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E-Gaming : Zocker im DFB-Trikot

Mannschaftsfoto: Mohammed „MoAuba“ Harkous (links) und Michael „MegaBit“ Bittner bilden die deutsche Nationalmannschaft. Bild: dpa

Der Widerstand gegen die digitalen Athleten weicht auf: Am Wochenende tritt nun erstmals eine Nationalmannschaft im Namen des DFB an.

          Scheine zählen mehr als Schweißtropfen – und als Follower. Jedenfalls noch. Dieses Urteil hält sich hartnäckig, wenn es heutzutage um den Profisport im Allgemeinen sowie den sogenannten „E-Sport“ im Speziellen geht. Im Falle des professionellen und wettbewerbsmäßigen Zockens an Computer oder Konsole lauten gängige Vorwürfe, raffgierige Gaming-Manager würden den Sportbegriff nur missbrauchen, um mit kommerziellen Mega-Events Zuschauer und Sponsoren zu verführen sowie Politik und Sportverbände vorsätzlich zu täuschen, um öffentliche Fördergelder zu kassieren. Außerdem sei das Daddeln vor dem Bildschirm noch viel weniger als Sport zu bezeichnen als Bogenschießen, das Werfen eines Dartpfeils oder das Spielen einer Schachpartie.

          Genauso bemerkenswert wie diese tiefe Abneigung gegenüber dem Wandel der digitalen (Sport-)Welt – Hessens Innenminister Peter Beuth will „E-Sport“ am liebsten „ausradieren“ – ist allerdings auch das Bemühen, mit dem allenthalben versucht wird, mit allen Mitteln die Gunst junger Gaming-Fans und somit des Marktes zu gewinnen. Trotz aller oftmals auch berechtigter Vorbehalte wie der detaillierten Darstellungen von Gewalt und Tod in Ego-Shootern oder Fantasy-Multiplayern.

          Erste Nationalmannschaft

          Nun ist das E-Gaming auch beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) angekommen. In einer großangelegten Pressekonferenz und begleitet von ausgiebigem Getöse in den sozialen Medien präsentierte der DFB seine erste „E-Nationalmannschaft“. An diesem Wochenende werden die beiden bei Werder Bremen unter Vertrag stehenden Michael „MegaBit“ Bittner und Mohammed „MoAuba“ Harkous beim vom Internationalen Fußballverband (Fifa) ausgerichteten und mit 100.000 Dollar Preisgeld dotierten „E-Nations-Cup“ das offizielle Deutschland-Trikot tragen. Insgesamt zwanzig Teams werden in London um den WM-Pokal zocken. Die beiden Deutschen treffen in der Vorrunde in der virtuellen Fußball-Simulation „Fifa 19“ auf die Vertreter aus Norwegen, Schweden, Argentinien und Brasilien.

          Allerdings gehen die „E-Football“-Pläne im DFB, der sich bis zuletzt regelmäßig skeptisch bis ablehnend gegenüber dem digitalen Gekicke geäußert hatte, mittlerweile weit über die Teilnahme an einem Wettbewerb der Fifa hinaus. So nominierte der Verband nicht nur die beiden Bremer sowie den im Trikot des VfL Wolfsburg zockenden Benedikt Saltzer als Trainer für das Turnier in London. Der DFB präsentierte gleich einen kompletten 21er-Kader, der künftig als insgesamt 18. Nationalteam des Verbands Deutschland auf dem virtuellen Rasen vertreten soll. Zudem plant der DFB, bald mit einem eigenen Pokalwettbewerb noch tiefer in die Welt des digitalen Fußballs einzutauchen und sich für den Amateursport zu öffnen.

          Den virtuellen Ball im Blick: Der DFB öffnet sich für das E-Gaming.

          „Als Dachverband haben wir die Aufgabe, uns mit allen Fußball-Entwicklungen zu beschäftigen. Auch im digitalen Bereich“, sagte unter der Woche Holger Merk, der im DFB für strategisches Marketing verantwortlich ist und nach eigener Aussage seit zwei Jahren die „E-Football“-Bemühungen des DFB vorantreibt, im Sport-Podcast „Sportsmaniac“: „Wir sehen darin eine Chance, mit der ganz jungen Zielgruppe von Fußballfans in direkten Kontakt zu treten, und halten den E-Football nicht für eine Konkurrenz, sondern wollen eine Koexistenz schaffen, die sich gegenseitig befeuert.“ Zu beobachten sind diese Synergien zwischen realem und virtuellem Fußball bereits jetzt täglich im Internet. Viele aktive Fußballprofis zocken selbst gerne an der Konsole und posten Bilder ihrer Gaming-Sessions im Internet. Die Nationalspieler Marco Reus und Maximilian Eggestein beglückwünschten die neuen DFB-„E-Footballer“ gar in eigens gedrehten Kurzvideos. Zudem haben Stars wie Arsenal-Spieler Mesut Özil oder der frühere Schalker und österreichische Nationalteamkapitän Christian Fuchs bereits ihre eigenen Gaming-Teams gegründet, die unter ihrem Namen bei Turnieren antreten.

          Dabei ist der DFB, der zuletzt mit Mercedes-Benz und McDonald’s zwei langjährige Sponsoren verlor, die sich seitdem verstärkt dem E-Gaming zugewandt haben, mit seinem Bemühen, auch in der virtuellen Welt wahrgenommen zu werden, längst nicht allein. Auch außerhalb des Verbandes weicht im deutschen und internationalen Fußballgeschäft – ebenso wie im Basketball, Eishockey und sogar Handball – der Widerstand gegen die digitalen Athleten immer weiter auf. Bis auf Borussia Dortmund, die TSG Hoffenheim und Bayern München haben mittlerweile alle Klubs der Fußball-Bundesliga einen oder mehrere „Fifa“-Spieler unter Vertrag.

          Wahrscheinlich ist zudem, dass sich auch der bislang abgeneigte Rekordmeister aus München – Klubpräsident Uli Hoeneß kanzelte die Bewegung als „totalen Schwachsinn“ ab – schon bald im Gaming engagieren wird. Erst im Februar erklärte Vereinschef Karl-Heinz Rummenigge, gegenüber diesem Bereich künftig eine „offensivere Haltung“ einnehmen zu wollen. Die wirtschaftlichen Anreize seien einfach zu groß. Da könne man schon einmal ins Schwitzen kommen.

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