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HSV Hamburg : Neue Demut

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Wie wird die Saison? Martin Schwalb setzt auf Teamgeist - viel mehr hat der HSV Hamburg nicht zu bieten Bild: dpa

Bei den Handballspielern des HSV regiert der Rotstift, ein Saisonziel gibt es nicht, der THW Kiel scheint übermächtig - und der Saisonstart geht gründlich daneben.

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          Die Töne beim HSV Hamburg sind plötzlich ganz andere. Die alte Angriffslust, das Vertrauen, den ewigen Champion THW Kiel nachhaltig ärgern zu können - verschwunden. Der Meister von 2011 backt in dieser Saison kleine Brötchen. Weder konkrete Ziele noch eine angepeilte Plazierung wollen die Verantwortlichen herausgeben.

          „Wenn wir am Ende eines Spiels sagen können: das war eine große Mannschaft, die der HSV da präsentiert hat - dann sind wir zufrieden“, sagte Trainer Martin Schwalb. Das misslang am Samstagabend bei der HSG Wetzlar gründlich: Der sichtlich schlecht eingespielte HSV unterlag der HSG nach blamabler Leistung in der zweiten Halbzeit 26:33. „Man hat gesehen, wie wichtig Automatismen im Handball sind, die bei uns noch nicht funktioniert haben“, sagte Schwalb. Kapitän Pascal Hens sagte: „Das war natürlich eine Katastrophe.“

          Die überaus leisen Töne liegen zum einen an den Erfahrungen der vergangenen Spielzeit, als der HSV als Champion in die Saison ging und dann mit einer müden, von Verletzungen geplagten Mannschaft in allen Wettbewerben titellos blieb. Vor allem in Champions League und Bundesliga enttäuschte der HSV.

          Sparzwänge

          In dieser Saison steht der Klub nun am Scheideweg: Weil der ehemalige Präsident Andreas Rudolph nur noch als Sponsor, nicht mehr als Mäzen zur Verfügung steht, sank der Etat von knapp zehn auf etwas mehr als acht Millionen Euro. Das ist immer noch der zweitgrößte Haushalt der Liga hinter dem THW mit 9,5 Millionen Euro.

          Aber Rudolph will keine Extragaben mehr verteilen, keine Löcher mehr stopfen. Mehr noch: Spieler mit alten, unter Rudolphs Präsidentschaft üppig dotierten Verträgen, sollen auf 20 Prozent ihres Gehalts verzichten, um ein drohendes Minus in diesem Geschäftsjahr zu verhindern. Die Diskussion um Sparzwänge beim HSV beschäftigt die Profis. So sagte der ehemalige Nationalspieler Hens: „Ich mache mir Sorgen um meinen HSV. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass mich die Situation nicht beschäftigt.“

          Hens ist einer der Großverdiener. Zunächst hatten die Verantwortlichen bestritten, dass es Gespräche wegen eines Gehaltsverzichts gegeben habe. Aus Spielerkreisen gab es aber klare Signale: „Man liest viel von Sparzwängen anderer Klubs und hofft, dass es einen selbst nicht trifft“, sagte Michael Kraus, „nun ist es so.“

          Zu alt und zu teuer

          Vergangenen Donnerstag sagte Schwalb dann: „Wir versuchen zu konsolidieren, drehen jeden Stein um, wollen Einsparungen vornehmen.“ Um die Stars des Pleite gegangenen dänischen Klubs AG Kopenhagen hat der HSV so gar nicht erst mitgeboten.

          Mit dem Fokus auf dem Rotstift sind die Hamburger in bester Gesellschaft, denn der ganze deutsche Handball steht im Zeichen des Sparens. Flensburg, Gummersbach, Lemgo, Rhein-Neckar Löwen - überall werden Kader abgespeckt, Geschäftsstellen ausgedünnt: der Handball in Zeiten der Euro-Krise. Offenbar haben die Hamburger ihre Lektion gelernt. Mit Bertrand und Guillaume Gille verließen die beliebtesten Profis den Klub - auch sie waren am Ende schlicht zu alt und zu teuer.

          „Natürlich eine Katastrophe“: Pascal Hens

          Gekommen sind vier neue: der schwedische National-Linksaußen Fredrik Petersen als Ersatz für den operierten Torsten Jansen, der 18 Jahre alte Serbe Stefan Terzic, der für Marcin Lijewski auf halbrechts spielen soll. Hinzu kommen der 22 Jahre alte Schwede Andreas Nilsson für den Kreis und der 18 Jahre alte Max-Henri Herrmann im Tor. Dort wird Johannes Bitter nach seinem Kreuzbandriss noch fehlen.

          Teamgeist - „alles andere ist egal“

          Und der HSV wird weitermachen müssen mit seinem Verjüngungskurs. Zwei Weltmeister von 2007, Hens und Jansen, stehen im Schlussbogen ihrer Karriere; auch andere Schlüsselspieler wie Blazenko Lackovic oder Kreisläufer Igor Vori haben die 30 hinter sich. So gesehen eine spannende Aufgabe für Schwalb, den neuen HSV mit weniger Mitteln zu gestalten.

          Er selbst wollte ja eigentlich nur noch im Hintergrund arbeiten als Geschäftsführer. Doch seit dem Rauswurf Per Carléns im Winter 2011 steht Schwalb selbst wieder als Coach an der Seitenlinie. Er hat die neue Hamburger Demut schon verinnerlicht, wenn er sagt: „Wir sind derzeit nicht in der Situation, von einem Titel zu reden. Wir wollen Begeisterung auf das Parkett bringen, alles andere ist egal.“ Teamgeist soll fortan über allem stehen.

          Ein paar Punkte sollte das aber schon einbringen. Sonst droht dem HSV das Szenario, das der neue Präsident Matthias Rudolph, Bruder des ehemaligen Präsidenten Andreas Rudolph, aufgezeichnet hat: „Wir müssen erfolgreich sein, sonst blüht uns die Sporthalle Hamburg statt der großen Arena.“ Dort begann der HSV vor zehn Jahren. 2500 Schaulustige kamen zum ersten Heimspiel. In der Saison 2011/2012 war der HSV Zuschauerkrösus mit durchschnittlich 10.400 Fans.

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