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Handball-Trainer muss gehen : Abschied vom Übervater

  • -Aktualisiert am

In Wetzlar lange im Mittelpunkt, nun auf dem Abstellgleis: Trainer Kai Wandschneider Bild: dpa

Mit bescheidenen Mitteln hat sich die HSG Wetzlar dank Trainer Kai Wandschneider in der Handball-Bundesliga etabliert. Doch nun wird der Abschied vom Coach verkündet – und die Szene rätselt.

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          Eigentlich hätte Kai Wandschneider erröten müssen angesichts dessen, was da an Lob auf ihn herniederprasselte. „Die HSG Wetzlar ist immer in der Lage, großen Mannschaften etwas zu klauen“, sagte Maik Machulla, Trainer der SG Flensburg-Handewitt, „das spricht für Kai und seine Arbeit. Das wollte ich als junger Trainer an die Adresse eines alten Hasen loswerden.“ Als „Trainer-Übervater“ bezeichnete ihn SG-Geschäftsführer Dierk Schmäschke dann halb im Spaß, halb im Ernst, nachdem sich die beiden eine Zigarette auf dem Balkon der Flens-Arena gegönnt hatten. Wandschneider blieb trotz all der Preisungen äußerlich unbeeindruckt. Er weiß, was er kann.

          Er hat aus der HSG nicht nur eine stets gefährliche Mittelmacht der Bundesliga gebaut und sie aus der Abstiegszone entfernt, er ist wegen seiner taktischen Fähigkeiten als Trainer und seiner Unverbogenheit als Typ auch angesehen und ziemlich beliebt. Seit 2012 bei den Mittelhessen, hat der 60 Jahre alte Handball-Lehrer Stars der Szene wie die Torhüter Andreas Wolff und Benjamin Buric ausgebildet und Nationalspieler wie Philipp Weber und Jannik Kohlbacher geformt – und das auf der Basis des Budgets eines Absteigers.

          „Spieler waren erschüttert und geschockt“

          Doch recht unvermittelt wurde Wandschneider nun ein Stoppzeichen vor die Nase gesetzt. Nach der Spielzeit 2020/21 ist Schluss für ihn in Wetzlar, dann endet der Vertrag, und einen neuen wird es nicht geben. Weil die HSG Wetzlar in Person des Geschäftsführers Björn Seipp die Gründe der Trennung vergangene Woche unzureichend erklärte, empörten sich Handballfans in Mittelhessen über soziale Medien, und die Szene rätselt seitdem. Die Mannschaft wirkte im ersten Spiel nach der denkwürdigen Pressekonferenz zerbrechlich. 9:16 lag sie am Sonntag beim deutschen Meister zur Pause zurück, gar 16:25 in der 45. Minute – der Systemabsturz stand unmittelbar bevor. „Die Spieler waren erschüttert und geschockt, als sie davon erfuhren“, sagte Wandschneider rückblickend, „es kann sein, dass sie es nun besonders gut machen wollten. Unser System als Mannschaft ist durch diese Nachricht erst einmal destabilisiert. Vielleicht brauchten wir etwas Zeit, um das zumindest für dieses Spiel wegzustecken.“ Als Flensburg nachließ und Wandschneider nachjustierte, kam sein Team noch bis auf drei Tore heran und fuhr mit einer 28:31-Niederlage heim. An diesem Donnerstag (19.00 Uhr) steht gegen den TBV Lemgo Lippe die nächste Bewährungsprobe an.

          Immer wieder ist es der HSG in den vergangenen Jahren gelungen, durch überraschende Siege auf sich aufmerksam zu machen – in dieser Saison gipfelte das David-Verhalten in einem Sieben-Tore-Sieg beim THW Kiel. Zweimal wählten die Kollegen Wandschneider zum „Trainer des Jahres“. Doch nun endet die erfolgreiche Ära in knapp anderthalb Jahren. Von einer „Neustrukturierung“ spricht man bei der HSG; ein Begriff, mit dem Wandschneider nichts anfangen kann. Offiziell hört man von ihm kein kritisches Wort über seinen Arbeitgeber. Er sagt: „Ich muss niemandem etwas beweisen. Ich bin mit der Situation hochprofessionell umgegangen. Ich werde meinen Vertrag mit Würde und Haltung erfüllen.“

          In der Szene – und in der Mannschaft – herrscht Verblüffung. So sagt Maik Machulla, Wandschneiders Flensburger Kollege: „Ich habe registriert, was mit Kai passiert. Es ist das gute Recht eines Vereins, sich nach Vertragsablauf neu zu orientieren. Aber der sehr frühe Zeitpunkt kommt schon überraschend. Man sollte uns Trainer in Ruhe arbeiten lassen, sonst bekommen die Spieler ein Alibi.“ Ein Trainer, dessen baldiger Abschied schon fixiert ist, könnte schnell ein Autoritätsproblem bekommen.

          In Wetzlar glauben sie daran nicht. Spielmacher Olle Forsell Schefvert sagt: „Ich war überrascht, dass sie so früh entscheiden, dass Kai 2021 geht. Wir sind für einen Mittelverein sehr gut, und er hat viele Spieler entwickelt. Auch ich habe ihm viel zu verdanken. Es ist schwer, wenn man keine Ahnung hat, wer der nächste Trainer ist.“ Man muss das nicht zu hoch hängen. Im Profisport kommt immer ein nächster; dem Vernehmen nach soll der Ludwigshafener Coach Benjamin Matschke in Wetzlar unterzeichnen. Eine gute Stilnote haben sich die Verantwortlichen um Björn Seipp indes nicht verdient. Und so passt das Vorgehen der HSG in eine Zeit, in der der Bundestrainer entlassen wurde, die Rhein-Neckar Löwen sich von ihrem Coach trennten und bei der chronisch erfolglosen MT Melsungen zunächst ein Ultimatum Trainer und Mannschaft Beine machen sollte, am Ende aber auch hier Trainer Heiko Grimm vorzeitig gehen musste. Meistertrainer Machulla missfällt diese Entwicklung: „Wir sollten uns nicht so sehr dem Fußball annähern. Da nehmen sich die Trainer gar keine Wohnung mehr, die sind ja alle im Hotel.“

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