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Hochsprung mit Baby : Stillen, wickeln, abheben

Anna Tschitscherowa: „Ich spüre eine neue Freiheit“ Bild: REUTERS

Die Geburt eines Kindes schadet der Leistungsfähigkeit nicht - im Gegenteil. Olympiasiegerin Tia Hellebaut, Weltmeisterin Anna Tschitscherowa und Chaunte Lowe sind die Favoritinnen bei der Hallen-WM - und alle drei Mütter.

          Harte Konkurrenz bestimmt den Hochleistungssport, Verzicht bestimmt den Hochsprung der Frauen. Doch die drei Favoritinnen der Hallen-Weltmeisterschaft in Istanbul teilen besonders tiefe Erfahrungen. „Mutter zu sein schafft eine spezielle Verbindung“, sagt Olympiasiegerin Tia Hellebaut. „Wir sprechen über die langen Nächte und das Stillen, über Herausforderungen und wie wir durchhalten.“

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Weltmeisterin Anna Tschitscherowa stimmt zu: „Wir haben unsere eigenen Themen als Mütter. Wir sind nicht nur Konkurrentinnen, wir schreiben uns regelmäßig E-Mails.“ Dritte im Bunde ist die Amerikanerin Chaunte Lowe. Sie ist mit 28 Jahren zwar die jüngste, wurde aber als erste Mutter. Elf Monate, nachdem 2007 ihr Töchterchen Jasmine auf die Welt kam, gewann sie die amerikanische Olympia-Ausscheidung. Inzwischen hat Chaunte Lowe, die einzige der drei, die noch keinen internationalen Titel gewonnen hat, zwei Goldstücke zu Hause.

          Aurora wurde im April vergangenen Jahres geboren - zu früh und gefährlich untergewichtig, denn sie kam überraschend. Chaunte Lowe war mitten in der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft 2011 in Daegu und so mager, wie Hochspringerinnen eben sind - geprägt von hartem Training und Hunger. Der Arzt verordnete der werdenden Mutter sofort einen Trainingsstopp und herzhafte Mahlzeiten.

          Obwohl Chaunte Lowe mehr als zwanzig Kilo zulegte, kam das Baby mit nur vier Pfund auf die Welt. Als es von der Intensivstation zur Familie durfte, hatte die Mutter immer noch Angst um das Leben des Säuglings. „Manchmal habe ich geweint“, erinnert sie sich, „aus Angst, dass sie nicht überleben würde.“ Heute sei das Kind moppelig - und bildet damit einen prächtigen Gegensatz zu ihrer Mama, die wieder geringes Gewicht mit erstaunlicher Muskulatur verbindet.

          Tia Hellebaut: Von den 25 Kilo, die sie in der Schwangerschaft zulegte, ist nichts mehr zu sehen

          Als Tia Hellebaut die Goldmedaille von Peking gewann, hatten sie und ihr Partner und Trainer Wim Vandeven sich längst neue Ziele gesteckt. Ihr erster Gedanke nach dem Olympiasieg, erinnert sich Tia Hellebaut, habe dem Kind gegolten: „Von dem Moment an, in dem du sagst, dass du Kinder willst, kann es nicht schnell genug gehen.“ Doch die alten Ziele sind nicht vergessen.

          Weniger als ein Jahr nach der Geburt ihrer Tochter Lotte, Anfang 2010, sprang Tia Hellebaut wieder und wurde bei der Europameisterschaft von Barcelona Sechste. Dann verabschiedete sich in ihren zweiten Mutterschutz. Tochter Saartje kam im Juni 2011 zur Welt. Nun ist die Olympiasiegerin 34 Jahre alt; nach eineinhalb Jahren Pause übersprang sie in Arnstadt 1,97 Meter. In Istanbul, verspricht sie, wolle sie an diesem Samstag Bestleistung springen.

