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Leichtathletik : „Menschliche Versuchskaninchen“

Kastration empfohlen: Die indische Läuferin Dutee Chand. Bild: Picture-Alliance

Die IAAF empfahl Athletinnen wie Caster Semenya eine Kastration, um nicht wegen überhöhter Testosteronwerte mit den Dopingregeln in Konflikt zu geraten. Was die F.A.Z. im Juni berichtete, wird durch Recherchen der ARD bestätigt.

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          In einer einstündigen Dokumentation der ARD, die am Freitag ausgestrahlt wird und in der Mediathek des Senders verfügbar ist, kommen vier Leichtathletinnen zu Wort, die sich einer Gonadektomie, also einer Kastration innenliegender Hoden unterziehen sollten, um ihre Karrieren fortsetzen zu können. Zwei von ihnen haben sich so unter Zwang gesetzt gefühlt, dass sie sich dem medizinisch nicht indizierten Eingriff unterzogen und erheben schwere Vorwürfe gegen die sie behandelnden Mediziner und den Internationalen Leichtathletikverband.

          So glaubt Annet Negesa, ehemalige Mittelstreckenläuferin aus Uganda, dass sie eine der Personen ist, die Teil einer Studie ist, die die Unbedenklichkeit der Kastration von Athletinnen mit 46-XY-DSD belegen soll. Die F.A.Z. hatte im Juni von dieser Studie berichtet. Sie wurde unter anderem vom heutigen Leiter der medizinischen Abteilung des Internationalen Leichtathletik-Verbandes IAAF, Stephane Bermon durchgeführt. Wie die F.A.Z. berichtete, geht aus dem Urteil des Internationalen Sportschiedsgerichts Cas im Falle der Südafrikanerin Caster Semenya hervor, dass auch ihr nach 2009 eine Kastration als bevorzugte Behandlungsweise angetragen wurde.

          Die südafrikanische Professorin Greta Dreyer von der Universität Pretoria hatte als Zeugin vor dem Cas ausgesagt, „dass die IAAF während der ersten Diskussion klar gemacht hat, dass ihre bevorzugte Behandlungsweise für eine Leistungssportlerin mit Belegen für Hyperandrogenismus Gonadektomie oder Kastration ist“. Im Juni hatte die IAAF, die sich am Donnerstag in World Athletics umbenannt hat, darauf hingewiesen, dass der Verband keine Athletin zu einer bestimmten Behandlungsweise verpflichtet habe.

          Depression und Knochenschwund

          Annet Negesa war der Start bei den Olympischen Spielen in London 2012 verweigert worden. Annet Negesa wurde im Universitätskrankenhaus von Nizza untersucht, das an der Studie beteiligt war. Der medizinische Eingriff erfolgte in Kampala. "Sie haben mir gesagt, es sei eine Art Injektion, sie würden mein Testosteron herausziehen. Aber das ist nicht das, was sie gemacht haben. Als ich am Morgen aufwachte, hatte ich Schnitte", sagte Negesa. Sie war 2011 Afrika-Meisterin über 800 Meter und Ugandas Sportlerin des Jahres.

          Neben ihr kommt im Film der ARD eine weitere Leichtathletin zu Wort, die aus Angst vor Verfolgung in ihrem Heimatland anonymisiert ist. Auch sie wurde kastriert, sie leidet heute unter Depression und Knochenschwund (Osteoporose). Beiden war der Eingriff als harmlos beschrieben worden, beide beklagen, anschließend von Ärzten und Verband allein gelassen worden zu sein.

          Darüber hinaus berichtet auch die indische Sprinterin Dutee Chand, dass man ihr einen chirurgischen Eingriff angetragen habe. Caster Semenya ist die vierte Läuferin in dem Film, die sich ausweislich der Aussage vor dem Cas einem solchen Eingriff unterziehen sollte. Chand und Semenya haben diese Behandlung verweigert. Der Präsident des Weltärztebundes, Professor Frank-Ulrich Montgomery erhebt schwere Vorwürfe gegen die Regelungen des Internationalen Leichtathletik-Verbandes: „Es handelt sich hierbei um Eingriffe, die nicht medizinisch indiziert sind. Wenn diese Operationen ausschließlich aus Gründen der sogenannten Fairness oder aus Gründen der Anweisung der Sportverbände geschehen, halte ich das für höchst problematisch", sagte Montgomery der ARD.

          Gegenüber der F.A.Z. hatte Montgomery im Mai von „grundsätzlich falschen“ Regelungen der IAAF gesprochen, nach dem der Cas bestätigt hatte, dass bestimmte von DSD betroffene Läuferinnen wie Caster Semenya, ihren Hormonhaushalt chemisch senken müssen, um an Wettkämpfen teilnehmen zu dürfen. „Ärzte, die sich daran beteiligen, handeln unethisch“, hatte Montgomery gesagt. Ebenso wie die Vereinten Nationen hatte der Weltärztebund die IAAF aufgefordert, die Regelungen zurück zu ziehen.

          Doch IAAF-Präsident Sebastian Coe, in dieser Woche in Doha wieder gewählt, hatte in einem Interview mit der F.A.Z. von „ausgesprochen schwachen Argumenten“ und „falschen Ausreden“ des Weltärztebundes gesprochen. Auch gegenüber der ARD verteidigt er die Regeln als Beitrag zur Fairness. Die indische Sportsoziologin Payoshni Mitra, die sich aktiv für Dutee Chand und andere DSD-Athletinnen einsetzt, spricht dagegen von „menschlichen Versuchskaninchen“, an denen die Ärzte um Bermon experimentiert hätten. Montgomery sagt, Fairness allein sei "kein Grund, in den Hormonhaushalt des Menschen einzugreifen.“ 

          Ob Coe wusste, dass der heutige IAAF-Chefarzt Bermon den Athletinnen eine Operation empfahl, ist unklar. Einen Zwang hatte Bermon vor dem Cas zurückgewiesen, nach der Studie stieg der Arzt, damals schon Mitglied der medizinischen Kommission des Verbandes, steil auf. In einem Interview mit dem populärwissenschaftlichen Magazin „Sciences et Avenir“ hatte Bermon Ende Juni mit Blick auf die Optionen, die das IAAF-Reglement biete, die Kastration als weiterhin durchaus erwägenswert dargestellt und Kritikern vorgeworfen, den Eingriff zu „dämonisieren“. „Letztlich ist Gonadektomie eine Behandlung, die in bestimmten Fällen auch erwogen werden kann“, hatte der Chefmediziner der IAAF gesagt. Überschrieben ist das Interview mit einer weiteren Aussage Bermons, die ein interessantes Licht auf dessen Auffassung von Freiwilligkeit wirft: „Wenn du in der Frauenkonkurrenz antreten willst, darfst du dich einer Behandlung nicht verweigern.“

          "Kampf ums Geschlecht - Die verstoßenen Frauen des Sports" strahlt die ARD am Freitag um 16.10 Uhr aus.

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