https://www.faz.net/-gtl-14e7j

Im Gespräch: David Lama und Reinhold Messner : „Dort oben lebe ich als Anarchist“

  • Aktualisiert am

Messner: Wir sind mehr Künstler und Abenteurer als Sportler. Jede große bergsteigerische Tat existiert zunächst einmal nur als Idee. Daraus wird dann Realität - wenn alles gutgeht. Es bleibt sogar eine gekletterte Linie im Fels. Nein, die muss nicht jeder sehen, und sie muss nicht greifbar sein. Kletterkunst ist wie ein Tanz in der Wand. Nur ist es viel schwieriger da draußen, viel gefährlicher und belastender für Körper und Psyche als auf der Bühne. Klettern findet zumeist ohne Publikum statt, aber das spielt keine Rolle. Es ist Kunst.

Sind Sie Egoisten?

Messner: Das Ego ist keine Krankheit. Dass man in Deutschland nicht selbstbestimmt sein darf, hat historische Gründe. In unserer Sparte aber müssen wir sogar egoistisch sein. Bergsteigen folgt dem Selbsterhaltungstrieb. Es geht dabei vor allem um uns selbst und unsere Partner. Im deutschen Sprachraum ist es die Neidgesellschaft, die in diesen archaischen Ansprüchen eine negative Kraft sieht. Nur frage ich mich: Warum soll ich nicht meiner Leidenschaft nachgehen, warum soll ich dem Mittelmaß genügen? Ist David ein Egoist, nur weil er der beste Indoor-Kletterer der Welt geworden ist? Nein, er hat nur höhere Ansprüche an sich selbst gestellt als andere.

Lama: Viele Leute denken, ein Egoist sei ein komischer Kerl. Aber das sind wir nicht. Ich musste einfach immer sehr auf mich selbst blicken, weil ansonsten jemand anderes Weltmeister wäre.

Möchten Sie auch einmal auf einen Achttausender steigen?

Lama: Absolut, ja. Das ist ein Thema, das mich sehr interessiert. Ich lese einige Bücher über die Achttausender, über die Höhenkrankheiten. Darüber informiere ich mich. In den nächsten paar Jahren wird das für mich sicher ein Thema sein.

Sie haben all das schon erlebt.

Messner: Genau, und deshalb sage ich, dass er noch sehr lange Zeit hat für die großen Berge. Der junge Körper ist nicht gemacht für den maximalen Sauerstoffmangel, für die höllische Kälte. Es ist ziemlich ungemütlich da oben. Aber David hat natürlich gute Voraussetzungen, er ist der Sohn eines Sherpas, er kann sich länger in der großen Höhe aufhalten als wir.

Lama: Ich weiß nicht, ob dies das Einzige ist, was ich von meinem Vater habe. Vielleicht profitiere ich noch mehr von der Ruhe eines Sherpas.

Herr Messner, gab es damals bei Ihnen eigentlich schon Groupies?

Messner: Groupies ist vielleicht der falsche Ausdruck. Wir Bergsteiger hatten nie die große öffentliche Aufmerksamkeit wie Fußballer oder Autorennfahrer. Uns sind keine Fans gefolgt. Aber das hat sich grundlegend geändert. David kann inzwischen von seinem Sport leben. Seine Sponsoren finanzieren seine Expeditionen. Er zählt zur ersten Generation von Bergsteigern, die nun alle Möglichkeiten hat, für viele Jahre ihre Träume zu erleben.

Lama: Ich habe ein Jahr vor dem Abitur meine Schule abgebrochen, ich will nichts anderes machen als zu klettern. Bei den Wettkämpfen gehören die Fans dazu, das ganze Spektakel drum herum. In den Bergen suche ich die Einsamkeit. Dort geht es darum, ausgesetzt zu sein.

Messner: In den Bergen kenne ich mich immer noch aus. Alles andere ist mir fern. Die heutige Szene ist so weit weg von dem, was wir früher gemacht haben. Ich kann nur ahnen, wie sie tickt.

Seine Erfolge auf den Achttausendern dieser Welt haben Reinhold Messner zur Leitfigur der internationalen Bergsteigerszene gemacht. Der heute Fünfundsechzigjährige setzte mit seinen Expeditionen im Alpinstil mit möglichst wenig technischen Hilfsmitteln und schnellem Auf- und Abstieg neue Maßstäbe. Schon 1978 war Messner gemeinsam mit Peter Habeler erstmals ohne künstlichen Sauerstoff auf den Mount Everest gestiegen, 1986 hatte er als erster Mensch überhaupt alle vierzehn Achttausender bezwungen. Seine Erlebnisse veröffentlichte Messner in mehreren Büchern. Aber nicht nur die Wildnis interessierte den gebürtigen Südtiroler, er wollte auch aktiv gestalten und vertrat von 1999 bis 2004 die italienischen Grünen im Europäischen Parlament. Sein einstiger Partner Habeler war es, der das Talent des heute 19 Jahre alten David Lama in einem Kletterkurs für Kinder entdeckte. Schon vor vier Jahren gewann der Sohn eines nepalesischen Sherpas und einer Österreicherin die ersten Weltcups und die Europameisterschaft. Lama wurde zum ersten international bekannten Model der Szene, zum Gesicht einer neuen Generation von Kletterern. Er tritt in Wettkämpfen an und misst sich in Kletterhallen mit seinen Gegnern. Es geht dabei einzig und allein um Geschwindigkeit und Vorankommen. Kaum ein anderer hat seine Kletterkunst so gut vermarkten lassen: Es gibt Videos, die ihn im Himalaja zeigen, er fasziniert das Publikum bei PR-Auftritten. Nun will Lama wie Messner seinerzeit vermehrt zu Expeditionen aufbrechen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Aufregung in Spanien : Barcelona wittert Verschwörung im Videokeller

Hartnäckig hält sich die Legende, Real Madrid gewinne seine Titel mit Hilfe der Schiedsrichter. Nun entscheidet der Videoreferee mehrfach für die Königlichen. Die Gegner schimpfen. Dafür erhält Real unerwartete Rückendeckung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.