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Hungern und Dürsten im Sport : Kann das Sinn der Sache sein?

  • -Aktualisiert am

Guten Hunger: Stäblers Frühstück danach Bild: dpa

Frank Stäblers Körper war trocken wie die kasachische Wüste, als er WM-Bronze gewann. Und nicht nur Ringer sind anfällig für Extrem-Diäten. Neue Regeln gegen die Unvernunft wären ratsam.

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          Frank Stäbler, so hört man aus Kasachstan, habe sein Frühstück hervorragend geschmeckt. Das hatte sich der Ringer verdient nach den Entbehrungen der vergangenen Monate. Erstaunlich, dass er all das Fett und die Kohlenhydrate überhaupt herunterbrachte in seinen geschrumpften Magen. Nicht nur Eier, Speck und Pfannkuchen waren ihm sicher – auch der Respekt seiner ganzen Community für diese Willensleistung: acht Kilo, mehr als zehn Prozent aus seinem austrainierten Körper herauszupressen, um die Gewichtsklasse zu erreichen, in der er sich bei der WM den Traum von der Olympiaqualifikation erfüllte und obendrein Bronze gewann. Das grenzt ans Übermenschliche.

          Dass aber der Mensch in der Lage ist, seinen Willen gegen sich selbst zu richten, wird im Leistungssport meistens ausgeblendet. Am Abend seines ersten von zwei Kampftagen sei er fast tot gewesen, sagte Stäbler. Er durfte dann aber weder essen noch trinken und musste auf dem Ergometer und in der Sauna nochmals 800 Gramm abkochen, weil am nächsten Morgen gnadenlos noch einmal gewogen wurde. Sein Körper war trocken wie die kasachische Wüste. Diese Regel, dass einer zwei Tage lang das Wettkampfgewicht halten muss, ist relativ neu. Der Weltverband hat sie eingeführt. Er will damit das extreme Abschwitzen verhindern. Zumal die Versuchung groß ist, der Entwässerung pharmakologisch nachzuhelfen.

          Die legale Härte gilt zwar unter Sportskameraden als heroisch. Sie ist aber gefährlich. Dehydrierung und Unterernährung können bleibende Schäden verursachen. Sie gehen buchstäblich an Herz und Nieren. Dazu kommt die Gefahr, dass ein Athlet, der monatelang in der Diät-Hölle darbt und sich danach bei Fett- und Zuckerbomben erholen will, das natürliche Gefühl für seine Ernährung verliert. Was uns zu der Frage bringt: Kann das Sinn der Sache sein? Kann man hinnehmen, dass Sportler in das Dilemma geraten, sich zwischen Erfolg und einem gesunden Körper entscheiden zu müssen?

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          Das kommt ja nicht nur bei den Ringern vor. Die Boxer gehen ebenso regelmäßig mit Schwitzanzügen in die Sauna. Acht oder gar zehn Kilo in einer Woche werden so aus den Poren gedrückt. Da wird man leicht einmal bewusstlos und muss mit Hilfe von Eiswürfeln wieder ins Diesseits zurückgeholt werden. Mit schwummrigem Hirn gehen sie dann in den Ring und halten den Kopf hin, was ziemlich gefährlich werden kann, wenn ihre Reflexe beeinträchtigt sind.

          Aber nicht nur Sportler, die in Gewichtsklassen kämpfen, sind gefährdet. Turnerinnen, Eiskunstläuferinnen, Gymnastinnen hungern notorisch, oft schon als Kinder. Radrennfahrer versuchen, durch Untergewicht ihre Leistung zu steigern – so kommen sie besser die Berge hinauf. Manche Läuferinnen und Läufer auch im Hobby-Bereich halten Extrem-Diät, um ihre Marathon-Zeiten zu verbessern. Leichtgewichts-Ruderer quälen sich in ein unnatürliches Körperschema. Vielleicht würde es helfen, in all diesen Sportarten einen Mindestwert für den Body-Mass-Index festzulegen, wie es so ähnlich im Skispringen üblich ist. Natürlich gäbe es dann genug Leute, die sich genau an den Grenzwert heranhungern würden. Entschlossene Athleten sind schließlich zu jeder Unvernunft fähig, wie leider die Erfahrung lehrt.

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