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Im Gespräch: David Lama und Reinhold Messner : „Dort oben lebe ich als Anarchist“

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Lama: Der Torre ist vielleicht der schönste Berg der Welt. Ich will ihn so klettern, wie es noch niemand vor mir getan hat. Im Freikletterstil. Die Bohrhaken dienen meiner Sicherung, aber nicht als Aufstiegshilfe. Es sind insgesamt neunhundert Meter, die letzten Seillängen werden die heftigsten sein mit einem Schwierigkeitsgrad von neun oder sogar zehn. Und dann gibt es ganz oben noch einen Eispilz. Wir brauchen mindestens zwei Tage nacheinander gutes Wetter, weil erst die großen Eisbrocken tauen und herunterstürzen müssen. Wenn dich so einer trifft, bist du sofort tot.

Was ist der Antrieb für so eine Expedition?

Lama: Am Anfang war es die Frage: Ist das überhaupt möglich? Ist diese Herausforderung noch realistisch? Die Planungen für diese Expedition haben schon im vergangenen Dezember begonnen. Wir reisen jetzt für drei Monate nach Patagonien. Mein bester Freund Daniel Steuerer und ich. Wir müssen Proviant besorgen, auf rund 2000 Metern eine Basis einrichten, wo wir sicher sind vor dieser unmenschlichen Kälte. Ich will dort auch etwas über mich selbst erfahren. Was macht das schlechte Wetter mit mir, wie ertrage ich ein Leben ohne Privatsphäre? Natürlich wäre es ein wichtiger Moment, auf dem Gipfel zu stehen, aber im Grunde genommen kommt es nur darauf an, wie du dorthin kommst.

Messner: Auch mir ging es nie nur um die Faszination der Berge, ich wollte Erfahrungen machen, mich extrem aussetzen. Dort oben lebe ich als Anarchist. Das Leben funktioniert also nicht mehr nach den Regeln des Bürgerlichen Gesetzbuches, sondern ausschließlich nach genetisch in uns angelegten Mustern. Mit der bürgerlichen Welt hat das, was wir tun, absolut nichts zu tun. In der Wildnis geht es nur ums Überleben.

Begibt sich David Lama dann am Cerro Torre nicht auch freiwillig in Lebensgefahr?

Messner: Natürlich ist er dort in Lebensgefahr. Ein Sturm könnte ihn von der Wand blasen, er könnte einen Stein auf die Finger kriegen und danach aus der Wand fallen. Es können Schneestürme auftreten, die ihn um den Verstand bringen. Wenn es nicht um Leben und Tod gehen würde, wäre es nicht mehr das gleiche Spiel, das ich Grenzgang nenne.

Was ist das Ziel dieses Spiels?

Messner: Es ist einem Laien nicht erklärbar. Es ist völlig schizophren, dorthin zu gehen, wo ich umkommen müsste, und alles dafür zu tun, nicht umzukommen. Das ist aber die Kunst in diesem Spiel. David will am Cerro Torre an der Grenze des Möglichen klettern. Wenn er das tut und stürzt, hat er niemanden, der ihn rettet. Aus so einer schwierigen Wand wie dem Cerro Torre musst du selbst herauskommen, egal wie. Mit Helikopter und Crew ist das Ganze nur eine Show.

Lama: Natürlich kann man umkommen bei so einer Expedition. Aber auch wenn ich über die Straße gehe, begebe ich mich in Lebensgefahr. Die Wahrscheinlichkeit, dass wirklich etwas passiert, ist nur um einiges geringer. Ich denke, dass die Gefahr auch am Torre kalkulierbar ist. Bis auf ein kleines Restrisiko vielleicht. Eine einfache Verletzung könnte dort oben sofort den Tod bedeuten.

Ist das Klettern und Extrembergsteigen noch immer elitär?

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