https://www.faz.net/-gtl-8b78l

Handball-Bundesliga : Der HSV steht vor dem Aus

  • -Aktualisiert am

Der Handball beim HSV um das Team mit Pascal Hens steht vor dem Aus. Bild: Picture-Alliance

Der HSV Handball kämpft sich zurück an die Spitze der Bundesliga. Aber das Projekt steht vor dem Ende. Zwei Millionen Euro fehlen – das Geld soll wieder einmal von Andreas Rudolph kommen.

          Als Michael Biegler am frühen Donnerstagmorgen Hamburg verließ, startete er in eine ungewisse Zukunft als Handballtrainer. „Ich war bei keiner meiner bisherigen Stationen auf Rosen gebettet“, sagte der Coach des HSV Hamburg, „aber so etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Schulden in Millionenhöhe drücken den Verein. Die Profis warten auf zwei Monatsgehälter.

          Und so wurde man das Gefühl nicht los, dass sich der erst im Sommer geholte Fachmann schon für immer vom HSV verabschiedete – mit einem dicken Kloß im Hals. „Ihr habt die Mannschaft gesehen“, sagte er nach dem 36:29 gegen die Füchse Berlin am Mittwochabend sichtlich bewegt, „sie hätte es verdient, weiterspielen zu dürfen. Aber ich kann nicht beantworten, wie das Ganze bewerkstelligt werden kann. Das müssen andere tun.“ Anderthalb Jahre nach der Lizenzerteilung auf den allerletzten Drücker steht der HSV vor dem Aus – und wieder einmal heißt die letzte Hoffnung Andreas Rudolph. Womöglich ist der Medizintechnik-Millionär durch den famosen Sieg milde gestimmt worden. Es wäre nicht das erste Mal in seinen zwölf Jahren hier, in denen er mehr als 20 Millionen Euro in den Klub gesteckt hat.

          Wie geht es weiter für Trainer Michael Biegler und sein Team?

          Der ehemalige Präsident und ewige Geldgeber soll auf die Rückzahlung seiner Darlehen verzichten, den Klub kurzerhand mit frischem Geld versorgen (etwa zwei Millionen Euro) und ihn Ende kommender Saison in die Unabhängigkeit entlassen. Über diesen Rettungsplan sollen Rudolph, HSV-Geschäftsführer Christian Fitzek und einige Spieler am Donnerstag verhandelt haben. Vom Verein gab es dafür keine Bestätigung.

          Frank Bohmann, der Vorsitzende des Ligavereins HBL, bestätigte indes dieses Treffen. Der HBL ist sehr am Fortbestand des Handball-Standorts Hamburg gelegen. Eine Pleite des Meisters von 2011 und Champions-League-Siegers von 2013 wäre eine Blamage. Bohmann sagte: „Wir haben glaubwürdige Unterlagen, aus denen hervorgeht, dass die Liquiditätslücke geschlossen werden kann.“ Gemeint ist Rudolph. Fitzek ist es misslungen, dem Klub so viele neue Sponsoren zu besorgen, dass er ohne Rudolph auskommt. Dem Vernehmen nach sollen Geldgeber ihr Engagement beim HSV vom Ausstieg Rudolphs abhängig gemacht haben.

          Ein Sieg zum Trotz: Der HSV jubelt nach dem Erfolg gegen Berlin.

          Dass Michael Biegler den Klub in dieser Gemengelage mit begeisterndem Handball in die Spitzengruppe der Liga geführt hat, grenzt an ein Wunder. Schon die Zielrichtung seiner Reise am Donnerstag markierte jedoch eine krasse Änderung des eigentlichen Plans. Nach einem Abstecher zur Familie in Großwallstadt wird Biegler am Wochenende nach Plock reisen. Dort beginnt die Vorbereitung der polnischen Nationalmannschaft auf die Mitte Januar beginnende Europameisterschaft beim östlichen Nachbarn. Biegler trainiert auf Zeit die Polen und den HSV; um das im hektischen Dezember zu meistern, hatte ihm der polnische Verband gestattet, den Lehrgang nach Hamburg zu legen. Doch vor dem Hintergrund der HSV-Finanznöte muss Biegler nun umgehend nach Polen. Hamburg erschien dem polnischen Verband als ungeeigneter Standort einer konzentrierten Vorbereitung.

