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Hockey-Olympiaqualifikation : Reines Ecstasy in Baku

  • -Aktualisiert am

Paula Dabanch (l.) und Gloria Comerma (r.) im Spiel gegen Deutschland 2007 Bild: picture-alliance/ dpa

Es klingt wie ein Krimi: Beim Abendessen vor dem letzten Gruppenspiel im olympischen Hockey-Qualifikationsturnier in Aserbaidschan fühlt sich die spanische Delegation unwohl, Trainer Pablo Usoz berichtet später von Halluzinationen. Später werden MDMA-Spuren gefunden. Gift oder Doping?

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          Es klingt wie ein Krimi. Beim Abendessen vor dem letzten Gruppenspiel im olympischen Hockey-Qualifikationsturnier in Baku in Aserbaidschan fühlt sich plötzlich ein Großteil der spanischen Delegation unwohl. Der Trainer Pablo Usoz berichtet später von Halluzinationen, einem Verlust der Orientierung. „Ich fühlte mich wie betrunken, einige der Spielerinnen konnten nicht mehr laufen.“

          Die Spanier vermuteten zunächst einen nahen Lüftungsschacht als Quelle des Übels, berichteten den Organisatoren schriftlich von dem Vorfall und nannten die Namen der erkrankten Spielerinnen, von denen eine beim 9:0 gegen Kenia nicht spielfähig war. Beim Spiel der Ukraine gegen Aserbaidschan um den zweiten Finalplatz am gleichen Tag fehlten nach Aussage des spanischen Trainers gleich vier Ukrainerinnen - wegen Vergiftungserscheinungen.

          Spanien droht der Ausschluss, Aserbaidschan würde nachrücken

          Spanien als einziges Team mit Olympia-Erfahrung dominierte das Turnier. Der Olympiasieger von Barcelona 1992 gewann das Finale gegen die Gastgeber 3:2. Spaniens Teilnahme in Peking stand fest - bis vor knapp zwei Wochen bekannt wurde, dass Dopingtests zweier Spanierinnen in Baku positiv ausfielen. Nun droht Spanien der Ausschluss von den Spielen. Nachrücker in Peking wäre dann - der Finalgegner Aserbaidschan.

          Bundestrainer Behrmann: „Alles sehr, sehr dubios”

          Der spanische Hockeyverband (RFEH) will nun einen „Anschlag“ nachweisen, also die Verabreichung der Mittel durch Dritte. Ihr Rettungsanker: Spanischen Zeitungsberichten zufolge handelt es sich bei der fraglichen Substanz um MDMA, eine sehr reine Form der Partydroge Ecstasy. „Anders als bei Anabolika ist schon eine einmalige Applikation in den Haaren nachweisbar“, sagt Hans Geyer, Geschäftsführer des Zentrums für präventive Dopingforschung in Köln. Nachweismethoden für derlei Anschläge suche man seit langem: „Mit solchen Vorfällen haben wir gerechnet.“

          Manipulierte Proben ließen sich nachweisen

          Die Haarproben, die die RFEH jetzt beim spanischen Dopinglabor abgeben will, könnten auch bei Physiotherapeuten, Ärzten und Trainerstab das Mittel nachweisen, was gezieltes Doping zumindest abwegig erscheinen ließe. Der Schnellschuss kann allerdings auch nach hinten losgehen: Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), an der Haaranalyse bisher nicht beteiligt, könnte die positiven Proben schlicht als Beweis für mannschaftsdeckendes Doping werten.

          Zu ihrer Verteidigung setzen die Spanier auch bei den Kontrollen vor Ort an. „Da waren Leute dabei, die das Protokoll nicht vorsieht“, sagte Trainer Usoz. Falls allerdings die Proben manipuliert wurden, ließe sich das leicht nachweisen: Der Test enthielte dann nur die Droge, nicht aber ihre Abbauprodukte.

          Telefonterror, Eisenstangen: „Alles sehr dubios“

          Bundestrainer Michael Behrmann ist die Sache jedenfalls auch nicht geheuer. „Das alles ist sehr, sehr dubios“, sagte er bei der Champions Trophy in Mönchengladbach. Das offenbar große Misstrauen gegenüber den Organisatoren der Olympia-Qualifikation in der Kaukasusrepublik brachte er in aller Deutlichkeit zum Ausdruck. „Ich wäre auch mit sehr großen Sorgen nach Aserbaidschan gefahren“, sagt er.

          Futter für den spanischen Manipulationsverdacht: Am Vorabend des Endspiels wurde spanischen Spielerinnen mit Telefonterror im Hotel der Schlaf geraubt. Usoz berichtet zudem, beim Finale hätten Soldaten mit Eisenstangen auf die Trainerkabine getrommelt, um seine Ansagen unhörbar zu machen. „Der Weltverband muss nun entscheiden, ob er zulässt, dass ein Land auf diese schmutzige Art und Weise an den Spielen teilnimmt“, sagte Usoz.

          Ein aserbaidschanischer Investment-Multi ist Hauptsponsor des Weltverbands

          Der Internationale Hockey-Verband (IHF) ist bemüht, den Fall so defensiv wie möglich zu behandeln. IHF-Sprecher Arjen Meijer bestätigte die beiden positiven A-Proben der Spanierinnen, mehr aber vorerst nicht. Formal betrachtet, existiere für die IHF noch überhaupt kein Dopingfall. Dafür müssten schließlich auch die B-Proben positiv ausfallen, deren Ergebnis in der „nächsten oder übernächsten Woche“ zu erwarten sei.

          Fielen diese ebenfalls positiv aus, würde das aber nicht automatisch den Ausschluss der spanischen Mannschaft vom Olympia-Turnier bedeuten. Dann würde sich - neben der Wada - zunächst das Juristische Komitee der IHF mit dem Fall befassen. Das Gremium „darf die Disqualifikation oder andere Sanktionen“ beschließen, sagte Meijer.

          Zu den Hauptsponsoren der IHF gehört die „Ata-Holding“, ein Investmentmulti aus Aserbaidschan. Die Verbindung findet zumindest Michael Behrmann „sehr unglücklich“. „Synergy for Azerbaijan“ stand auf Banden der Holding im Mönchengladbacher Hockeystadion - ein Slogan, der angesichts der Vorwürfe zumindest einen merkwürdigen Beiklang hat.

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