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Hockey-Nationalteam : Auf dem langen Weg nach Tokio

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Kein Vorbeikommen: Am deutschen Torhüter Alexander Stadler scheitern im Penaltyschießen alle fünf belgischen Schützen. Bild: Imago

Die Hockey-Nationalteams starten mit je zwei Pro-League-Spielen gegen Belgien schon wieder eine Olympia-Vorbereitung. Der schnelle Lernprozess beeindruckt.

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          Die Trostlosigkeit eines leeren Stadions, diese betrübliche Stimmung der im Nichts verhallenden Sportlerstimmen haben die deutschen Hockey-Nationalmannschaften geschickt vermieden bei ihrer Rückkehr in den Spielbetrieb. Umgeben von Bürotürmen mitten in der Stadt liegt die Hockeyanlage des Düsseldorfer HC, ein paar Betonstufen als Mini-Tribüne, ein Kunstrasenplatz und ein Klubheim, das war’s. Die deutschen Hockeyspielerinnen und -spieler, die hier im Rahmen der Pro League in dieser Woche jeweils zwei Länderspiele gegen Belgien austrugen, waren trotzdem glücklich über die Rückkehr der Nationalteams nach einer langen Corona-Pause.

          Es ist schließlich Olympia-Saison – zum zweiten Mal nacheinander. „Die beiden Spiele geben uns ganz viel“, sagte Herren-Bundestrainer Kais al Saadi, nachdem seine Mannschaft zunächst am Dienstag deutlich 1:6 gegen Weltmeister Belgien verloren und tags darauf nach einem 1:1 und einem Penaltyschießen gegen das derzeit womöglich beste Team der Welt gewonnen hatte. „Zum einen haben wir aufgezeigt bekommen, welche Fehler wir machen, aber wir haben auch gezeigt, dass wir mit dem Weltmeister absolut mithalten und sogar gewinnen können“, bilanzierte der Bundestrainer.

          Schon während der deutlichen Niederlage in der ersten Partie hatte die Mannschaft über weite Strecken ordentlich gespielt, doch vorne blieben zu viele Chancen und Strafecken ungenutzt, während eine schwache Konterabsicherung zu einer Flut von Gegentreffern führte. Dass das Team in der Lage war, diese Schwächen innerhalb eines Tages abzustellen, nährt nun den Optimismus. „Die Entwicklung ist das Wichtigste, da hat man einen großen Schritt gesehen“, sagte Florian Fuchs, der Schütze des zwischenzeitlichen 1:0 in der zweiten Partie. „Jetzt sind wir alle froh, dass wir mit einem guten Gefühl aus den beiden Spielen nach Hause fahren.“

          Intensität und Emotionalität auf Maximallevel

          Denn neben der verbesserten taktischen Organisation wurde ihnen gleich in den ersten Spielen nach der Corona-Pause eine kostbare Erkenntnis vor Augen geführt, die in der Pause wohl etwas in Vergessenheit geraten ist: In Wettkämpfen auf dem höchsten Niveau sind die Erfolgschancen gering, wenn Intensität und Emotionalität nicht den Maximallevel erreichen. „Im internationalen Hockey musst du auch gnadenlos sein“, sagte Fuchs, und genau so traten die Deutschen in der zweiten Partie auch auf: willensstark, konzentriert und bereit, auch schwierige Phasen zu überstehen. Im vierten Viertel der zweiten Partie musste Deutschland eine lange belgische Druckphase überstehen, um sich ins Penaltyschießen zu retten.

          Und dort wurde der erst 20 Jahre alte und schon zuvor stark haltende Mannheimer Torhüter Alexander Stadler zum „Man of the Match“, weil er alle fünf Versuche der Belgier abwehren konnte. Mit einer ordentlichen Portion Zuversicht blickt al Saadi, der erst im Herbst 2019 das Amt des Bundestrainers übernommen hat, nun in die Zukunft. Die Verschiebung der Olympischen Spiele auf den kommenden Sommer könnte für das neuformierte deutsche Team ein Vorteil sein. „Denn wir bekommen etwas mehr Zeit, wenn wir jetzt den Startpunkt setzen Richtung Sommer, dann sind das locker zwei, drei Monate mehr“, sagte al Saadi.

          Diesen Vorteil sehen sie bei den Damen nicht so eindeutig. Die Bronzemedaillen-Gewinnerinnen von Rio 2016 siegten zunächst 2:0 gegen die Belgierinnen, ließen am zweiten Tag ein souveränes 3:1 folgen. Aber die Mannschaft wähnte sich im Frühjahr, als die Wirren der Pandemie ihren Anfang nahmen, auf einem sehr guten Weg in Richtung Tokio. „Wir sind auf jeden Fall noch nicht auf dem Niveau, auf dem wir aufgehört haben im März“, sagte Bundestrainer Xaver Reckinger, dem gerade die Leistung in der ersten Partie weniger gut gefallen hatte.

          Ambitionen auf eine Medaille

          Den Damen war es zunächst ebenfalls schwergefallen, die auf internationalem Niveau erforderliche Intensität zu entwickeln. „Wir wussten, dass wir Belgien überlegen sind, haben dann aber schon direkt gesehen, dass es vielleicht doch nicht so einfach ist, wie wir uns das vorgestellt haben“, sagte die erfahrene Mittelfeldspielerin Franzisca Hauke. Das Team blickt Tokio mit realistischen Ambitionen auf eine Medaille entgegen, und Reckinger schwärmte am Ende sogar ein wenig: „Es hat ganz viel Spaß gemacht. Beeindruckend fand ich, wie schnell dieser Spirit, den wir haben, dieses Charisma sogar, wieder da waren.“ Nun sei fast ein Jahr Zeit, um „noch näher an Holland heranzukommen, was ja unser großes Ziel ist“, ergänzte Hauke. Die Niederländerinnen stehen auf der ersten Position der Weltrangliste und haben in der Pro League bisher all ihre Partien gewonnen, diesem immer noch nagelneuen Wettbewerb, der sehr unter der Pandemie leidet.

          Eigentlich gibt es hier große Trophäen zu gewinnen, als „Die stärkste Liga der Welt“ feiert sich das Event, das mit großem technischen Aufwand fürs Fernsehen und die Streaming-Anbieter produziert wird. Nun sagte Stürmer Fuchs jedoch: „Die Pro League ist nicht so, dass man das Gefühl hat, das ist ein eigenes Turnier, da muss man jetzt alles geben, um am Ende den Pokal zu gewinnen. Aktuell ist in allen Köpfen Tokio.“ Der Weg dorthin steckt allerdings weiter voller Ungewissheiten.

          Die nächsten Länderspiele sind zwar für November geplant, aber niemand weiß, ob sie stattfinden können angesichts der steigenden Anzahl von Reisebeschränkungen. „Man muss einen Plan A haben und noch einen Plan A und noch einen Plan A. Das ist schon eine Herausforderung“, sagte Reckinger, der sich nur in einem Punkt ganz sicher ist: „Olympia findet statt, da mache ich mir keine Sorgen.“

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