          Unhaltbare Zustände für eine Profisportart

          So stellt sich neben der entscheidenden Frage, ob der hochverschuldete Klub weiterexistiert, auch diejenige, wer den HSV in den letzten Partien des Jahres gegen Magdeburg, Nettelstedt und Göppingen trainiert und von der Bank anleitet. Der 54 Jahre alte Biegler wird es schließlich nicht sein. „Damit beschäftigen wir uns erst, wenn wir eine wirtschaftliche Lösung gefunden haben“, sagte Fitzek. Als Kandidat für die Teambetreuung gilt der derzeit verletzte Spieler Matthias Flohr. Oder Adrian Pfahl als Spielertrainer. Unhaltbare Zustände für eine Profisportart und schon jetzt ein Imageschaden für den deutschen Handball.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Das Arbeitsrecht sieht vor, dass Spieler nach zwei Monaten ohne Gehalt fristlos kündigen könnten. Erfahrene und formstarke Profis wie Torwart Johannes Bitter und die Rückraumspieler Pfahl und Pascal Hens könnten sich also sofort anderen Klubs anschließen – schon sollen die Rhein-Neckar Löwen um den Linkshänder Pfahl werben. Er war am Mittwoch einer der wenigen, die etwas sagen wollten: „Wir brauchen ein klares Ja oder Nein. Es muss eine Entscheidung her. Das ist der Verein uns schuldig.“

          Sollte Rudolph einspringen, müssten diverse Gläubiger bedient werden. Die Berufsgenossenschaft, die Sozialversicherung, das Finanzamt, die Betreiber der Arena, aber auch der eigene e. V. und der ehemalige Trainer Martin Schwalb. Mit ihm hatte sich der Klub auf einen Vergleich geeinigt. Gezahlt wurde bisher nicht.

          Biegler hatte man zugetraut, die nach der EM endende Doppelfunktion erfolgreich zu meistern. Nun muss er sich sofort um die Polen kümmern. Und seine Mannschaft muss sich selbst trainieren. Natürlich stinkt das einem Perfektionisten wie Biegler. Fast flehend sagte er: „Ich wäre sehr, sehr glücklich, wenn ich mit dieser Mannschaft weiterarbeiten könnte. Aber wir sind nicht die, die Lösungen schaffen können.“

          Weitere Themen

          Vorfreude auf die „verrückte Liga“

          Darmstadt 98 : Vorfreude auf die „verrückte Liga“

          Neue Gesichter beim Trainingsauftakt von Darmstadt 98. Mit sieben Neuverpflichtungen waren die „Lilien“ auf dem Transfermarkt bereits sehr aktiv. Gesucht wird noch ein weiterer Innenverteidiger.

          Hummels kehrt zu Borussia Dortmund zurück Video-Seite öffnen

          Für 38 Millionen Euro? : Hummels kehrt zu Borussia Dortmund zurück

          Mats Hummels steht vor einer Rückkehr zu Borussia Dortmund. Der FC Bayern und der BVB erzielten eine grundsätzliche Einigung über einen Wechsel des 30-jährigen Innenverteidigers zu seinem ehemaligen Verein. Über Modalitäten schweigen die beiden Vereine.

          „Ich habe auf alle ihre Fragen geantwortet“ Video-Seite öffnen

          Platini aus Polizei-Gewahrsam : „Ich habe auf alle ihre Fragen geantwortet“

          Hintergrund des jüngsten Verhörs von dem Ex-UEFA-Präsident ist laut französischen Medien eine schon seit 2016 laufende Ermittlung zu der umstrittenen Vergabe der WM 2022 nach Katar. Sein Anwalt und Platini selbst betonten, sie wüssten nicht, warum er ins Polizeigewahrsam genommen wurde.

          Topmeldungen

          Edelgard Bulmahn (SPD) war von 1998 bis 2005 Bundesministerin für Bildung und Forschung (Archiv).

          Bulmahn über 20 Jahre Bologna : „Da ist etwas aus dem Ruder gelaufen“

          Edelgard Bulmahn war federführend beteiligt, als vor 20 Jahren Bachelor und Master in die deutschen Universitäten einzogen. Im FAZ.NET-Interview spricht die frühere Bildungsministerin über die Freiheit der Wissenschaft und das Humboldtsche Bildungsideal.

          Preisvergleich : So teuer ist der Nahverkehr in der Großstadt

          Der Autoclub ADAC hat die Ticketpreise für den Nahverkehr in 21 Großstädten verglichen – und dabei interessante Ergebnisse festgestellt. Fest steht: Mit Fahrrad wird es fast überall teurer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.