szolkowy, angegangen?

          Das war sehr schwer, und ich hoffe, dass wir so etwas nicht mehr so schnell erleben – zumal ja die schrecklichen Umstände im seit März katastrophengeplagten Japan die Ursache sind.

          Wie haben Sie denn die Umstellung geschafft in einem Monat, der eigentlich der Ernte nach der Saison, also den Zuverdienstmöglichkeiten bei Schaulauf-Veranstaltungen, dient?

          Wir wussten zunächst nicht einmal, ob die Weltmeisterschaft überhaupt noch irgendwo stattfindet. Wir befanden uns für kurze Zeit wie in einem luftleeren Raum, und es war so, als ob man einen Stecker rausgezogen hätte. Als dann die Entscheidung für Moskau als Austragungsort gefallen war, musste das Paar zunächst wieder die richtige WM-Motivation finden.

          Aber der Wettkampf ist doch derselbe geblieben. Sie begegnen in der russischen Hauptstadt genau der Konkurrenz, auf die Sie auch in Tokio getroffen wären.

          Das ist zwar richtig, und doch ist es etwas anderes. Wir haben auf die Weltmeisterschaft in Tokio Ende März mit aller Kraft und Intensität hingearbeitet. Wenn die Veranstaltung dann vier Wochen später beginnt, fangen auch meine Sportler, psychologisch gesehen, in vielem wieder bei Null an. In vier Wochen den Wettkampfaufbau mit allem, was dazu gehört, zum zweiten Mal auf den Punkt hinzubekommen ist schwierig. Man darf sich nicht verletzen, darf nicht krank werden, braucht die richtige Motivation und die passende Dosierung im Training.

          Sind Sie Ihren Schaulaufverpflichtungen neben dem Training nachgekommen?

          Ein, zwei Auftritte hatten Aljona und Robin. Die nächsten haben wir abgesagt, um den Vorbereitungsrhythmus auf die WM nicht noch zusätzlich zu belasten.

          Wie haben Sie das Europameisterpaar Savchenko/Szolkowy wieder dahin gebracht, dass es in Moskau zum dritten Mal den Weltmeistertitel gewinnen kann?

          Wir haben das März-Programm bis zur eigentlich vorgesehenen WM in Tokio wiederaufgenommen – aber alles noch einmal machen zu müssen, das ist ein bisschen wie Nachsitzen. In unserem Sport, der in seinem Arbeitsalltag manchmal auch recht eintönig ist, kann man nicht viel verändern. Immer wieder das Gleiche zu üben ist eh schon anstrengend genug, zumal man gelegentlich kaum merkt, dass man vorwärts kommt. Letztlich kommt es nur darauf an, im Wettkampf topfit zu sein und das zu zeigen, was man das ganze Jahr, diesmal sogar mit Verlängerung, geübt hat. Ich hoffe, wir haben alles richtig gemacht. Wichtig war, dass alle am Projekt Moskau Beteiligten stets bei Laune gehalten wurden.

          Mit welchen Ansprüchen und Aussichten starten Savchenko/Szolkowy an diesem Mittwoch in ihr WM-Programm?

          Wir haben fleißig trainiert, obwohl es schwer war, die Motivation zu finden. Aber die Programme haben sich so stabilisiert, dass ich voller Hoffnung bin. Auch wenn wir in der Höhle des Löwen laufen und die russischen Paare Kawaguti/Smirnow und Wolososchar/Trankow neben den chinesischen Konkurrenten unsere Hauptgegner sein werden, glaube ich, dass wir nach einem spannenden Wettkampf gewinnen werden.

          Ist es Ihrer Meinung nach überhaupt richtig, dass die Weltmeisterschaft von Tokio an einen anderen Ort vergeben wurde?

          Ich hätte nach dem Erdbeben, dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe von Fukushima verstanden, wenn man die WM in diesem Jahr hätte ausfallen lassen. Mein Paar wäre, das war uns angesichts der Bilder und Nachrichten aus Japan schnell bewusst, nicht nach Tokio zur WM gefahren.

          Warum?

          Das wäre moralisch und den Leuten in Japan gegenüber bei so viel Leid nicht zu vertreten gewesen. Die Menschen dort haben andere Gedanken im Kopf, als sich auf ein glitzerndes Event in Tokio freuen zu können. Dazu kommt, dass ich meine Sportler dort nicht der Gefahr ausgesetzt hätte, die aus der Reaktorkatastrophe rührt. Auf der anderen Seite finde ich es gut, dass die WM ersatzweise in Moskau ausgetragen wird. So zeigt der internationale Eiskunstlauf Präsenz und Solidarität. Und am Tag nach der WM wird in Sankt Petersburg ein großes Schaulaufen stattfinden; das wird eine Benefizveranstaltung für Japan. Da können wir auf unsere Weise noch einmal zum Ausdruck bringen, dass es andere, wichtigere Dinge gibt als den Sport.

          Die Fragen stellte Roland Zorn.

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