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Im Gespräch: David Lama und Reinhold Messner : „Dort oben lebe ich als Anarchist“

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Messner: Das Extrembergsteigen hatte elitäre Anstriche. Am Anfang vor allem deshalb, weil es sich nur wenige Leute leisten konnten: Wissenschaftler, Professoren, Adelige. Dann, weil es zu einem „arischen Sport“ gemacht wurde, leider. Auch wir waren in den sechziger und siebziger Jahren ein elitärer Zirkel. Wir haben uns nicht über andere erhoben, und doch wussten wir, dass wir Dinge taten, die niemand sonst beherrscht hat. Wir wagten, was sich kein anderer traute.

Aber heute strömen immer mehr Touristen auf die Berge und wollen sie erobern.

Messner: Ja, Klettern und Bergsteigen werden inzwischen zu den Spaßsportarten gezählt, in einer Reihe mit Bungee-Jumping und anderen Kick-Sportarten. Wir leben im Zeitalter des Pisten-Alpinismus. Möglichst viele Menschen sollen möglichst schnell und gefahrlos auf die Berge gebracht werden. Ein Berg aber, der nicht gefährlich ist, ist kein Berg, sondern eine Attrappe. Die Wildnis sollte nicht zu Disney Land verkommen. Bergsteigen ist eine ernste Angelegenheit. Es beginnt dort, wo der Tourismus aufhört. Es ist kein Spaß, wenn sich unter dir Abgründe auftun, Kälte, Sturm, Blitzschlag. Und du bist vielleicht verletzt.

Moderne Kletterhallen muten da wie Erholung an, oder?

Lama: Es sind einfach zwei verschiedene Welten, und es ist nicht immer leicht, sie voneinander zu trennen. Richtig klettern kann ich nur in den Bergen, an den Felswänden. Das gibt mir ein ganz anderes Gefühl als in einer Kletterhalle, wo ich nur trainiere und mich auf die Abenteuer draußen vorbereite. In der Halle darf ich stürzen, dort kann ich bis ans Limit oder darüber hinaus gehen. Anders als in den Bergen, wo jeder Fehler tödlich sein kann.

Hätten Sie sich damals auch Kletterhallen gewünscht?

Messner: Ich habe sie nie vermisst. Wir sind früher in Klettergärten gegangen und haben uns dort vorbereitet. Heute gehen viele ältere Herrschaften in die Kletterhalle, um Sport zu treiben. Es gibt nichts Besseres für den Körperaufbau. Klettern ist das Natürlichste der Welt, Affen tun es auch. Neunzig Prozent der Kletterer aber kommen nie aus der Halle heraus - und das ist gut so.

Aber trotzdem verändern diese Hallen auch die Kletterei in der Natur, oder?

Messner: Es wird ein unglaublicher Schub kommen in den nächsten Jahren, ja. All die Weltmeister wie David, junge Leute mit viel Schnellkraft und Geschicklichkeit wollen jetzt die Berge erobern. Bis sie aber an den Riesenbergen etwas Verrücktes schaffen, wird es Jahre dauern: Es ist ein harter Erfahrungsprozess.

Lama: Wir bewegen uns sicher schon jetzt am Limit. Viel mehr wird kaum möglich sein. Egal, wie gut wir trainieren und wie gut unsere körperlichen Voraussetzungen sind. Nur die Erfahrung kann dieses Limit noch einmal verschieben.

Begreifen Sie sich als Sportler oder als Künstler?

Lama: Es liegt so dicht beieinander und überschneidet sich in bestimmten Dingen. Wenn mir das am Cerra Torre wirklich gelingt, dann würde ich das als mein kleines Kunstwerk ansehen. Das hat nicht mehr wirklich viel mit Sport selbst zu tun, da geht es um ein Gesamtwerk. Da bin ich ein Künstler, der sich selbst eine Herausforderung schafft. Ähnlich wie Reinhold, der die Vision hatte, ohne Sauerstoffmaske auf den Everest zu steigen. Am Anfang war das nur eine Vision, und niemand hat gewusst, ob es wirklich funktionieren kann.

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