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Hockey : Kurze Studienzeiten gegen kurze Ecken

  • -Aktualisiert am

Eine der Säulen der deutschen Mannschaft: Tobias Hauke Bild: REUTERS

Die deutschen Hockey-Herren präsentieren sich bei der Champions Trophy gewohnt erfolgreich. Doch Bundestrainer Weise schwant vor dem Spiel gegen Spanien am Dienstagabend (20 Uhr) trotzdem Böses. Er sieht das deutsche Hockey durch Universitätsreformen in Gefahr.

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          Nicht ohne meine Taktiktafel! Markus Weise hat sie während der Spiele immer in Reichweite, und nach dem Schlusspfiff klemmt er sie sich unter den Arm. Von dem, was der Bundestrainer darauf schreibt, von seiner Gestaltungskraft im Allgemeinen, hat das deutsche Herrenhockey in den vergangenen Jahren sehr profitiert. Seit der Siebenundvierzigjährige 2006 das Amt von Bernhard Peters übernahm, hat Deutschland eine olympische Goldmedaille geholt, eine Champions Trophy gewonnen und je ein WM- und EM-Finale gespielt.

          Und auch bei der diesjährigen Champions Trophy, jener jährlichen Leistungsschau der sechs weltbesten Nationalmannschaften mit hohem Prestigefaktor in der Szene, liegt Weises Team auf Kurs. Im Hockey Park in Mönchengladbach startete die Auswahl des Deutschen Hockey-Bundes (DHB) am Wochenende mit zwei Siegen gegen England (4:2) und Neuseeland (5:2) in das Heimturnier. Der Erfolg gegen Außenseiter Neuseeland am Sonntag fiel durch die Tore von Christoph Menke (19. Minute), Florian Woesch (23.), Martin Häner (47.), Florian Fuchs (53.) und Moritz Fürste (67.) standesgemäß aus. Vor allem der souveräne Erfolg gegen Europameister England tags zuvor darf als wirklicher Mutmacher fürs Team gewertet werden.

          Der Bundestrainer sieht diese Champions Trophy als „Beginn der heißen Phase der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2012“. In fünf Matches in neun Tagen will er „haufenweise Erkenntnisse“ sammeln, die es dann in den Lehrgängen danach zu bearbeiten gelte. Die erste Erkenntnis des Spiels am Samstag war, dass die deutsche Mannschaft aus dem Stand heraus Hockey auf höchstem Niveau spielen kann und ein Team wie England nach Belieben dominierte. Ehe die Briten im „Wohnzimmer des deutschen Hockeys“, wie Weise sagte, Platz genommen hatten, sahen sie sich durch den Treffer von Oskar Deecke (5. Minute) sowie den Strafeckentoren von Jan-Marco Montag (28.), Martin Häner (32.) und Benjamin Wess (35.) schon zur Halbzeit geschlagen.

          Modernisierungsverleirer Hockey? Bundestrainer Markus Weise fürchtet Spielerverlust durch Studienreformen

          Kern für 2012 ist schon da

          Die Revanche war geglückt für die Niederlage im EM-Finale von Amsterdam vor einem Jahr, als die Engländer den Deutschen das Triple aus Olympiagold, WM-Titel und EM-Sieg verdarben (siehe: Hockey-EM: Auch die Herren verlieren das Endspiel). Dass Weise nach dem Traumstart in das Mönchengladbacher Turnier dennoch etwas unzufrieden dreinblickte, hatte auch mit seiner Anweisung für seine Spieler zu tun, sich „unabhängig von der Anzeigetafel zu machen. Es ist egal, was da drauf steht.“ Daran hielten sich die deutschen Herren, die auf ihren kurzfristig ausgefallenen besten Stürmer Christopher Zeller (Muskelverhärtung) verzichten mussten, nicht ganz.

          Torhüter Max Weinhold beklagte den „Spannungsabfall“ nach der Pause, der den Engländern noch zwei Strafeckentore durch Ashley Jackson erlaubte. Weise sprach sogar von zwei grundverschiedenen Teams, die er wohl aufgeboten habe. „Das der ersten Halbzeit war okay, das der zweiten Halbzeit war nicht okay.“ Viel mehr als nur okay sind die Perspektiven dieser Mannschaft, in der noch neun Olympiasieger von Peking Dienst tun. Weise glaubt, dass mindestens zwei Drittel, wenn nicht sogar drei Viertel des Mönchengladbacher Kaders auch in London 2012 mit von der Partie sein werden.

          Gefahr durch Studienreformen

          In Max Müller und Häner hat diese Mannschaft ein beeindruckend sicheres Innenverteidigerduo und in Fürste und Tobias Hauke zentrale Mittelfeldspieler mit raumgreifender Präsenz. Der erst 18 Jahre alte Stürmer Fuchs ist trotz seiner zwei Dutzend Länderspiele schon ein Versprechen für die (nahe) Zukunft (siehe: Hockeyspieler Florian Fuchs: Schneller Stürmer auf Giraffenbeinen). An der Seite eines Torjägers wie Christopher Zeller kann man ihm durchaus noch weitere Leistungssprünge zutrauen. Fuchs ist derzeit das beste Beispiel für den nie versiegenden Quell an starken Nachwuchsspielern, die auch in der Nationalmannschaft „schnell auf Niveau sind. Wichtig ist, dass die A-Nationalmannschaft bei Olympia vorne dabei ist“, so Weise. „Nur so bleibt das Hockey in Förderstufe eins. Sonst geraten wir schnell in eine Negativspirale.“

          Im englischen Hockey hat längst Olympia 2012 in London Priorität Nummer eins. Die Spieler dürfen in mit erheblichem finanziellen Aufwand alimentierten Förderprogrammen fast unter Profibedingungen trainieren. Der Bundestrainer hat da andere Sorgen. Er fürchtet, dass nach den Spielen die meisten Spieler des starken Jahrgangs 1987 ihre Nationalmannschaftskarriere, die so zeitintensiv ist (bis zu 100 Tage im Jahr) und mit so wenig Geld vergolten wird, beenden werden.

          Rund 90 Prozent der deutschen Nationalspieler sind Studenten. Früher haben sie mit etwa 27 Jahren - nach Studienende - der Nationalmannschaft Adieu gesagt. Demnächst, fürchtet Weise, werden die Spieler durch die Reform vieler Studiengänge schon mit 25 fertig sein. Kurze Studienzeiten könnten also die Spezialisten für kurze Ecken aus dem Spiel nehmen. „Dann, wenn die Spieler voll im Saft stehen.“ Ein Berufsleben und eine Nationalmannschaftskarriere sind kaum unter einen Hut zu kriegen. „Das könnte für unseren Sport irgendwann mal sehr kritisch werden“, sagt Weise.

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