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Hockey in Südafrika : Am liebsten alle gegen den Deutschen

  • -Aktualisiert am

Passen, schlagen, stoppen: Hockey ist in Südafrika weitgehend unbekannt, aber die Kinder haben ihren Spaß daran Bild: DCadA

Keine Schuhe, keine Tore - dafür aber jede Menge Frohsinn und Begeisterung. Hockey-Botschafter aus Hamburg bringen Kindern in Südafrika ihren Sport näher. Und irgendwann ging es nicht mehr nur um Training. 2010 soll es weitergehen.

          Manchmal sieht Konstantin Rentrop seine eigene Knabenmannschaft inzwischen mit anderen Augen. Er mag seine Hamburger Hockey-Jungen nach wie vor sehr gern, so ist es nicht, aber in Sachen Aufmerksamkeit und Höflichkeit hat er in diesem Sommer etwas erlebt, was sich ziemlich vom Verhalten der A-Knaben beim Club an der Alster unterscheidet: „Wenn ich Richtung Platz ging, haben sie mir meine Tasche vom Arm gerissen, und wenn ich etwas gesagt habe, haben alle geschwiegen und zugehört. Dabei war niemand unterwürfig.“ In der Alster-Hockeyhalle gleich neben dem Tennisstadion am Rothenbaum ist es beim Training mit den 13 bis 14 Jahre alten Jungen doch eher so, dass der Bundesligaspieler Rentrop dreimal laut ruft, bevor so etwas Ähnliches wie Ruhe entsteht und er seine Anweisungen geben kann.

          In Südafrika war es ganz anders. Alles war anders. Die weißen, schwarzen und gemischtrassigen Jungs aus dem Ort Gansbaai und aus zwei Nachbar-Townships hatten noch nie von Hockey gehört, als Rentrop Ende Juli als inoffizieller deutscher Hockeybotschafter nach Südafrika reiste. Es gab keine Tore; geschossen wurde auf zwei rostige L-förmige Stahlträger, und viele der Jungen spielten barfuß.

          „Die meisten haben nur ein Paar Schuhe“, erzählt der 28 Jahre alte Rentrop, „und das waren Zehensandalen oder Moonboots.“ Und wenn der harte Ball mal den nackten Fuß traf? „Schauspielerei gab es nie. Beschwert hat sich auch keiner. Die Jungs dort haben nicht viel. Sie waren einfach glücklich und dankbar.“ Und sie waren hockeybegeistert: Am Anfang trauten sich acht Kinder auf den Kunstrasenplatz, dann waren es 20, und am Ende von Rentrops drei Wochen in Gansbaai 50.

          Kleidung, 20 Schläger, 15 Bälle: Konstantin Rentrop hatte einiges im Gepäck

          „Wir haben das alles sehr pragmatisch gemacht“

          Wie so vieles, was gut ist, basiert die „Alster Grootboos Hockey Foundation“ auf reinem Zufall. Zufällig traf Delf Ness, Sohn des Alster-Präsidenten Karl Ness, bei einem beruflichen Aufenthalt in Südafrika 2008 einen deutschen Hotelbesitzer in Grootboos, etwa zwei Autostunden von Kapstadt entfernt. Michael Lutzeyer führt dort ein Fünfsternehotel in einem Naturreservat. Der Mann ist sozial engagiert und an Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit interessiert.

          Schon das imponierte Delf Ness. Als Ness dann den Kunstrasenplatz auf Lutzeyers Gelände sah, der für Fußball genutzt wird, machte es „Klick“ bei Ness: „Wenn wir Hockeyspieler einen Kunstrasenplatz sehen, denken wir sofort: Da muss man doch Hockey spielen!“ Die Idee, südafrikanischen Kindern den Sport Hockey näherzubringen und nebenbei etwas Gutes zu tun, wurde sehr schnell in die Tat umgesetzt, weil auch Lutzeyer begeistert war und mithalf, wo er konnte.

          „Wir haben das alles sehr pragmatisch gemacht“, sagt Ness, „die größten Probleme könnte es mit dem Zoll geben, dachten wir.“ Es musste ja einiges an Gerät transportiert werden. Doch mit dem guten Willen der Fluggesellschaft South African Airways, die das Projekt gern unterstützen wollte, kamen im Juli tatsächlich kiloweise Kleidung, 30 Schläger und 15 Bälle in Konstantin Rentrops Gepäck in Gansbaai an. Etwa 45 Kilogramm Gewicht.

          „Sie besitzen nicht viel, aber sie haben Frohsinn und Begeisterung“

          In Südafrika gilt Fußball als Sport der Schwarzen; Weiße gehen vor allem zum Rugby und Kricket. Hockey wird von wenigen im Weinanbaugebiet Stellenbosch gespielt. Für die Kinder von Gansbaai, zehn Kilometer von Grootboos entfernt, waren Spiele mit Krummstock und kleinem Ball eine ganz neue Erfahrung. „Hockey passt auch deswegen gut, weil es nicht vorbelastet ist“, sagt Ness, und Rentrop ergänzt: „Sie besitzen dort nicht viel, aber sie haben Frohsinn und Begeisterung.“ Ness hatte schon bei seinen Reisen durchs Land festgestellt, dass an manchen Orten „zwar nur drei Plumpsklos für 500 Leute sind, es aber trotzdem nicht so ist, dass alle weinen“.

          Und so lernten die jungen Hockeyschüler von sechs bis 16 Jahren ganz schnell passen, schlagen, stoppen. Am Ende der täglichen Einheiten gab es immer ein Spiel - wobei den Jungen die Variante „alle gegen den Deutschen“ am meisten Spaß machte. Da wurden auch die Sprachschwierigkeiten vergessen: eigentlich unterhalten sich Schwarze, Weiße und Farbige (“Coloured“) in ihren Sprachen; es gibt neben Englisch und Afrikaans neun offizielle afrikanische Landessprachen. Rentrop spricht Englisch. Er hatte nie das Gefühl, jemand würde ihn nicht verstehen.

          „Wir machen es, weil wir glauben, dass es richtig ist“

          Es ging auch irgendwann nicht mehr nur um Hockeytraining. Rentrop war als Projektmanager Mädchen für alles, organisierte etwa einen Deutschen Abend, zu dem 80 Kinder kamen: „Würde ich hier zum Südafrika-Abend einladen, käme keiner“, sagt er. Beim Club an der Alster gedeihen längst Gedanken, das Wohltätigkeitsprojekt auf eine feste Basis zu stellen. „Mannschaften, Turniere, ein Zwölferbus - wir haben den Traum, dass es weitergeht“, sagt Ness.

          Von Februar bis Juni 2010 werden wieder Alster-Freiwillige nach Gansbaai reisen und als Hockeybotschafter arbeiten. Rentrop und Ness würden das Projekt gern auf andere Klubs ausweiten und hoffen auf die Hilfe des Deutschen Hockey-Bundes. Ness sagt: „Wir machen es, weil wir glauben, dass es richtig ist. Wer uns helfen möchte, ist willkommen.“ Im eigenen Klub gibt es jemanden, der Fischernetze verkauft. Konstantin Rentrop findet, dass man daraus doch prima Tornetze für Grootboos knüpfen könnte.

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