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WM in Stuttgart : Die Turnerinnen und die Füße im Feuer

  • -Aktualisiert am

Die Füße werden beim Turnen extrem belastet. Bild: AP

Bei der Turn-WM geht es im Mehrkampf an den vier klassischen Geräten zur Sache. Das ist vor allem eine Belastung für einen Körperteil. Elisabeth Seitz und Sarah Voss müssen ihre Landungen sorgfältig vorbereiten.

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          Die beste Nachricht vorneweg: Weder Elisabeth Seitz noch Sarah Voss tun gerade die Füße weh. „Mir geht es körperlich aktuell ganz gut“, sagte die WM-Dritte vom vergangenen Jahr am Stufenbarren. „Ich habe gar kein Problem mehr mit meinem Fuß“, versichert die deutsche Mehrkampf-Meisterin. Und das ist wichtig, schließlich treten beide an diesem Donnerstag (16.00 Uhr) bei den Weltmeisterschaften in Stuttgart zum Finale im Mehrkampf an, wo es an den vier klassischen Geräten zur Sache geht.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Ganz besonders beim Bodenturnen, auf den akrobatischen Bahnen, werden die Füße der Athletinnen wieder im Feuer stehen. Die explosive Energie, die sie entwickeln müssen, um sich in die Luft zu katapultieren und dabei Salti und Schrauben zu drehen, muss bei der Landung wieder gestoppt werden. Und das höchstens mit einer Bandage und einem Paar Söckchen an. Je mehr sich das Turnen in Richtung Akrobatik entwickelt, getrieben von den phantastischen Möglichkeiten des amerikanischen Stars Simone Biles, desto härter die Belastung der Füße.

          Elisabeth Seitz und Sarah Voss werden sich später auch bei den Einzel-Finals an Stufenbarren respektive Schwebebalken noch einmal präsentieren können. Doch für die ganze Mannschaft war schon in der Qualifikation Schluss. Es gab natürlich auch andere Patzer. Aber man könnte behaupten, dass Fußprobleme sie die Teilnahme am Team-Finale am Dienstag gekostet haben. Diese manifestierten sich besonders im Bodenturnen. Die Rechnung geht so: Mit 161,897 Punkten landeten die Deutschen auf dem neunten Platz, dem ersten Nicht-Final-Platz. Vor ihnen rangierten die Italienerinnen mit 161,931 Punkten. Der Rückstand beträgt also nur 0,034 Punkte.

          Insgesamt handelten sich die Deutschen – bereinigt um das Streichresultat – 0,7 Fehlerpunkte durch Übertreten auf der Bodenfläche ein. 0,3 Punkte davon gingen auf das Konto von Elisabeth Seitz, 0,4 Punkte wurden Sarah Voss angekreidet. Möglich, dass auch das Adrenalin in ihren Adern dazu führte, dass die beiden ihre Bahnen mit einem Übermaß an Schwung befeuerten. Es stimmt aber auch, dass beide ihre Bodenübungen nur eingeschränkt hatten trainieren können. Elisabeth Seitz muss ihre Füße grundsätzlich schonen. „Neben ihrem super Bewegungstalent sind ihr leider Gottes nicht die besten Füße in die Wiege gelegt“, sagt Bundestrainerin Ulla Koch. Knick-Senkfüße hat Rainer Eckhardt, der Mannschaftsarzt, ihr attestiert. Sie muss sich permanent mit ihren Füßen befassen.

          Junge Turnerinnen mit ungünstiger Fußstellung können diese mit zielgerichteten Übungen deutlich verbessern. Allerdings ist bei der 25 Jahre alten Elisabeth Seitz das Kind schon in den Brunnen gefallen. Vier Fuß-Operationen hat sie hinter sich. Bei ihrer Bodenübung in der Qualifikation zeigte sie einen Doppel-Twist, einen sehr schwierigen Sprung, der ihr jahrelang nicht gelungen war. Allerdings sprang sie etwas in Rücklage ab – eine Folge von Trainingsrückstand. Bei der Landung trat sie dann über, und zwar nicht nur mit einem Fuß, sondern zusätzlich noch mit dem kleinen Zeh des anderen Fußes. Wäre dieser Zeh nicht außerhalb der Linie gewesen, wäre Deutschland im Team-Finale gewesen und Italien draußen. So knapp war das. Italien gewann später die Bronzemedaille.

          Kurz vor der Belastungsprobe: Elisabeth Seitz muss ihre Füße schonen.

          Das Fußproblem der 19 Jahre alten Sarah Voss war akuter Natur. Plötzlich behinderte sie ein Schmerz am Sesambein, einem kleinen Knöchelchen an einer Fußsehne. Eine Spritze wirkte nicht, so dass Mannschaftsarzt Eckhardt und Trainerin Koch zunächst ratlos vor dem Problem standen. Bis sie zusammen mit den Physiotherapeuten die Erklärung fanden. Die Wade hatte sich vom vielen Springen verhärtet, die Fußbeschwerden waren die Folge. Sarah Voss musste im Training weitgehend aufs Springen verzichten und ihren Fuß mit einem Gelkissen schützen. Als sie in Stuttgart ihre Bodenübung ausführte, fehlten ihr bei jedem Sprung 50 bis 100 Wiederholungen, die ihr die nötige Sicherheit für exakte Landungen hätten geben können. Die Folge waren zwei Patzer, einer davon bei der Landung nach dem Doppelsalto rückwärts gebückt. Die hatte ihr zuvor am meisten weh getan.

          „An den Füßen müssen wir arbeiten“, sagt Eckhardt. „Da haben wir ein Systemproblem.“ Tatsächlich ist Deutschland nach Ulla Kochs Berechnung fünftbeste Nation der Welt am Barren, siebtbeste Nation an Sprung und Schwebebalken, steht aber nur an 14. Stelle im Bodenturnen. Was bedeutet, dass hier auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio noch Verbesserungspotential liegt. Grundsätzlich, sagen Koch und Eckhardt, müsste schon unterhalb der wohlversorgten Top-Klasse mehr Wert auf Fußtraining gelegt werden. Sie werden entsprechende Ziele für die Trainer formulieren und machen sich beim Verband dafür stark, dass mehr Geld ausgegeben wird für Physiotherapie.

          Dass man auch mit Füßen, die nicht ideal geformt sind, nach ganz oben kommen kann, zeigt das Beispiel Simone Biles, die sich auf Sichelfüßen durch die Welt katapultiert. Auf Kinderfotos wirken auch ihre Knie krummer als heute. Ihre außergewöhnliche Muskulatur macht das aber wett. Gerade sie mit ihren spektakulären Sprüngen muss ihr Training dosieren, damit ihr Körper die Belastung überhaupt aushält. Der Bewegungs- und Stützapparat sei nicht unendlich trainierbar, sagt Eckhardt. Mit anderen Worten: Jeder Mensch hat nur eine begrenzte Anzahl von Sprüngen und Landungen zur Verfügung. Allerdings, wie die Erfahrung zeigt: der eine mehr – der andere weniger.

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