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Hockeyspieler Timo Wess : „Das Kribbeln ist wieder da“

Noch einmal spielen: Wess will wie in Peking Olympiasieger werden (Foto aus dem Vorrundenspiel gegen Spanien) Bild: picture-alliance/ dpa

Mit der Hilfe vom Chef kommt Hockeyspieler Timo Wess zurück: Der Kapitän der Olympiasieger von Peking will in London noch einmal angreifen. Und der Bundestrainer sieht im Entgegenkommen des Arbeitgebers ein wegweisendes Beispiel.

          Gewonnen hat er schon alles, was ein Hockeyspieler in seiner Karriere gewinnen kann. Timo Wess war Weltmeister (2002 und 2006), er war Europameister (2003), er hat bei der Champions Trophy die Trophäe hochgehalten (2001), er war auch in der Halle Weltmeister (2007), und natürlich wurde er auch im Vereinshockey deutscher Meister und triumphierte im Europapokal der Landesmeister (2007). Sein 232. Länderspiel im Sommer 2008 aber wurde zur Krönung einer einzigartigen Laufbahn: Vier Jahre nach der Bronzemedaille von Athen führte Wess die deutsche Mannschaft als Kapitän zu Olympia-Gold.

          Da war er 26 Jahre alt und der absolute Führungsspieler des Teams, und so akribisch und diszipliniert, wie er seine sportliche Laufbahn vorangetrieben hatte, so klar strukturiert ging er auch seine nächste Aufgabe an. „Der Beruf steht jetzt im Vordergrund“, sagte der damalige BWL-Student und kündigte eine längere Pause in der Nationalmannschaft an.

          Dass er noch einmal zurückkehren würde, damit rechneten die wenigsten, und vielleicht am allerwenigsten Wess selbst. Mit seinem Verein Rot-Weiß Köln spielte er weiter eine führende Rolle in Deutschland und Europa, aber die Trainingsintensität war im Vergleich zu früheren Jahren spürbar gedrosselt. „Das passt ja auch nicht zusammen, voll engagiert im Beruf zu sein und gleichzeitig Nationalmannschaft zu spielen“, sagt der Mann, der immer als einer der besten Abwehrspieler der Welt galt. Auch wenn der Rücktritt nie verkündet war, schien das Thema abgehakt zu sein.

          Der Chef bringt den Stein ins Rollen

          Aber man sollte eben nie nie sagen, und irgendwo im Hinterkopf mag da noch ein Gedanke gewesen sein - der aber geweckt werden wollte. Dafür sorgte der hockeybegeisterte Chef der Weber-Unternehmensgruppe, bei dem Wess mittlerweile als Assistent der Geschäftsführung fungiert. Auf den vielen Reisen führten die Gespräche auch immer mal wieder zur Nationalmannschaft, und irgendwann stellte Dierk Weber die entscheidende Frage: „Hättest du eigentlich noch Lust zu spielen?“ Die hatte Wess schon, aber genauso das Wissen, dass beides nicht geht. Sein Chef sah das anders, und brachte mit dem Satz „Das soll nicht das Problem sein“ den Stein ins Rollen.

          „Ich habe viel beim Laufen darüber nachgedacht“, sagt Wess, und er läuft gerne und viel. Zeit genug, alles abzuwägen, zu hinterfragen, zu prüfen, ob die Lust ausreicht, alles noch einmal auf sich zu nehmen, ob es sich wirklich lohnt, wenn man doch schon alles gewonnen hat. Denn hinter einem großen Turnier stecken auch rund 110 Lehrgangstage davor, dazu im Alltag eine tägliche morgendliche Trainingseinheit im Stützpunkt, bevor es abends wieder auf den Hockeyplatz geht. „Aber plötzlich war das Kribbeln wieder da“, sagt er, und nachdem Dierk Weber zu seinem Wort stand, will es Wess noch einmal wagen.

          Nach der Europameisterschaft in diesem Monat in Mönchengladbach wird er wieder zur deutschen Mannschaft stoßen. „Ich will noch einmal Gold gewinnen“, sagt Wess, und Gedanken daran, dass er den vermeintlich goldenen Karriereabschluss von Peking so möglicherweise zerstört, konnten ihn nicht bremsen. „Als Sportler denkt man ans Gewinnen, nicht ans Verlieren.“

          Kein Problem mit der Freundin

          Dass er nicht schnell auf den Zug aufspringen und schon bei der EM dabei sein wollte, war für ihn selbstverständlich und entspricht seinem Wesen als Mannschaftsspieler. „Das war nie ein Thema für ihn“, sagt Bundestrainer Markus Weise, der keine Probleme sieht, wenn sein ehemaliger dominierender Kapitän nun wieder zurückkehrt. „Wir haben darüber vernünftig gesprochen. Timo wird keine gewachsenen Strukturen aufsprengen, das will er gar nicht“, sagt Weise, der das Modell mit einer zeitweiligen Freistellung vom Arbeitgeber und der Unterstützung durch die Sporthilfe als wegweisend für künftige Nationalspieler sieht. „Durch G8 und Bachelor-Studiengänge werden unsere Spieler bald immer früher in den Beruf einsteigen.“

          Mögliche andere Sorgen haben sich bei der Leistungsdiagnostik schon zerstreut. „Er steigt auf einem ganz hohen Niveau wieder ein“, sagt Weise. Und auch die langjährige Freundin muss sich keine Gedanken um ihren Timo machen. „Mit einem Jahr hat sie kein Problem, bei fünfen wäre es schwierig geworden“, sagt Wess. Nach London aber soll endgültig Schluss sein.

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