          Chaunte Lowe: Sie war so mager, wie Hochspringerinnen eben sind

          Von den 25 Kilo, die auch die Belgierin bei jeder Schwangerschaft zugelegte, ist nichts mehr zu sehen. „Wenn man aus einem so ausgemergelten Zustand kommt, ist es gar nicht so schwer, 25 Kilo zuzunehmen“, sagt Bundestrainerin Brigitte Kurschilgen. „Der Body Mass Index liegt bei Hochspringerinnen fast im Bereich Magersucht.“ Tia Hellebaut ist auf dem Weg zurück dort hin. Bis zu den Olympischen Spielen will sie noch zwei, drei Kilo abnehmen.

          London ist eine gute Olympiastadt für junge Mütter. 1948 gewann die Niederländerin Fanny Blankers-Koen dort beide Goldmedaillen im Sprint sowie die mit der Staffel und die im Hürdensprint. Ein ungünstiger Zeitplan verbaute ihr die Chance auf den fünften Olympiasieg, den im Weitsprung. Weil Fanny Blankers-Koen Mutter zweier Kinder war, wurde sie als „fliegende Hausfrau“ gepriesen.

          Weltmeisterin Tschitscherowa: „Ich fühle mich mental stärker“

          Ob es der Perspektivwechsel ist, die Auszeit vom Leistungssport oder ob ein körperlicher Effekt dahinter steckt: Die Geburt eines Kindes schadet der Leistungsfähigkeit einer Hochspringerin nicht, vielleicht sogar im Gegenteil. Heike Henkel, die Olympiasiegerin von Barcelona 1992, kam zurück, nachdem sie Mutter geworden war. Alina Astafei war schon Mutter als sie in Barcelona die Silbermedaille gewann. Auch Stefka Kostadinowa, die seit bald 25 Jahren den Weltrekord von 2,09 Meter hält, war Mutter.

          Den Effekt der Leistungssteigerung durch Mutterschaft bestätigt die Russin Anna Tschitscherowa gern. „Mit dem Kind hat sich alles verändert“, sagt sie. „Es ist wichtiger als jede Medaille.“ Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb siegte sie ein Jahr nach der Geburt von Töchterlein Nika in Daegu mit 2,03 Meter und steigerte anschließend den russischen Rekord auf 2,06 Meter.

          Olympiasiegerin Hellebaut: „Von dem Moment an, in dem du sagst, dass du Kinder willst, kann es nicht schnell genug gehen“

          „Das war nicht geplant“, sagt sie. „Mein Trainer sagte: Wenn du 1,86 Meter springst, ist es auch gut.“ Mehr Kraft als vor der Geburt, wie sie Tia Hellebaut sich attestiert, kann Anna Tschitscherowa nicht bestätigen. Aber: „Ich fühle mich stärker, mental“, erzählt sie. „Ich spüre eine neue Freiheit. Alles fällt mir leicht.“ Körperlich dagegen gebe es noch „einige weiße Stellen; da muss ich stärker werden“.

          Bundestrainerin Kurschilgen weiß, dass gemunkelt wird über die Mütter im Hochsprung. „Das ist alles Spekulation“, sagt sie. „Vielleicht sollte man mit den drei jetzt eine Studie machen.“

          Die Amerikanerin Lowe hat inzwischen zwei Goldstücke zu Hause

          Ariane Friedrich schaut distanziert auf die Höhenflüge der drei jungen Mütter, nicht nur weil sie auf den Start in Istanbul verzichtet. „Das bedeutet nicht, dass ich jetzt auch ein Kind kriege“, sagt sie. „Ich habe meine Katzen.“ Sie, die viel Zeit bei ihren Großeltern in Nordhausen verbrachte, als ihre Eltern sich beruflich etablierten, vermutet, dass ein Baby sie eher am Leistungssport hindern würde. „Man will ja für das Kind da sein“, sagt sie, „und nicht in der Welt herumfahren.“

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