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Hockey : Der Griff in die Trickkiste hilft

Stockfehler: Der Hamburger Gemmig wird vom Krefelder Broja gestoppt. Bild: AP

Die "Experten" hatten sich alle geirrt - und am Ende doch recht behalten. Nur über die Höhe des Sieges war vorher diskutiert worden, aber dann tat sich der Club an der Alster Hamburg als hoher Favorit doch überaus schwer im Finale um die deutsche Meisterschaft.

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          Die "Experten" hatten sich alle geirrt - und am Ende in der Sache doch recht behalten. Nur über die Höhe des Sieges war vorher auf den Tribünen diskutiert worden, aber dann tat sich der Club an der Alster Hamburg als hoher Favorit doch überaus schwer, um das deutsche Hockey-Finale der Herren auf eigener Anlage vor 3000 Zuschauern tatsächlich 5:4 zu gewinnen. Nach 64 Minuten sah es noch ganz danach gar aus, als sollte dem Crefelder Hockey-und Tennis-Club tatsächlich die große Überraschung gelingen. Der CTHC führte bei seiner ersten Finalteilnahme 4:2, hatte bei Kontern zweimal die große Chance besessen, den Vorsprung auszubauen - und konnte sechs Minuten später kaum fassen, was da noch geschehen war. Der Hamburger Thomas Tihl hatte den Anschluß- und Ausgleichstreffer (64. und 67. Minute), Alster-Kapitän Hendrik Lange mit der letzten Strafecke der Partie (69.) gar noch den Siegtreffer erzielt.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Das Finale hatte die vorherige Bundesliga-Saison widergespiegelt. Mit Alster (5:3-Halbfinalsieger gegen Gladbach) und dem CTHC (2:1-Halbfinalsieger gegen Stuttgart) waren der Tabellenführer und der Zweite der Saison - die schon in der nächsten Woche fortgesetzt wird - aufeinandergetroffen. Durch die Einführung der einteiligen Bundesliga mit zwölf Mannschaften wurde diese deutsche Endrunde schon nach der Hinrunde ausgespielt, um die Teilnehmer für den Europapokal zu ermitteln. So blieb ein kleiner Trost für die Krefelder, denn nach Abschaffung des Pokalwettbewerbes darf der deutsche Meisterschaftszweite im kommenden Jahr am Europapokal der Pokalsieger teilnehmen.

          Daß der CTHC dem großen Favoriten so viele Schwierigkeiten machen würde, hatte vorher kaum jemand erwartet. Das direkte Aufeinandertreffen in der Bundesliga hatte Alster schließlich noch 5:1 für sich entschieden. Im Finale aber zeigte sich schnell, daß der Krefelder Führungstreffer von Philipp Steffen (6. Minute) mehr als einen kleinen Schönheitsfleck darstellte. Gestützt auf seine Nationalspieler Christian Schulte, Timo Weß und Matthias Witthaus, alle drei gerade mit dem Europameistertitel aus Barcelona heimgekehrt, war der Außenseiter nicht nur ebenbürtig, sondern vor allem über weite Strecken gefährlicher. Doch schon der vorübergehende Ausgleichstreffer durch Christoph Zeller, einem weiteren Europameister, war ein Vorgeschmack auf das, was am Ende dieses Finale entscheiden würde. Nach einer Strafeckenvariante traf der Hamburger Ecken-Hereingeber zum 1:1, weil Schulte im Crefelder Tor mit direkten Schüssen nicht beizukommen war.

          Doch auch danach nahm zunächst nichts seinen erwarteten Verlauf. Matthias Witthaus, später als bester Spieler der Endrunde ausgezeichnet, gelang ebenfalls per Strafecke nicht nur das 1:2 (35.), er bereitete auch das 1:3 durch Brenden Koolen (48.) vor. Fast im Gegenzug bremste Eiko Rott mit dem 2:3 (50.) etwas den Krefelder Rausch - aber nur für kurze Zeit: Nach 52 Minuten stellte Tim Witthaus wieder den Zwei-Tore-Vorsprung her, und in der Folge schienen die jungen Krefelder, geführt vom 92er-Olympiasieger Klaus Michler mit ihren Kontern der endgültigen Entscheidung näher als Alster dem Anschlußtreffer.

          Keine Mannschaft in der Bundesliga aber ist so gut besetzt wie die Hamburger, die auch deshalb ihre Strafecken variantenreicher als die Konkurrenz ausführen. Nach dem 3:4 durch Tihl griffen die Hamburger tief in die Trickkiste - abermals Tihl gelang der Ausgleich, als er von links vor das Tor gelaufen war und den Ball kurz vor Schulte unhaltbar für den Krefelder Torwart abfälschte. Zwei Minuten später bot sich Alster wiederum diese Chance, und wieder nutzten sie ihre Strafecke: Diesmal war es Kapitän Lange, der von rechts vor das Tor lief und den Ball an Schulte vorbei brachte.

          Glücklich also, aber beileibe kein Zufall: "Glück muß man sich erarbeiten", sagte der Hamburger Trainer Jo Mahn. Bis um 1.30 Uhr morgens hatte Mahn sich vor die Videogeräte gesetzt und jene Strafecken ausgetüftelt, die etwas mehr als zwölf Stunden später die Entscheidung brachten. Weil der CTHC durch seine aggressive Eckenabwehr gegen den Schützen Max Landshut den direkten Schuß fast unmöglich machte, mußten für die Hamburger andere Lösungsmöglichkeiten her. Daß sie die spät fanden, betrübte den Krefelder Dietmar Alf zwar, aber als Trainer weiß man solche Stärken trotzdem anzuerkennen: "Alster hat seine Varianten souverän vorgetragen." Letztlich setzte sich mit den Hamburgern jener Verein durch, der als der professionellste Hockeyklub Deutschlands gilt. Dank der Unterstützung seiner Spieler mit attraktiven Jobs hat es der Club an der Alster geschafft, zum derzeit erfolgreichsten deutschen Verein mit zwei Triumphen im Europapokal der Landesmeister und nun drei Meistertiteln aufzusteigen. "Mit Geld allein oder ausschließlich dem eigenen Nachwuchs geht das nicht. Wir bemühen uns stark um die Spieler bei ihrer Berufsausbildung, aber sie geben uns auch viel zurück", sagt der erste Vorsitzende Karl Ness. Beispielweise den Titel, wenn auch unter Schmerzen: Philipp Zeller stoppte auf dem Weg dorthin nicht einmal eine Fingerprellung bereits nach zwei Minuten. Soviel Tapferkeit wurde nicht nur mit seinem Treffer zum 1:1 belohnt.

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