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Hockey : Weltmeister vor 150 Zuschauern Von Holland organisieren lernen

Emmerling feuert die Fans an Bild: AP

Mit dem Alltag in der Hockey-Bundesliga hatte der Ausnahmezustand WM nicht das geringste zu tun. „Das muß man genießen, jeden Tag, jede Stunde“, hatte Björn Emmerling in jenen goldenen Septembertagen immer wieder gesagt. Was nun geblieben sei in der Bundesliga von der WM? „Nichts“, sagt der deutsche Spielmacher.

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          "Ja, ja", seufzt Björn Emmerling ironisch, "die Weltmeisterschaft hat einen richtigen Zuschauerboom in der Hockey-Bundesliga ausgelöst." Vor knapp sechs Wochen hatte er stets etwas ungläubig auf die Tribüne im Mönchengladbacher Hockey-Park geschaut, als 13 000 Zuschauer die deutsche Nationalmannschaft frenetisch feierten und schließlich zum WM-Titel trieben. "Das gibt's nur einmal, das kommt nie wieder" - Emmerling hatte danach einen alten Karnevalsschlager bemüht, um dieses Erlebnis zu beschreiben. Denn mit dem Alltag in der Hockey-Bundesliga hatte der Ausnahmezustand WM nicht das geringste zu tun. "Das muß man genießen, jeden Tag, jede Stunde", hatte Emmerling in jenen goldenen Septembertagen immer wieder gesagt. Was nun geblieben sei in der Bundesliga von der WM? "Nichts", sagt der deutsche Spielmacher und klingt, als habe er auch nichts anderes erwartet, "die WM hat nichts verändert." Gerade eben hat er mit seinen Stuttgarter Kickers das Spitzenspiel gegen den Tabellenzweiten Der Club an der Alster Hamburg 2:1 gewonnen. Die Kickers sind Europapokalsieger der Landesmeister, aktueller Tabellenführer, sie sind die erfolgreichste Stuttgarter Vereinsmannschaft und haben zwei der Weltmeister in ihren Reihen. Aber gekommen sind trotzdem nur 150 Zuschauer.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Gerade noch 13 000 Fans, jetzt 150 - das paßt nicht so richtig zusammen. Trotz aller Erfolge haben es die Hockeyspieler in Deutschland aber nicht geschafft, populär zu werden. Mit einer Spur Neid und viel Ehrfurcht blicken die Nationalspieler deshalb rüber nach Holland, ins gelobte Hockey-Land. Dort ist Hockey die Mannschaftssportart Nummer zwei. Als der niederländische Meister HC Bloemendaal mit seinen drei deutschen Nationalspielern Christopher und Philipp Zeller sowie Tibor Weißenborn am vergangenen Wochenende gegen Eindhoven spielte, schauten rund 2000 Besucher zu. "Es war der Beginn der holländischen Herbstferien. Sonst kommen mehr", sagte Philipp Zeller danach.

          Vorbild Holland

          Wieso funktioniert das zwar in den Niederlanden, aber nicht in Deutschland? "Manches könnten wir uns abschauen", sagt Christoph Wüterich. Der Stuttgarter Rechtsanwalt war sechs Jahre Präsident des Deutschen Hockey-Bundes, in seiner Amtszeit wurde die WM nach Deutschland geholt. Die Größe der niederländischen Vereine sei nicht so leicht zu kopieren. Der Deutsche Hockey-Bund hat, wohlwollend gerechnet, 65 000 Mitglieder, in den viel kleineren Niederlanden spielen dagegen mehr als 170 000 Menschen Hockey. Die Holländer können sich am Sonntag nachmittag ganz auf die Spiele in der höchsten Klasse konzentrieren. Sie beginnen erst, wenn alle anderen Ligen ihre Partien längst beendet haben. Hierzulande wird samstags und sonntags in der Bundesliga gespielt. Einen Teil der Aufmerksamkeit absorbieren Partien in unteren Ligen, die mitunter parallel stattfinden. "Auch wir müssen unsere Bundesligatermine schützen", sagt Wüterich.

          "Hockeyspieler schauen gerne Hockey, aber noch lieber spielen sie Hockey", hatte Wüterichs Nachfolger Stefan Abel zur Erklärung gesagt, warum rund um die Gladbacher WM so viele Turniere in den Nachbarvereinen organisiert wurden. Erst Hockey spielen, dann Hockey gucken - wie in den Niederlanden könnte das eine erfolgversprechende Kombination sein. "Wenn wir es nicht schaffen, aus dem Bundesligaspieltag einen Event zu machen mit der Partie als Höhepunkt, dann wird das nie etwas", sagt Emmerling.

          Marketing-Schwächen

          Doch mit dieser Aufgabe sind die Hockeyvereine ganz offensichtlich überfordert. Schon die Zusammenarbeit mit ihren beiden Hockey-Magazinen ist in vielen Klubs stark verbesserungswürdig, und ein einheitlicher Marketing-Auftritt gelingt der seit vier Jahren einteiligen Bundesliga ohnehin nicht. Fast alles läuft in den Klubs auf ehrenamtlicher Basis, und gute Konzepte sind in manchen Vereinen zum Scheitern verurteilt, weil sie nur an einer Person hängen oder der Wille, einmal neue Wege zu beschreiten, nicht besonders ausgeprägt ist.

          Wüterich weiß, wie schwer es wäre, die Bundesligaspieltage am Sonntag zu schützen und obendrein die üblichen Doppelwochenenden mit zwei Partien zu streichen. Die Terminnot im deutschen Hockey ist groß. "Das wäre genauso schwer durchsetzbar wie die einteilige Liga", sagt Wüterich. Das könnte also dauern, und bis dahin ist der Glanz der WM endgültig verblaßt und nur noch eine schöne Erinnerung. Aber was ihre Popularität angeht, haben Hockeyspieler einen bemerkenswerten Hang zum Sarkasmus. "War doch ganz prima hier", sagt der Hamburger Trainer Jo Mahn, "bei uns wären es viel weniger gewesen." Mahn stand vor zwei Wochen schließlich vor einem ganz anderen Problem. Zum Heimspiel fanden sich keine Ballkinder - in Hamburg hatten die Herbstferien begonnen.

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